FILMERNST

Sehend lernen – Die Schule im Kino

Das Kompetenzzentrum für
Film – Schule – Kino
im Land Brandenburg

FILMERNST-Chronik

Je älter man wird, desto mehr hat man zu erzählen, das gilt natürlich auch für die Geschichte eines Projekts. Schon längst ist FILMERNST den Kinderschuhen entwachsen. An Jahren hätte er längst auch die Schule absolviert und vielleicht gar ein Studium. Alt ist er nicht geworden dabei, nur erfahrener und klüger und immer offen für Neues. Hier gibt es die FILMERNST-Retrospektive, eine Chronik in Wort und mit vielen Bildern, mit Erinnerungen an herausragende Veranstaltungen und beeindruckende Begegnungen mit dem Publikum und unseren Gästen – die Höhepunkte und Perlen im filmernsten Jahresreigen.

2002
Wie alles begann …

Ende 2002 nahm das Projekt seinen – zumindest öffentlich sichtbaren – Anfang. »Stell dir vor, es gibt einen phantastischen Kinderfilm – und keiner geht hin«, so hieß es in unserer ersten Pressemeldung. »Warum? Weil er gar nicht im Kino läuft.« Die Rede war vom dänischen Kinderfilm »Miracle – Ein Engel für Dennis P.« In seinem Heimatland war das Spielfilmdebüt der Regisseurin Natasha Arthy (wir hatten sie später noch einmal mit »Fightgirl Ayse« im Programm) ein grandioser Kassenerfolg, und auch …


… international sorgte das hinreißende Musical über Schutzengel, erste Liebe und dicke Freundschaft für Furore. Obwohl es einen deutschen Verleih gab – alpha medienkontor –, brachte es »Ein Engel für Dennis P.« bundesweit nur auf 2.600 Kinozuschauer – und war im Land Brandenburg überhaupt nicht zu sehen.

Das wollten wir ändern und organisierten – unter der wirklich mitreißenden Schlagzeile: »Ein Film, der Flügel verleiht. In deiner Stadt – in deinem Kino!« – mit Überraschungsengeln und himmlischen Stars zwei Familien-Kino-Sonntage in Cottbus und Prenzlau. Als unser allererster Gast rappte der damals 16-jährige Constantin von Jascheroff, die Synchronstimme von Dennis P., mit einem eigens für uns komponierten und getexteten Song über die Bühne des Prenzlauer UNION.

Miracle – Ein Engel für Dennis P. Fotos: Lars Høgsted

Was ihm und uns aber fehlte, war ein großes Publikum. Nicht mal 30 Personen, Eltern mit ihren Kindern, verloren sich jeweils in den großen Kinosälen von Cottbus und Prenzlau. Dennis P. hatte gegen Harry P. keine Chance.

Den beiden Pilot-Veranstaltungen folgten zwar noch vier weitere Wochentags-Vorführungen mit medienpädagogisch-spielerischem Begleitprogramm – in Finsterwalde, Eberswalde, Rathenow und im Potsdamer Filmmuseum, doch alles in allem kamen wir zur – zunächst ernüchternden, dann aber doch erhellenden – Erkenntnis: Sonntags-Events auf keinen Fall!

2002
6 Veranstaltungen
150 Besucher

2003
Wir sind dabei!

»Wir sind dabei«, sagten uns einige Kinoleiter: »Wenn ihr uns das Publikum bringt und die Schulen mit dem nötigen Material versorgt.« – »Wir sind dabei«, sagten auch einige Lehrerinnen und Lehrer: »Wenn ihr uns für den Unterricht geeignete Filme offeriert und den Kinobesuch zum nachhaltigen Erlebnis macht.« – »Wir sind dabei«, sagten schließlich die Förderer: »Wenn ihr überzeugt seid vom Konzept und uns eine realistische Kalkulation liefert.« Im Mai 2003 …


… ging es dann – unter dem wenig aufregenden Titel »KinderKinoSpecial« – mit unserem Abspielring weiter: in den Kinos von Finsterwalde, Lübben, Neuruppin, Potsdam (Filmmuseum), Prenzlau und Rathenow. Mit einem Angebot von künstlerisch wertvollen, auch lehrplanrelevanten Filmen am Vormittag, also während des Unterrichts. Das Kino als Chance und Möglichkeit eines außerschulischen Lernortes. Gefördert durch die Filmboard Berlin-Brandenburg, das Ministerium für Bildung, Jugend und Sport und das Ministerium für Wirtschaft des Landes Brandenburg.

Fotos: D.R.; MFA+; Kinowelt; Pandora Film

 Mit »The Mighty«, »Kletter-Ida«, »Kinder des Himmels« und »Whale Rider« erreichten wir etwas mehr als 3.000 Schüler:innen. Die Zahlen bestätigten nicht nur das Interesse am Besuch anspruchsvoller Kinderfilme im Kino, sie verdeutlichten vor allem, dass es lohnend sein kann, sich mit Filmen auseinanderzusetzen. Schon damals sprachen wir von einem Beitrag sowohl zur Film- als auch zur kulturellen und Allgemeinbildung. Nicht zuletzt wollten wir die Lust auf das Kino und auf Leinwanderlebnisse befördern, die Kinos dadurch stärker in den Fokus der Öffentlichkeit rücken und ihnen das Publikum der Zukunft sichern.

2003
28 Veranstaltungen
3.679 Besucher

2004
Kinski oder Kiliman?

Was noch immer fehlte, war ein zugkräftiger Name für das ambitionierte Projekt – auffällig, einprägsam, unverwechselbar. »KinderKinoSpecial« klang doch eher spröde und rational. Spätestens zum Frühjahr 2004 musste – auch für die effizientere Medien- und Öffentlichkeitsarbeit – ein neuer Auftritt her: mit Logo, Webseite und allem drum und dran. Viele verwegene Vorschläge gab es, wie das Kind denn am besten heißen könnte. KINSKI …


… was für »Kids ins Kino« stand, fiel in Befürchtung dämonischer Konnotationen ebenso schnell durch wie KILIMAN, was irgendwo in Afrika kleiner Berg heißen soll. Was letzten Endes Bestand hatte, allen Anfechtungen widerstand, uns immer runder, witziger und vieldeutiger vorkam, nannte sich schlicht »Film-Ernst«.

Ob wir dabei schon den kleinen Knubbel vor Augen sahen, den uns der Grafiker dann entwarf? Eine Figur mit Anziehungskraft auf die angestrebte Zielgruppe zwischen 6 und 16, aber auch mit positiver Ausstrahlung auf die Erwachsenen? Ein spontaner Sympathieträger: frisch und freundlich, aufgeschlossen und wissbegierig, altklug und intelligent, selbstbewusst und durchsetzungsstark – mit einer Spur Frechheit und natürlich nicht ohne Hintersinn.

Uns und unsere Partner – in den Schulen und den Kinos, in Politik und Kunst – wollten wir mit »Film-Ernst« beim Wort nehmen. Alle, die es wirklich ernst meinen mit der Förderung von Medienkompetenz, Filmbildung und Filmkultur für Kinder und Jugendliche im Land Brandenburg.

Anfang Mai 2004 war es dann soweit: Ohne Bindestrich erblickte FILMERNST – samt Webseite www.filmernst.de – offiziell das Licht der Welt. Als gute Eltern hatten wir uns auch um würdige Paten bemüht: gleich zwei Minister des Landes Brandenburg – Bildungsminister Steffen Reiche und Wirtschaftsminister Ulrich Junghanns – übernahmen die Schirmherrschaft und wollten sich gemeinsam für »FILMERNST« stark machen.

Zwei frühe filmische Höhepunkte hatten wir mit »Wer küsst schon einen Leguan?« (1.174 Besucher in sechs Vorstellungen) und »Kroko« (1.612 Besucher in 10 Vorstellungen).

»Wer küsst schon einen Leguan?«, inszeniert von Karola Hattop, war übrigens der zweite Film, in dem Frederick Lau mitwirkte, hier in einer beeindruckenden Hauptrolle. Mit dem damals 15-jährigen Frederick – und auch mit seinen Filmeltern Antje Westermann und Mario Irrek – erlebten wir einige sehr schöne Gespräche in den Kinos und konnten so den Blick auf FILMERNST lenken.

Fotos: Kinderfilm GmbH/Joseph Wolfsberg

Ebenso mit »Kroko«, hier hatten wir mehrfach die Regisseurin Sylke Enders zu Gast, auch die spektakulär gute Hauptdarstellerin Franziska Jünger sowie – mit Alexander Lange, Heidi Bruck und Jonny Chambilla – beeindruckende Schauspieler:innen vom Theater THIKWA.

Fotos: Ventura Film

» ... ein voller Erfolg, der Saal im Potsdamer Filmmuseum proppevoll: Der Film eröffnet vielleicht dem einen oder anderen Schüler neue Perspektiven. Denn darum geht es bei Filmernst in erster Linie. Filmernst ist gewissermaßen das Pendant zu ›Zeitung in der Schule‹.“
Märkische Allgemeine Zeitung, 16.6.2004

2004
180 Veranstaltungen
19.247 Besucher

2005
Nicht Neu-, sondern Kleinruppin forever!

Inzwischen sind es bereits 15 FILMERNST-Partnerkinos, anfangs waren es sechs. Zum ersten Mal wechselte unser Schirmherr: Nach Steffen Reiche kam Holger Rupprecht. Erstmals erschien auch das neue FILMERNST-Motto auf Webseite und Flyern, quasi der Anspruch in Kurzform: »Sehend lernen – Die Schule im Kino«. Dass die FILMERNST-Philosophie aufging, zeigte sich an einem Film wie »Kleinruppin forever« …


In der FFA-Statistik verbuchte der Film im ersten Halbjahr 2005 lediglich 2.900 Besucher; FILMERNST zählte in zehn Veranstaltungen binnen zweier Wochen rund 1.300 Zuschauer. Der Regisseur Carsten Fiebeler und der Produzent Dirk Beinhold waren in sechs Orten präsent.

Fotos: Senator Film Verleih/Akkord Film Produktion

»Für uns ist es natürlich eine tolle Sache zu sehen, wie durch das lehrbegleitende Material auf einmal eine tiefergehende Diskussion stattfindet als dies normalerweise nach einem Kinobesuch der Fall ist. Die Mühen des Filmemachens haben sich allein schon durch die Resonanz von Schülern und Lehrern bei den Filmernst-Vorstellungen gelohnt.«
Dirk Beinhold, Produzent »Kleinruppin forever«

Direkte Kontakte zwischen Filmemachern und Publikum gab es auch in Veranstaltungen mit »Die Blindgänger« (Regie: Bernd Sahling), »Rhythm is it!« (Regie: Thomas Grube, Enrique Sánchez Lansch) und »Paradise Now« (Regie: Hany Abu-Assad).

Eine Premiere mit Folgen: Zum ersten Mal war Rolf Losansky mit »Das Schulgespenst« unser Gast. Viele solcher Veranstaltungen mit ihm und seinen Filmen machten Rolf schließlich zum Ehren-FILMERNST.

Auf dem Bild: Rolf Losansky und Carsten Fiebeler bei einer Doppel-Veranstaltung in Prenzlau. Foto: FILMERNST

2005
121 Veranstaltungen
14.039 Besucher

2006
Trick-Reich mit Cartoon Movie

So hieß unser erstes Sonderprogramm zum Animationsfilm, das wir anlässlich des in Babelsberg tagenden Forums CARTOON MOVIE auflegten. »Keine ›richtigen‹ Filme«, »ohne ernsthaften Unterrichtsbezug«, »bloß Spaß und Unterhaltung«: Der Trickfilm, wie er landläufig genannt wird, ist ja noch schwerer für schulfilmische Arbeit zu bewerben als Spiel- oder Dokumentarfilme. Wir gestalteten ein Spitzenprogramm und …


… konnten zeigen, dass es im Animationsfilm weit mehr gibt als unglaubliche Bärenbrüder, starke Löwen und sanfte Rehkitze. Die vier ausgewählten Hauptfilme – vom klassischen Zeichentrick über Knetanimationen bis hin zu 3D-Animation – wurden mit Kurzfilmen gekoppelt, allesamt produziert von Student:innen/Absolvent:innen des Studiengangs Animation an der Potsdamer Hochschule für Film und Fernsehen »Konrad Wolf« – geleitet von Professorin Christina Schindler, die wir ebenfalls mehrfach bei FILMERNST begrüßen konnten.

Für die HFF-Studenten/Absolventen war das Miterleben eine ganz spezielle Erfahrung. Da sie in der Regel ihre Produktionen noch nie vor ›normalem Publikum‹ − hier vornehmlich Kinder und Jugendliche − und zudem auf der großen Leinwand präsentiert sahen, waren die spontanen Reaktionen (zum Verständnis des Plots und der Pointen, die Registrierung und Wertung auch von Details, die Rezeption von Ton und Musik) besonders aufregend und aufschlussreich.

Fotos: FILMERNST

Unser FILMERNST-TRICKBOXX-Experte Roland Helia demonstrierte vor und nach jeder Vorführung anschaulich – und für einige sozusagen handgreiflich – das Wesen des Trickfilms: in Form von Zeichen- und Legetrick, aber auch mit Knetfiguren. Für die Mitwirkenden war es ein besonderes − und vor allem von den Lehrkräften der Grundschulen sehr positiv eingeschätztes − Erlebnis, die so produzierten Sekundenfilme sofort auf der großen Leinwand sehen zu können.

Fotos: FILMERNST

»An mehr als 15 Spielorten von Prenzlau bis Cottbus will die Initiative Brandenburger Schüler, passend zum Treffen der Profis, für den modernen Trickfilm begeistern. Der Name ist bei Filmernst Programm: Kinospaß mit Chips und Cola statt Unterricht sollen die Veranstaltungen nicht sein. Dafür gibt es eine Menge interessanter Einblicke hinter die Kulissen der Branche. Anhand von Kurzfilmen schildern Profis, wie viel Arbeit nötig ist, bis Trickfilmstars reibungslos über die Leinwände flimmern. Für die Vor- und Nachbereitung der Vorstellungen bietet Filmernst den Lehrern medienpädagogisches Material an. Die Trickfilmreihe zu ›Cartoon Movie‹ ist bislang die umfangreichste Aktion der Initiative.«
Nordkurier, 13.3.2006

Pressestimmen zum FILMERNST-Cartoon Movie-Programm (pdf)


2006 gab es eine weitere Premiere: die ersten, in Kooperation mit VISION KINO, dem Netzwerk für Film- und Medienkompetenz, veranstalteten SchulKinoWochen im Land Brandenburg.

Pressestimmen zur SchulKinoWoche 2006 (pdf)

Das Cover-Bild des ersten Programmheftes stammte aus dem wunderbaren, sehr kino-affinen türkischen Jugendfilm »Schiffe aus Wassermelonen« (Regie: Ahmet Uluçay). Das Finger-Fenster für die Auswahl des Bildausschnitts haben wir aufgegriffen und mit Brandenburger Kindern weitergeführt.

2006
288 Veranstaltungen
25.825 Besucher

2007
Im Europäischen Parlament

Ganz unerwartet die Einladung, höchst erfreulich das Angebot, einzigartig der Ort: Im Europäischen Parlament in Strasbourg erlebte FILMERNST Ende Oktober 2007 seine internationale Premiere. Ein dreitägiger Kongress der französischen Initiative »École et Cinéma« versammelte Projektkoordinatoren aus 92 französischen Departements zum Erfahrungsaustausch − und zum Blick über die Grenze …


»Éducation au cinéma en Europe: l’exemple de l’Allemagne, trois projets à découvrir en Allemagne«, so stand es im offiziellen Flyer. Ein Vormittag war speziell dem deutschen Film und insbesondere den Aktivitäten im Rahmen schulischer Filmbildung gewidmet. Neben VISION KINO und Cinéfête konnte auch FILMERNST Voraussetzungen, Ziele und Ergebnisse seiner Arbeit darstellen und dabei Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen den beiden Ländern deutlich machen. In einem Saal des europäischen Parlaments von den guten, durchaus anregenden brandenburgischen Aktivitäten im Bereich von Film − Kino − Schule zu berichten, war nicht nur eine filmernste Herausforderung, sondern auch ein kleines Beispiel für das »Europa der Regionen«.


In den SchulKinoWochen 2007 präsentierten wir erstmals einen FOKUS DEFA mit vier Filmen. Die Eröffnungsveranstaltung war einem Klassiker gewidmet: »Berlin − Ecke Schönhauser« – und es wurde eine filmernste DEFA-Sternstunde, vor allem der Gäste wegen: Auf dem Podium saßen Ilse Pagé und Ernst-Georg Schwill als Hauptdarsteller*in des Films, Evelyn Carow als dessen Schnittmeisterin und nicht zuletzt Wolfgang Kohlhaase – Drehbuchautor von nationalem Ruhm und internationaler Klasse. »Wir erzählten Geschichten, die wir uns zutrauten«, berichtete Kohlhaase den Schülerinnen und Schülern. Dass sie auch heute noch Jugendliche für sich einnehmen können, war im Saal zu merken. Ernst-Georg Schwill, der während der Vorführung inmitten des Publikums saß, wollte gespürt haben, wie in manchen Szenen den jungen Leuten noch immer »das Herz puckerte«, wenn es um die Liebe auf der Leinwand gehe, aber auch beim Zoff der Jungen mit den Alten.

Fotos: DEFA-Stiftung, Siegmar Holstein, Hannes Schneider; FILMERNST

»Die Mehrzahl der 14- bis 16-Jährigen im vollbesetzten Kinosaal des Filmmuseums sind gestern Vormittag während der gesamten achtzig Minuten dicht dran am Geschehen, lassen sich gefangen nehmen von dieser Clique in dem DEFA-Klassiker ›Berlin – Ecke Schönhauser‹, die sich von den Erwachsenen gegängelt fühlt und mit Mutproben gegen alles Vorgefertigte rebelliert.«
Heidi Jäger, Potsdamer Neueste Nachrichten, 02.11.2007

2007
275 Veranstaltungen
23.532 Besucher

2008
Wellenbrecher und Blindgänger

Mit 5.500 Besuchern in 36 Veranstaltungen brach »Die Welle« alle Rekorde und schaffte den bis dahin – zumindest quantitativ – erfolgreichsten FILMERNST-Einsatz. Lehrer:innen berichteten von »tiefsichtigen Erkenntnissen auch über das eigene Gruppenverhalten«. Das gewaltsame Ende wurde sehr unterschiedlich bewertet: Einige fanden den Schluss im Buch glaubwürdiger, andere meinten, nur einem solchen Finale gelinge …


… wirklich Aufrüttelung. Die Gespräche nach diesem Film verdeutlichten vor allem eins: Die Diskussionen, auch der Streit über inhaltliche, künstlerische, ästhetische Kriterien sind für Filmbildung unerlässlich. Sie können direkt nach den Vorführungen, im Kino stattfinden, bedürfen aber der weiteren Vertiefung im Unterricht.

Fotos: Constantin Film Verleih

Ein weiterer Film, der in diesem Jahr bei FILMERNST Premiere hatte, bewies das ebenso: »Ben X« (Regie: Nic Balthazar) wurde zu dem Film über Mobbing, gewann über die Jahre an Bedeutung und kontinuierlicher Nachfrage.

Fotos: Kinowelt Filmverleih (Studiocanal)

Mittlerweile in 20 Spielorten des Landes Brandenburg präsent, erreichten FILMERNST immer mehr Anfragen zur Organisation und Gestaltung von Zusatz- und Sonderveranstaltungen, auch und vor allem als Bereicherung von Projekttagen und -wochen. Ein Beispiel dafür im Jahr 2008 war die Kooperation zwischen FILMERNST und dem Schulförderverein der Schule »Am Grünen Grund« Belzig e.V. mit einem vielfältigen Programm zum Thema »Leben mit Behinderungen«. Das Angebot reichte vom Bilderbuchkino für die Jüngsten über die DEFA-Produktion »Rückwärtslaufen kann ich auch« und den vielfach ausgezeichneten Kinderfilm »Die Blindgänger« bis zu »Kroko« und »Jenseits der Stille«.

Filme anschauen, darüber sprechen, weitere Anstöße geben und auch Berührungsängste abbauen: Das sind FILMERNST-Prinzipien, die an Tagen wie diesem in besondere Weise zum Tragen kamen und die für rund 500 Schüler:innen − mit und ohne Behinderungen − zum Erlebnis wurden. Die Moderationen und Spiele, die Gespräche (u.a. mit »Kroko«-Regisseurin Sylke Enders) und Gedanken im Anschluss an die acht Vorführungen vertieften das Gesehene und ließen die Eindrücke nachwirken.

Fotos: FLMERNST

»›Warum produziert eine Regisseurin einen Film mit Behinderten, und warum wird die Geschichte nicht vollständig zu Ende erzählt?‹ Solche Fragen bewegten gestern die Jugendlichen, nachdem sie ›Kroko‹ gesehen hatten. Dieser und weitere fünf Filme sind beim Aktionstag ›Leben mit Behinderungen‹ im Belziger Hofgarten-Kino für insgesamt 500 Kinder und Jugendliche gezeigt worden. Die Aktion wurde vom Ludwigsfelder Filmernst-Büro organisiert.«
Märkische Allgemeine Zeitung, 17.10. 2008


Und noch ein Höhepunkt in diesem für FILMERNST ereignisreichen Jahr 2008: »Sportsfreund Lötzsch«. Als »OV Speiche« wurde er bei der Staatssicherheit geführt – und seine Akte war enorm dick, 1.500 Seiten. Bis zu 50 IM waren auf ihn angesetzt, darunter auch falsche Freunde. Seine Wohnung wurde total verwanzt, zehn Monate saß er wegen »Staatsverleumdung« im berüchtigten Stasi-Gefängnis von Karl-Marx-Stadt. 17 Jahre fuhr er Rad gegen einen eisigen Wind. Von Sieg zu Sieg, aber nie über die Grenzen der DDR oder des Ostblocks hinaus, nie bei einem wirklich renommierten Rennen. Wolfgang Lötzsch war das wohl größte Talent im DDR-Radsport, doch als er in die Fänge der Stasi geriet, kam seine Karriere aus dem Tritt. Späte Gerechtigkeit: Seit 1995 ist er Träger des Bundesverdienstkreuzes und – was ihn am meisten freuen dürfte – auch in die Hall of Fame des deutschen Sports aufgenommen worden.

Auszug aus der Stasi-Akte von Wolfgang Lötzsch

Wir hatten das Glück, mit Schüler:innen der Potsdamer »Peter-Joseph-Lenné Gesamtschule« und der »Carl-von-Ossietzky-Oberschule« Werder Wolfgang Lötzsch im Filmmuseum Potsdam erleben zu dürfen. »Der Film«, sagte dessen Held in potsdam-tv, »ist auch eine gewisse Anerkennung meiner Leistung – und es erfüllt mich mit Stolz, wenn das heute auch Schüler sehen und sich damit auseinandersetzen.«

Und Sandra Prechtel, die gemeinsam mit Sascha Hilpert Regie führte:
»Ich habe bei der FILMERNST-Vorführung meiner Filme erlebt, wie Schüler sich faszinieren lassen von einer Biografie, wie nahe ihnen dieses Leben aus einer vergangenen Zeit gehen kann. Wenn dann noch der Mensch, mit dem sie zwei Stunden im Kino mitgefühlt haben, vor ihnen sitzt und mit ihnen diskutiert, wird Geschichte buchstäblich lebendig.«

Foto: FILMERNST/pnn Manfred Thomas

2008
295 Veranstaltungen
28.124 Besucher

2009
Prädikat: besonders schädlich

Die DDR-Polit- und Kulturzensoren bestätigten dem Film, dass er zwar gut gemeint sei, aber »objektiv« der Sache schade. »Karla« kam 1965 noch in der Rohfassung unter Verschluss, wo er bis Ende 1989 blieb. Wir hatten das große Glück, die selbstbewusste, eigensinnige, temperamentvolle Karla bei mehreren Vorstellungen 2009 erst auf der Leinwand und dann live zu erleben – und wir waren uns einig: Es hätte keine bessere für die Rolle geben können als Jutta Hoffmann ...


Im Gespräch mit den Schüler:innen war die Schauspielerin aktiv und agil, druckvoll und dynamisch wie die Karla vor mehr als 45 Jahren. Sie griff auch gleich selbst mal zum Mikro, forderte Meinungen und Haltungen ein. »Karla« lebt und »Karla« wirkt auch heute noch, die Probleme ihrer damaligen Schüler sind zu einem guten Teil auch noch die Probleme heutiger Jugendlicher: überhaupt eine eigene Meinung zu haben, den Mut zu haben, sie gegen andere zu artikulieren und zu verteidigen, sich zu zeigen und nicht zu verstecken, sich für etwas einzusetzen, aktiv zu werden – und vor allem nicht zu heucheln für gute Noten oder um anderer Vorteile willen.

Auf die Frage einer Schülerin, warum sie denn nach dem Verbot des Films oder auch später nicht in den Westen gegangen sei, was sie denn an der DDR mochte, dass sie so lange dort gelebt habe, antwortete Jutta Hoffmann frank und frei: »Es war meine Heimat, und ich hatte das Gefühl, dass ich den Menschen in der DDR mit meiner Arbeit etwas geben konnte. Die sagten immer: ›Wenn die Hoffmann mitspielt, dann ist es kein Scheiß.‹ Ich wollte immer Geschichten erzählen, die den Menschen hier wichtig waren, die die Leute im Westen im Gegensatz jedoch überhaupt nicht wissen wollten.«

Fotos: DEFA-Stiftung, Franz-Eberhard Daßdorf; FILMERNST

»Karla« war Teil einer langfristig angelegten Veranstaltungs- und Publikationsreihe: »Vergangenheit verstehen – Demokratiebewusstsein stärken. Die DDR im (DEFA-)Film«, die FILMERNST in Kooperation mit dem LISUM 2009 organisiert und gestaltet hat – und die 2010 weitergeführt wurde. Die fünf ausgewählten Filme waren fünf Themenbereichen zugeordnet; insgesamt ergab sich ein spannender Längsschnitt durch vier Jahrzehnte DEFA und damit auch DDR-(Film)-Geschichte, bis hin zu Leander Haußmanns Nachwende-Komödie »Sonnenallee«.

Programmflyer: Die DDR im (DEFA-)Film
Unterrichtsmaterial: Die DDR im (DEFA-)Film
Brief des DEFA-Gründers Kurt Maetzig an FILMERNST

»20 Jahre nach dem Fall der Mauer ist es an der Zeit, mit einer Auswahl von Filmen aus und über die DDR in die Schulen zu gehen, um bei Kindern und Jugendlichen ein unvoreingenommenes, kritisches und differenziertes Bild vom Leben in der DDR zu zeichnen. Noch gibt es kompetente Partner, die aus eigener Erfahrung die komplexen Zusammenhänge von Kunst und Politik jener Zeit vermitteln können, die helfen, die Filme zu verstehen und zu werten. Eine solche Filmreihe ist wichtig, weil bereits jetzt das große Vergessen und die romantische Verklärung des Lebens in der DDR eingesetzt haben. Es ist zu befürchten, dass die Erinnerung an die konfliktreiche Realität den Klischees ideologischer Vorurteile zum Opfer fällt.« Peter Kahane, Regisseur (u.a. »Die Architekten«)

https://bildungsserver.berlin-brandenburg.de/ddr-im-film
https://bildungsserver.berlin-brandenburg.de/themen/medienbildung/unterrichten/filmbildung/ddr-im-film/unterrichtsmaterial-zum-projekt-die-ddr-im-defa-film

2009
265 Veranstaltungen
26.583 Besucher

2010
Der Film und das Leben: »Der Pianist«

»Ein Meisterwerk, das uns überdauern wird«, so charakterisierte Andrzej Szpilman den Film Roman Polanskis, der sich der wundersamen Über-Lebensgeschichte des polnisch-jüdischen Pianisten Władysław Szpilman,  Andrzejs Vater, widmet. Schüler:innen vom »Einstein-Gymnasium« und der »Voltaire-Gesamtschule« Potsdam sowie vom »IX. Liceum Szczecin« und der »Zbigniew-Herbert-Schule« Slubice erlebten im Potsdamer Filmmuseum eine FILMERNST-Geschichtsstunde der ganz besonderen Art.


Sie sahen den mehrfach Oscar-prämierten Film, hörten live Chopin- und Szpilman-Kompositionen, gespielt von der ukrainischen Pianistin Katia Tereshchenko, und hatten Gelegenheit, mit der Frau und dem Sohn des Künstlers über den Film und das Schicksal seines Protagonisten zu sprechen. In der von Musikverleger Frank Harders-Wuthenow moderierten Runde berichtete Halina von ihrer ersten Begegnung mit Władysław. In einem polnischen Bergkurort wurden sie einander im Sommer 1949 vorgestellt. »Nach einigen kurzen Treffen hat er beschlossen, mich zu heiraten«, erzählte sie schmunzelnd. Ehe und Schwangerschaft hielten sie nicht davon ab, ihr Medizinstudium zu beenden und eine sehr renommierte Ärztin zu werden. Nie habe sie nur die Frau des berühmten Pianisten Szpilman sein wollen. »Aber jetzt werde ich ständig nach ihm gefragt, und so bin ich es dann doch.«

Szpilmans Sohn Andrzej bewies mit seinen Ausführungen, dass Kino auch ein bestens geeigneter Lernort sein kann. Die Schüler:innen folgten aufmerksam seinen zum Teil scharfen analytischen Erörterungen über polnische und deutsche Historiographie. Dass er damit zum Nachdenken anregte, bewiesen die vielen Fragen im Anschluss an die Gesprächsrunde und die späteren, ausnahmslos positiven Reaktionen auf dieses deutsch-polnische Treffen.

Fotos: Marian Stefanowski/FILMERNST

»Ich habe viele Veranstaltungen dieser Art in den letzten Jahren besucht und begleitet, aber selten wurde durch das breite Spektrum unterschiedlicher Programmpunkte – Film, Diskussion mit Schülern, Musik, Ausstellung im Filmmuseum – eine solche Synergie erzeugt. Die Idee, polnischen und deutschen Schülern den Film jeweils in ihrer Muttersprache vor der Begegnung mit uns zu zeigen, war hervorragend. Aufklärungsarbeit, wie Sie mit diesem Projekt betrieben haben, ist das beste Mittel, gegen neue Formen des Antisemitismus und des Chauvinismus nachhaltig zu wirken.« Andrzej Szpilman

Dankschreiben vom Musikverlag Boosey&Hawkes an FILMERNST

2010
322 Veranstaltungen
30.883 Besucher

2011
»Niemand hat die Absicht ...«

Er war DDR-Jugendmeister im Hürdenlauf, doch das dramatischste Rennen seines Lebens hat er verloren: Am 13. August 1961 machte sich der inRöntgental bei seiner Oma wohnende Abiturient Roland Exner auf den Weg in die Oderberger Straße, um gegen den Bau der Mauer zu protestieren. Von Polizisten durch die Schönhauser Allee gehetzt, wurde er schließlich gefasst und verhaftet: Drei Jahre und 15 Tage Zuchthaus Bautzen. In FILMERNST-Sonderveranstaltungen ...


... zum 50. Jahrestag des Mauerbaus las Roland Exner aus seiner Lebensgeschichte. 1961, jedenfalls bis zum 13. August, besuchte der junge Leistungssportler die im Westberliner Statdteil Reinickendorf gelegene »Bertha-von-Suttner-Schule«. Jeden Tag bewegte er sich zwischen zwei Welten: zwischen Ost- und Westberlin, zwischen Sozialismus und Kapitalismus - für die ostdeutsche Propaganda zwischen Gut und Böse.

Auch andere ehemalige Schülerinnen und Schüler aus so genannten »Ostklassen« des Abiturjahrgangs 1961 kamen als Zeitzeugen zu FILMERNST und lasen Auszüge aus ihrem 2011 erschienenen Buch »Immer auf der Hut. Ost-Schüler in Westberlin. Als die Mauer dazwischenkam.« Junge Frauen und Männer des Jahrgangs 1961: Sie wohnten in der DDR und in Ostberlin und gingen in Westberlin zur Schule. Das schriftliche Abitur war geschafft, das mündliche stand nach den Sommerferien an. Aber dann kam der 13. August. Schicksalswende. Die neue Situation verlangte blitzschnelle Entscheidungen: Fliehen oder bleiben, Familie oder geistige und politische Freiheit. Wie der Mauerbau ihr Leben veränderte, berichteten sie in mehreren Gesprächen bei FILMERNST.

Fotos: FILMERNST

Ergänzend dazu wurde der Dokumentarfilm »Hauptsache rüber – Durch den Kanal in den Westen« gezeigt, der das tragische Schicksal eines dieser Schüler ins Gedächtnis ruft. Die Wirkung der Veranstaltung und der erschütternden Zeitzeugenberichte bekundet ein Schreiben der Klasse 10c des Potsdamer »Humboldt-Gymnasiums«.

Im Februar 2011 ging der FILMERNST-Schirm zum dritten Mal in andere Hände. Nun hielt ihn Martina Münch über uns. Im November eröffnete sie im Filmmuseum Potsdam die SchulKinoWochen. Zum Auftakt lief mit »Wintertochter« ein grenzüberschreitendes Road Movie, das von Berlin über Szczecin bis in die Masuren führt. Der Regisseur Johannes Schmid und die beiden Hauptdarstellerinnen Ursula Werner und Nina Monka kamen im Anschluss an den Film mit den Schüler:innen ins Gespräch, berichteten von der Entstehung des Films und von den Dreharbeiten.

Fotos: FILMERNST

2011
300 Veranstaltungen
31.201 Besucher

2012
Nerv getroffen

Auf mehr Veranstaltungen kam bis dato kein Film bei FILMERNST: Über 50 mal »Kriegerin«, das Debüt des HFF-Absolventen David Wnendt. Geplant waren 14 Termine. Aufgrund der aufgedeckten NSU-Verbrechen traf der Film einen Nerv und berührte die eigene Schul- und Lebenswirklichkeit. Nahezu jede Veranstaltung wurde moderiert und ermöglichte den intensiven, streitbaren Gedankenaustausch.


Zum großen »Kriegerin«-Erfolg beigetragen haben auch die bei etlichen Veranstaltungen mitwirkenden Gäste vom Filmteam. Mit großer Leidenschaft und großem antifaschistischen Engagement berichtete vor allem der Produzent René Frotscher von der Entstehung des Films, von den Recherchen im Milieu und auch von den zahlreichen Begegnungen mit dem Publikum. Vom speziellen Kompositionsauftrag ›rechtes Liedgut‹ erzählte der Komponist Johannes Repka, vom Bildkonzept der Kameramann Jonas Schmager.

Fotos: Ascot Elite Filmverleih

Die Entscheidung, »Kriegerin« möglichst rasch ins FILMERNST-Programm zu nehmen, war absolut richtig. Es war eine Entscheidung dafür, mit dem Einsatz des Films einen Anstoß zu geben, einen starken künstlerischen Impuls, um sich verstärkt und differenziert mit den brisanten Themen Rechtsradikalismus, neonazistische Ideologie oder den Ausstieg aus der Szene auseinanderzusetzen.

Schüler:innen vom Runge- und vom Louise-Henriette-Gymnasium in Oranienburg beispielsweise hatten viele Fragen und eine klare Haltung. Etliche von ihnen notierten (auf einem anonymen FILMERNST-Fragebogen) spontan ihre Gedanken. Der Satz: »Dieser Film bleibt mir im Gedächtnis, weil ...« wurde beispielsweise ergänzt mit: »er realistischer und offener ist, als ich ihn mir vorgestellt hatte«. Und: »Über den Film zu reden ist wichtig, weil ...« fand viele Ergänzungen in der Art: »...man nur so die Hintergründe komplett erfassen kann. Und man so seine eigene Meinung zu vertreten lernt.«

FILMERNST-Programmflyer zu Kriegerin

2012
297 Veranstaltungen
27.904 Besucher

2013
CineFiesta: Oferta y demanda

Das Angebot war gut und die Nachfrage noch besser bei der sechsten Auflage des speziellen Programms für den Spanischunterricht. Der Dokumentarfilm »Cinco Caminos a Darío« (Fünf Wege zu Darío) brachte uns und dem Publikum eine ganz besondere Begegnung: mit dem in Hamburg lebenden Ecuadorianer Darío Aguirre. »Der fünffache Darío« präsentierte eine überaus amüsante Identitätssuche, die angeregte Diskussionen auslöste. Darío beschrieb …


… seine FILMERNST-Eindrücke später mit diesen Worten: »FILMERNST ist für mich, was ich mir als echten Bildungsauftrag vorstelle: direkter Kontakt zwischen Regie und jungen Zuschauern, gute Filmauswahl, eine tolle Organisation und eine Moderation, die Lust macht, mehr Filme in so einem Rahmen zu sehen. So macht es für alle Spaß, sich mit relevanten Fragen unserer Zeit zu beschäftigen. Die CineFiesta liegt mir ab jetzt besonderes am Herzen, da sie den kulturellen Austausch als Bereicherung praktiziert. Bei FILMERNST gewesen zu sein, hat mir die Hoffnung für die Zukunft des Kinos wiedererweckt! Weiter so!«

Die Moderatorin Hjördis Hornung hatte nach einer Vorführung von »Fünf Wege zu Darío« die Frage gestellt, wer in diesem Kinosaal denn selbst nicht so genau wisse, wer er sei. Die Schüler:innen sahen sich zunächst irritiert um. Niemand gab ein Zeichen. Dann, ganz zögerlich, hob doch jemand die Hand und meinte: »Ich bin mir manchmal nicht so sicher, wer ich bin. Je nachdem, wo ich mich aufhalte und mit wem ich rede, scheinen ganz andere Anteile in mir zu bestimmen, wie sehr ich gerade WER bin.«

Fotos: Real Fiction Filmverleih; FILMERNST


»Es una película que hace pensar sin dejar de ser divertida posicionándose contra prejuicios e intolerancia«, hieß es in unserem Flyer, mit dem wir für die CineFiesta 2011 für »Yo, también« warben. Auf Deutsch: Ein temperamentvoller, nachdenklich-heiterer Film gegen Vorurteile und Intoleranz. Für FILMERNST und die CineFiesta ein ganz wesentliches Kriterium des Programms.

Fotos: Movienet Film


FILMERNST-exklusiv gab es bei der CineFiesta 2013 drei Vorführungen des Animationsfilms »AninA« vom uruguayischen Regisseur Alfred Soderguit. Hierzulande war der (Ende 2013 für den Auslands-Oscar nominierte) Film zuvor nur auf der Berlinale, in der Kinderfilmsektion Kplus, zu sehen gewesen. Dort wurde er vor allem für Kinder der Klassen 1 und 2 empfohlen – und mit einer deutschen Übersetzung der Dialoge präsentiert. Die FILMERNST-CineFiesta zeigte den Film im spanischsprachigen Original für Schüler:innen ab Jahrgangsstufe 6, die also am Anfang ihres Spanischunterrichts stehen.

Anina, der Name ist ein Palindrom – und sprachspielerisch dreht sich im Film vieles um diese Stilfigur: Aninas Vater präsentiert seiner Tochter ein sehr langes Palindrom, das natürlich nur im Spanischen funktioniert:
a mama, roma le aviva el amor a papa, y a papa roma le aviva el amor a mama. Auf Deutsch: Rom hat Mamas Liebe zu Papa neu entfacht und für Papa hat Rom die Liebe zu Mama neu entfacht.

Fotos: Cine Global

Ein großes Plus war das von FILMERNST entwickelte und gestaltete Unterrichtsmaterial zu »AninA«. Die Einbeziehung dieses und anderer FILMERNST-Materialien in den Unterricht erfolgte aber nicht nur hierzulande, sondern auch weit entfernt: Das Projekt des Goethe-Instituts »SehenLernen: Deutsches Kino macht Schule« hat für latein- und südamerikanische Schulen die umfangreichen FILMERNST-Materialien zu »Wintertochter« und »Neukölln Unlimited« nicht nur ins Spanische übersetzt, sondern auch in der Praxis erprobt.

»Der Einsatz des Films ›Neukölln Unlimited‹ war ein großer Erfolg, weil er sich hervorragend eignete, um unserem Ziel, das Deutschlandbild in der Region ConoSur zu modernisieren«, schrieb Ines Patzig-Bartsch, die Leiterin des Projekts im Goethe-Institut Buenos Aires. Der Rapper – und provokanteste Protagonist des Neukölln-Films – Maradona Akkouch war als Gast des Goethe-Instituts in Lateinamerika. Dank der FILMERNST-Materialien konnte die Reihe »SehenLernen« auf inzwischen neun Filme erweitert werden. Für 2013 entschied sich das Projekt für den ebenfalls von FILMERNST empfohlenen und mit Material ausgestatteten »Westwind« von Robert Thalheim.

Die schulische Wertschätzung des CineFiesta-Angebots kam im Brief einer Spanisch-Lehrerin an der Berliner »Wilma-Rudolph-Oberschule« zum Ausdruck. Sie schrieb u.a.: »Ich möchte ich mich auf diesem Wege ganz herzlich bedanken, dass ich nun schon zum dritten Mal durch Sie und Ihr Programm mit immer einer anderen Spanischklasse jeweils einen sehr guten Film gesehen habe. Leider können wir Lehrer ja die Filme nicht vorher ansehen, so dass es immer ein Risiko ist, ob man den für die Gruppe ›richtigen‹ Film aussucht, aber genau deshalb, weil ich bisher nie von den von Ihnen vorgeschlagenen Filmen enttäuscht war, möchte ich mich herzlich für Ihren guten Geschmack und die inhaltlich wertvollen Filme bedanken (bei Ihnen und Ihrem Team). ›Cinco Caminos a Dario‹ war sogar für meine Anfängergruppe ein ansprechender Film, über den wir nach den Ferien weiter arbeiten werden …«!


Begonnen hatte das Jahr 2013 mit einer umfangreichen, alle Schulamtsbezirke des Landes Brandenburg einbeziehenden Veranstaltungsreihe mit einem filmischen Angebot zum Thema Inklusion. Anerkannt als Lehrer:innen-Fortbildung, waren es Nachmittags- bzw. Abendveranstaltungen für Lehrkräfte, Erzieher:innen, Sozialarbeiter:innen und auch am Thema interessierte Eltern – mit dem Dokumentarfilm »Berg Fidel – Eine Schule für alle«.

Fotos: W-film Distribution

Bei drei der insgesamt elf Veranstaltungen waren Gäste vom Filmteam dabei: die Regisseurin Hella Wenders, die Kamerafrau Merle Jothe und der Tonmann Luca Lucchesi. Sie konnten in besonderer Weise und aus erster Hand von der Entstehung des Films und den dort dargestellten schulischen Gegebenheiten berichten. Neun der elf Veranstaltungen wurden von Hansjörg Behrendt, dem ehemaligen Schulleiter der »Regine-Hildebrandt-Schule« Birkenwerder, mit großer schulischer Inklusions-Expertise und viel Leidenschaft moderiert.

Die Resonanz auf das Angebot und die Teilnahme an den Veranstaltungen war für fast alleTermine überdurchschnittlich stark und positiv. In den meisten Orten überstieg die Zahl der Teilnehmer:innen die der Anmeldungen sehr deutlich, zum Auftakt in Prenzlau erschienen fast doppelt so viele Besucher:innen wie vom Schulamt avisiert. Insgesamt zählten die elf Veranstaltungen mehr als 1.200 Besucher.

Fotos: FILMERNST

» ... war eine sehr schöne Erfahrung, vor allem, weil wir die Macher von der Initiative FILMERNST kennengelernt haben! [… ] Ich fand die Diskussion [in Bad Belzig] sehr lebendig, wenn auch viele skeptische Lehrer anwesend waren, die einfach nicht glauben konnten, dass Berg Fidel nicht mehr Mittel hat als andere Schulen. Herr Behrendt, ehemaliger Schulleiter der Regine-Hildebrandt-Schule, hat sogar eine Botschaft von Schulleiter Reinhard Stähling verlesen, aber auch das war nicht überzeugend. Da konnte ich dann nur noch sagen, man muss es wollen und einfach machen. Nicht sich an selbst auferlegten Beschränkungen aufhalten. FILMERNST-Moderator Sven-Ole Knuth zitierte auf der Rückfahrt im Auto so schön: Wer etwas will, sucht Wege! Wer etwas nicht will, sucht Gründe. Trotz dieser Reaktionen glaube ich, dass die Zuschauer den Film sehr mochten und er ihnen ein Stück Mut gegeben hat. Sie hätten sich gerne noch einen Film über den Unterricht gewünscht, wie die Grundschule Berg Fidel es schafft, so zu arbeiten.« Hella Wenders, Regisseurin

»Berg Fidel« jedenfalls, das konnte die FILMERNST-Tour durch das Land Brandenburg eindrucksvoll beweisen, war (und ist) ein wunderbarer Beitrag zum Thema schulische Inklusion, der Impulse setzen und Mut machen kann. Das kam nicht zuletzt auch in einem Brief zum Ausdruck, den uns die Oma eines Jungen schrieb, der als Kind mit Down-Syndrom die »Spreewald-Schule« in Burg besucht(e): »Für mich persönlich steht nach Ihrer Veranstaltung im Cottbusser ›Weltspiegel‹ und den Entscheidungen der Landesregierung zur Inklusion in den letzten Wochen fest: Ich muss mich aktiv auch außerhalb unserer Familie diesem Thema widmen!«

Presse-Echo zu den FILMERNST-Veranstaltungen mit »Berg Fidel«

2013
305 Veranstaltungen
26.608 Besucher

2014
Die erste Null

Die Größen nölen und die Kleinen grölen: Kindergeburtstage können sich zu einer nervenaufreibenden Angelegenheit auswachsen. Deshalb wird die Organisation gleich Event-Agenturen übertragen, die dann scheinbar kindgerechte Belustigungen kreieren. Wir verzichteten auf derartige Unterstützung und nahmen zum 10. FILMERNST-Geburtstag alles selbst in die Hand. Am Ende der brillanten Party lagen sich ein glücklicher Jubilar …


… zufriedene Eltern und begeisterte Gäste in den Armen. Zum Auftakt der Feier im KULTurKino CAPITOL in Königs Wusterhausen erinnerten himmlische Heerscharen an den filmernsten Anfang mit dem dänischen Kinderfilm »Miracle – Ein Engel für Dennis P.«. »Halleluja«, schmetterte der in ein blendend-weißes Las-Vegas-Outfit gewandete und von vier FILMERNST-Engeln beflügelte Entertainer mit Inbrunst in den Saal. Ein fulminanter, wochenlang geprobter Start, der Parkett und Rang des schnucklig-schönen Kinos zum Rocken brachte. Rasenden Applaus gab’s für die Schmelz- und Schmalzstimme Sven-Ole Knuths, der den weißen Anzug fortan nicht mehr ablegte, und seine flügelschlagenden Go-Go-Girls: Hjördis Hornung, Kathrin Lantzsch, Patricia Hermes, Jana Kausch.


Nach zehn Projektjahren standen 2.800 Kino-Veranstaltungen mit 260.000 Besuchern in der FILMERNST-Bilanz. Als wir mit der Planung eines filmernsten Rückblicks begannen, hatten wir zunächst eine Top-Ten-Liste im Sinn. 10 Jahre – 10 Filme. Unsere Favoriten, die in der Regel auch die Publikums-Favoriten waren: inhaltlich aufregende und formal anregende Filme, sehr oft begleitet von intensiven und wirklich nachhaltigen Gesprächen und Begegnungen. Die Krux: Es waren weit mehr als zehn Filme, die für eine solche Auswahl in Frage kamen. So machten wir aus der Not kurzerhand eine Tugend und zählten dreimal bis zehn: für zehn deutsche und zehn internationale Produktionen sowie – als Ergänzung – für zehn spanischsprachige Werke, die im Rahmen der CineFiesta liefen.
30 Filmperlen, die im Jubiläumsprogramm noch einmal in Wort und Bild präsentiert wurden. 30 Filmperlen, die allesamt das FILMERNST-Gütesiegel verdient haben, mit dem wir auf aktuelle, herausragende Filme aufmerksam machen. 30 Filmperlen, die es wert sind, neu und wieder gesehen zu werden – über 2014 hinaus.

Fotos: Andreas Winter/FILMERNST


Das CAPITOL war zur Party rappelvoll, aber nicht alle, die wir eingeladen hatten, konnten dabei sein. Sie schickten uns ihre Glückwünsche und ihr Lob, hier rund zehn der zahlreichen Gratulationen:

Die 30 Besten: FILMERNST-Jubiläumsprogramm zum Download


Zur Geburtstagsfeier präsentierten wir unter dem vielen ganz Besonderen noch etwas absolut Besonderes: Paten, die FILMERNST bei der Hand nehmen und durch die Pubertät führen sollten. Paten, die sich mit ihrem guten Namen für ein gutes Projekt starkmachen wollten. 10 Paten hatten wir im Blick, elf wurden es dann. Zumeist gute Bekannte, mit denen FILMERNST bereits beste Erfahrungen gesammelt hatte, die das FILMERNST-Programm mit ihren Beiträgen – als Regisseur:innen, Autor:innen, Szenenbildner:innen, Produzent:innen, Schauspieler:innen – vielfach bereicherten.
Es war ein Höhepunkt des Abends, als sechs der FILMERNST-Paten auf die CAPITOL- Bühne kamen: René Frotscher (Produzent »Kriegerin«), Sylke Enders (Regisseurin »Kroko«), Angelica Böhm (Szenenbildnerin »Blöde Mütze!«), Bernd Sahling (Regisseur »Kopfüber«), Holly-Jane Rahlens (Drehbuchautorin »Max Minsky und ich«) und Anna Justice (Regisseurin »Max Minsky und ich«). Auf dem Gemeinschaftsbild von links nach rechts mit FILMERNST-Moderator Sven-Ole Knuth.

Fotos: Andreas Winter/FILMERNST

Nicht auf dem Bild sind die fünf weiteren Paten, die mit originellen Videobotschaften und Grüßen präsent waren: Lutz Reitemeier (Kameramann »Das Mädchen Wadjda«), Dietrich Brüggemann (Regisseur »Renn, wenn du kannst«), Florian Lukas (Schauspieler »Good Bye, Lenin!«), Alfred Holighaus (Geschäftsführung Deutsche Filmakademie) – und hier, neben den Steckdosen, zu sehen und zu hören: Ronald Zehrfeld.


Die öffentliche Premiere erlebte zur Geburtstagsparty auch der – von unserer unendlich einfallsreichen und eigentlich ernsthaft zu FILMERNST gehörenden Agentur hneun gestaltete und von Markus Müller wunderbar animierte – »Bumper«, zu dem wir immer Trailer sagen und der seitdem bei fast jeder FILMERNST-Vorführung als Intro läuft und immer für einen Lacher sorgt.

2014
346 Veranstaltungen
28.294 Besucher

2015
Quatsch gemacht

Es wurden Klappen geschlagen, Töne geangelt, Takes wiederholt, bis alles im Kasten war: Fast wie bei einer großen Filmproduktion, was im Prenzlauer UNION zum »Tag der Filmbildung« über die Bühne ging. Als Highlight gab’s die Preview von Veit Helmers »Quatsch und die Nasenbärbande«. Weltweit ein Festival-Erfolg, reagierten Erwachsene hierzulande eher verhalten-besorgt auf die freudvolle Kinder-Anarchie.
Wir wollten es genauer wissen …


… und holten, in Kooperation mit »Kinder machen Kurzfilm«, Schüler:innen der 5. Klassen der Grund- und Oberschule Grabow ins Kino. Sie sollten schauen und beurteilen, ob und wie der »Quatsch« sich eignet für Erst- und Zweitklässler. Die jungen Filmkritiker:innen waren emsig bei der Sache, füllten Fragebögen aus, schrieben kurze Texte, und zum Schluss wurden ihre Pro- und Kontra-Argumente in Wort und Bild festgehalten. Vor dem Kino wurde dann das große »Quatsch«-Klassenfoto gestellt.

Als Gesamtnote für den Film ergaben die Bewertungen der 42 Mädchen und Jungen – analog zu den Schulnoten – einen Wert von 1,8. Die meist angekreuzten Adjektive für die Beschreibung des Films waren: lustig, fantasievoll, verrückt, chaotisch, action-geladen. Auf die Frage, wie sie sich nach dem Anschauen des Films gefühlt haben, antworteten die Kinder mit: sehr cool, crazy, lustig, aufgeregt, verrückt, gut, MILCHig☺, traurig vor Freude und ziemlich froh.
Von wenigen Ausnahmen abgesehen, wollten die Schüler:innen den Film ihren jüngeren Geschwistern empfehlen, aber eigentlich, so war die übereinstimmende Auffassung, sei es ein Film für die ganze Familie.
Kein Quatsch!

Fotos: FILMERNST

Gedreht wurde der Film übrigens im märkischen Buckow – und mit den dortigen, von den Grund-Brüdern geleiteten »Parklichtspielen« war erstmals ein FILMERNST-Partnerkino auf der Leinwand zu sehen.


Bei einer Veranstaltung mit »Lauf, Junge lauf« im CAPITOL Königs Wusterhausen freuten wir uns über den Besuch vom Landrat des Landkreises Dahme-Spreewald, Stephan Loge. Er wollte nicht nur gemeinsam mit den Schüler:innen den Film sehen, sondern im Anschluss daran auch mit ihnen darüber reden. Er sprach sehr bewegend von der Notwendigkeit, auch heute noch an den Holocaust zu erinnern und zu verhindern, dass Menschenfeindlichkeit irgendwo geduldet würde. Er sei sehr dankbar für solche Filme, und er forderte die Jugendlichen auf, sich ganz aktuell mit den Geflüchteten und Hilfesuchenden zu solidarisieren und sie zu unterstützen, was vor allem vor dem Hintergrund an Bedeutung gewann, dass Rechtsradikale und Rechtspopulisten gegen den Bau einer Flüchtlingsunterkunft in Königs Wusterhausen mobil machten. Der Landrat wünschte sich unbedingt weitere Veranstaltungen dieser Art.

Fotos: NFP Marketing & Distribution


Im April 2014, bei der FILMERNST-Party, hatte er noch auf der Bühne des CAPITOL gestanden, als Bandleader der Schülerband der Zeuthener musikbetonten Gesamtschule »Paul Dessau«. Anfang 2015 wechselte der Schulleiter Dr. Thomas Drescher zwar nicht ganz die Seiten, wohl aber das Amt: Er wurde Staatssekretär im MBJS – und Günter Baaske neuer Bildungsminister. Nachdem wir erst zum zehnjährigen Jubiläum ein paar große Schirme in den FILMERNST-Farben hatten produzieren lassen und einen auch an Martina Münch übergaben, brauchten wir nun schon wieder einen neuen Schirmherrn, den vierten mittlerweile. Günter Baaske nahm an – und erzählte uns bei einem seiner Besuche von seinen jugendlichen Kino-Erfahrungen, nicht zuletzt mit DEFA-Filmen.

Fotos: FILMERNST

2015
378 Veranstaltungen
31.081 Besucher

2016
Ein Tusch für einen Preis

Es gibt ja Leute, die reisen zu Preisverleihungen gar nicht erst an, nicht mal nach Stockholm, um sich zu nobilitieren, so wie »His Bobness« Dylan in jenem Jahr. Wir dagegen reisten in voller FILMERNST-Mannschaftsstärke nach Berlin in die Akademie der Künste, um dort einen Preis in Empfang zu nehmen. Unseren ersten überhaupt: Die DEFA-Stiftung fand unsere filmernste Arbeit, auch und gerade zur Vermittlung des filmischen Erbes …


… eine Auszeichnung wert. Gemeinsam mit dem Kinderfilmfest im Land Brandenburg wurden wir mit einem von drei DEFA-Programmpreisen geehrt – und freuten uns natürlich über die Maßen!

Mehr als 500 Gäste hatten sich am 18. November im AdK-Haus am Hanseatenweg eingefunden, um – im Jubiläumsjahr, 70 Jahre nach Gründung der DEFA – die Preisverleihung mitzuerleben. Den Preis für das künstlerische Lebenswerk bekam Herrmann Zschoche, den auch wir schon mehrfach mit seinen Werken (»Karla«, »Philipp der Kleine«, »Sieben Sommersprossen«, »Insel der Schwäne«, »Das Mädchen aus dem Fahrstuhl«) bei FILMERNST-Veranstaltungen präsentierten und zu Gast hatten. Für die in aller Welt geschätzten Filmhistoriker Erika und Ulrich Gregor gab es den Preis für herausragende Leistungen im deutschen Film; für den jungen Regisseur Thomas Stuber den Förderpreis für junges Kino.

Die drei Programmpreise gingen an die »Homunkulus« Figurensammlung auf Hiddensee, an Horst Peter Koll, den langjährigen Chefredakteur der Zeitschrift »film- dienst«, und der dritte zu gleichen Teilen an das Kinderfilmfest im Land Brandenburg und an FILMERNST.

Moderiert wurde der Abend in gewohnt launig-lockerer Art von Kino-King Knut Elstermann. Ein beeindruckend langes Saxofon-Solo blies der legendäre Günther Fischer. Viel voll und kräftig klingendes Blech schmetterte die »Bolschewistische Kurkapelle Schwarz-Rot«, ihr Tusch klingt uns in den Ohren: Der kleine FILMERNST ist mit dieser Auszeichnung ein ganzes Stück gewachsen!

Fotos: Christa Penserot/LISUM


Die filmernste Arbeit 2016 bot, aus aktuellem Anlass, auch zahlreiche Veranstaltungen für geflüchtete Kinder und Jugendliche. Filme, das ist bekannt, erleichtern den Zugang zu einer fremden Kultur und Sprache. Deshalb hatte das Goethe-Institut in Zusammenarbeit mit dem Bundesverband Jugend und Film (BJF) einen »Cinemanya-Koffer« gepackt: 18 deutsche Filme mit arabischen Untertiteln oder in Synchronfassung für die medienpädagogische Arbeit mit geflüchteten Kindern und Jugendlichen. Die erste FILMERNST-Cinemanya-Veranstaltung fand im Berliner »Bundesplatz-Kino« statt: Mehr als 70 Jugendliche aus Willkommensklassen vom »Schadow-Gymnasium« in Steglitz und der »Bröndby-Oberschule« in Lankwitz sahen Bernd Sahlings Debüt-Spielfilm »Die Blindgänger«.

Fotos: FILMERNST

Anschließend hatten die Schüler:innen – aus Afghanistan, Syrien, Bosnien, Mazedonien, Bulgarien, Costa Rica, Cuba – eine Menge Fragen an FILMERNST und den Regisseur: Warum wir gerade diesen Film für sie gewählt hätten, wie und wo er entstanden sei, wie die jungen Darsteller ausgesucht wurden, warum Herbert, der Russlanddeutsche, unbedingt wieder zurück nach Kasachstan wolle. Und natürlich gab’s die Frage nach dem Happy-End, das bei diesem Film ja nicht ganz so offensichtlich ist.
Der FU-Pädagogik-Student Hussein Khayed übersetzte ins Arabische und der sehr engagierte, filmbegeisterte Lehrer Rob van Beek ins Englische. Nicht wenige der Jugendlichen aber stellten ihre Fragen bereits auf Deutsch – und wurden gut verstanden. Am Ende gab’s ein Gruppenfoto vor dem »Kino Bundesplatz« – und einen filmernsten Dank an alle Beteiligten, nicht zuletzt an die Kino-Chefs Peter Latta und Martin Erlenmaier.

Eine ähnliche Veranstaltung fand im UNION Kino Prenzlau statt, hier mit Sebastian Groblers Fußball-Film »Der ganz große Traum«. Nach rund einer Dreiviertelstunde Film hätte eigentlich die erste Pause sein müssen: Zuschauer:innen aus Syrien wissen das und warten darauf: bei jedem Film, nicht nur bei denen mit Überlänge. Bei der Prenzlauer Vorführung liefen die 110 Minuten an einem Stück, und die reichlich hundert Zuschauer folgten der Geschichte, wie der Fußball nach Deutschland kam, mit großer Aufmerksamkeit und Spannung. Jugendliche im Alter von 12 bis 18 Jahren aus Syrien, Afghanistan, Tschetschenien, Bangladesh, Somalia, Pakistan. Als unbegleitete minderjährige Flüchtlinge waren sie nach Deutschland gekommen; in »Willkommensklassen« lernten sie am Oberstufenzentrum, in der »Carl-Friedrich-Grabow-Schule« und der Aktiven Naturschule.

Fotos: FILMERNST

Belal Nayseh, ein Syrer, der damals bereits seit anderthalb Jahren in Prenzlau lebte und Deutschunterricht für Erwachsene gab, übersetzte die zahlreichen Fragen und Antworten. Erstaunen bei den Jugendlichen über das völlig veränderte Leben in Deutschland damals und heute. Dass es auch hierzulande Zeiten gegeben habe ohne Demokratie und in der Schule die Prügelstrafe. Einer der Jungen meinte, dass in Syrien Deutschland als Vorbild für schulische Erziehung genommen werde. Zwei 16-Jährige hatten sich sogar während des Films Notizen gemacht. Belal Nayseh übersetzte, was sie auf Arabisch sagten: Sie hätten vor allem festgehalten, dass man nie aufgeben dürfe. Wenn man wirklich an sich glaube, dann müsse man auch niemals aufgeben.
Für alle an diesem Vormittag war der Besuch im Prenzlauer UNION ein Erlebnis und für Kinochef Klaus-Dieter Glander »ein Herzensbedürfnis«, gerade bei einer solchen Aktion mit dabei zu sein.


Gern und häufig gesehener FILMERNST-Gast war die Regisseurin Cornelia Grünberg mit ihren Filmen »Vierzehn – Erwachsen in neun Monaten« und »Achtzehn – Wagnis Leben«. »Gibt es eine Fortsetzung? Was ist aus ihnen geworden, wie ist es weitergegangen?« Häufig gestellte Fragen, gerade bei Dokumentarfilmen. Ja, es gibt eine Fortsetzung, konnte Cornelia Grünberg dann antworten, wenn sie im Anschluss an »Vierzehn« danach gefragt wurde. »Vierzehn« ist das einfühlsame Gruppenporträt von vier Mädchen, die in eben diesem Alter schwanger und praktisch in nur neun Monaten erwachsen wurden. Im Anschluss an fast jede der zahlreichen Vorführungen wurden Meinungen, Erfahrungen, Gefühle ausgetauscht, kamen die Schüler:innen miteinander und mit der Regisseurin ins Gespräch. Das war nach »Achtzehn« nicht anders, wo – zum Beispiel im Prenzlauer Kino UNON – Cornelia Grünberg berichtete, was Langzeitdokumentationen von den Filmemachern erfordern: viel Kraft, Ausdauer und Geduld. Für das Publikum sind Fortsetzungsgeschichten von großem Reiz – und es war sehr erstaunlich oder mehr noch erfreulich, wie die Filme und das Thema nicht nur die Mädchen, sondern auch die Jungen erreichte und bewegte. Geschichten, die das Leben schreibt!

Fotos: FILMERNST

Motivierend für uns natürlich auch das Lob der Regisseurin: »Sehr gut fand ich euren Moderator Sven-Ole Knuth. Er hat die Schüler und Schülerinnen sehr gut eingeführt, sowohl in das Genre künstlerischer Dokumentarfilm als auch in die Problematik der Teen-Moms. Ich muss sagen, dass das die besten Moderationen waren, die ich auf meiner Reise mit ›Vierzehn‹ erlebt habe. Super gut vorbereitet und gut geführt.«

2016
398 Veranstaltungen
34.280 Besucher

2017
Keine Kunst?

Kunst ist tradiertes Unterrichtsfach, anerkannt und gewürdigt für seinen Beitrag zur Entwicklung einer Persönlichkeit. »Sehend lernen – Die Schule im Kino« könnte daher auch ein substantieller Beitrag zum Kunst-Unterricht sein. Allerdings nutzen nur sehr wenige Lehrkräfte das FILMERNST-Angebot gezielt für dieses Fach. Das wollten wir ändern, mit einem ganz der Bildenden Kunst verschriebenen Zusatzprogramm …


Die Auswahl von lediglich vier Filmen war alles andere als einfach. Sie überspannen fast ein halbes Jahrtausend Kunstgeschichte und obwohl sie zeitlich weit auseinanderliegen, haben sie erstaunlich viele, markante Berührungspunkte. Künstler und Macht, Künstler und Ideologie, Künstler, die ein Kreuz zu tragen haben. Es sind Filme und Künstler, die Fragen stellen, die provozieren, die die Betrachter:innen und Zuschauer:innen zum Denken herausfordern: ein Dokumentarfilm über den legendären Joseph Beuys, ein weiterer über die unvergleichlich-provokante Performance-Künstlerin Marina Abramovic – sowie zwei ganz außergewöhnliche Spielfilme: »Die Mühle und das Kreuz« (Regie: Lech Majewski) zu einem berühmten Brueghel-Gemälde und »Goya« (Regie: Konrad Wolf), einer der opulentesten DEFA-Filme überhaupt.

»Performance erfordert einen emotionalen Dialog«, ist Marina Abramović überzeugt – und genau zu diesem Dialog wollten wir die Lehrer:innen mit ihren Schüler:innen einladen, leider ohne Erfolg. Es blieb dabei, was – anonyme – Online-Befragungen bereits zuvor verdeutlicht hatten, klare Verhältnisse nämlich: Die schulischen Kino- und Filmbesuche sind zu 70 Prozent für »Deutsch« relevant, zu 15 Prozent für »L-E-R« und lediglich zu jeweils sieben Prozent für »Geschichte« und »Kunst«.
Wir bieten das Kunst-Sonderprogramm, wie auch alle anderen Zusatz- und Sonderprogramme, weiterhin an. Steter Tropfen füllt den Krug!

Fotos: Piffl Medien/zero one film

FILMERNST-Flyer: 4 Künstler – 4 Filme


Begonnen hatten wir das Jahr gewissermaßen »Auf Augenhöhe«, dem Spielfilm-Debüt des in Potsdam lebenden Regie-Duos Evi Goldbrunner und Joachim Dollhopf.  Zum Auftakt der SchulKinoWochen war der Saal im Filmmuseum Potsdam rappelvoll, im Anschluss an die Vorführung gab es viele Fragen: Wie verhält man sich, wenn der lange gesuchte und vermisste Vater zwar endlich gefunden wird, aber ganz und gar nicht an die hohen Erwartungen und Hoffnungen des Sohnes heranreicht, weil er kleinwüchsig ist? Was ist schon normal?  Ein Film und eine Geschichte, die kleine Personen in jeder Beziehung weit über sich hinauswachsen lassen.

Fotos: FILMERNST


Auf gleich vier FILMERNST-SchulKinoWochen-Einsätze brachte es Robert Heber, Absolvent der Filmuniversität »Konrad Wolf«, mit seinem Debüt »Das richtige Leben«. Für die Schüler:innen des »Carl-Bechstein-Gymnasiums« Erkner war die Begegnung mit dem jungen Regisseur ein besonderes Erlebnis. Sie diskutierten mit ihm das Für und Wider: Wie kann es gelingen, das richtige Leben? Was gehört dazu? Oder anders gefragt: Was wäre ein falsches Leben? Der Film hatte das Romeo-und-Julia-Schicksal eines jungen Paares in der Oberlausitz vor Augen geführt – und die große Versuchung eines 19-Jährigen, als grenzüberschreitender Drogenkurier das schnelle Geld zu machen. Dass dieses Glück auf Sand gebaut ist, darüber waren sich die Zuschauer einig. Weit weniger einig waren sie sich, wie das Ende dieses Films sein sollte: eher offen zum Nach- und Weiterdenken, so wie es der Regisseur beabsichtigt hatte und bei vielen auch gut ankam – oder doch mit eindeutigen Bildern und Worten vorgegeben?

Fotos: © Andrej Johannes Thieme & Filmuniversität Babelsberg


Im April 2017, und das war kein Aprilscherz, hatte es FILMERNST in die Hauptstadtpresse geschafft – und das gleich mit einem großen Beitrag in eine Wochenendausgabe der »Berliner Zeitung«. Wir dachten, das nimmt keiner wahr, aber es waren doch etliche, die sich freuten, von uns zu lesen. Insofern gibt's jetzt den Beitrag noch mal für alle – mit dem Bild vom Dach der »Neuen Kammerspiele« Kleinmachnow, auf dem zu sehen ist, dass wir mit den Kinos im Land Brandenburg hoch hinauswollen.

»Unterricht im Kino« – »Berliner Zeitung« über FILMERNST (pdf)

Foto: Gerd Engelsmann/Berliner Zeitung


Im September war es mal wieder soweit: Ministerpräsident Dietmar Woidke gab nach einer Kabinettssitzung einen Wechsel an der Spitze des Ministeriums für Bildung, Jugend und Sport bekannt. Die frühere schleswig-holsteinische Bildungsministerin Britta Ernst übernahm das Amt von Günter Baaske, der persönlicher Gründe wegen zurücktrat.
Schon vom Namen her passte das nun perfekt zu FILMERNST, wenn die neue Ministerin die Schirmherrschaft fortführen würde. Sie nahm den Schirm, wie auf Bildern von späteren Begegnungen zu sehen sein wird, und spannte ihn auf für uns. »Schirmherrin« ist natürlich ein Widerspruch in sich, aber Schirmx – analog zum Vorschlag von Gender-Professx Lann Hornscheidt von der Humboldt-Universität – wollten wir sie auch nicht nennen. So heißt es eben: FILMERNST: Ein Projekt unter der Schirmherrschaft von Bildungsministerin Britta Ernst.

Fotos: FILMERNST

2018
376 Veranstaltungen
35.050 Besucher

2018
Einfach naheliegend

Drehort und Schauplatz Brandenburg, gedreht in Eisenhüttenstadt und Babelsberg: Lars Kraumes Zeitreise in die DDR-Geschichte, »Das schweigende Klassenzimmer«. Wir hatten große Erwartungen und Hoffnungen in diesen Film gesetzt – und sie wurden erfüllt: mit fast 2.200 Schüler:innen in 20 Veranstaltungen. Der Film entstand nach einer wahren Begebenheit, die sich 1956 in Storkow ereignete: eine Schweigeminute ...


… im Geschichtsunterricht, die den Abiturient:innen als konterrevolutionäre Aktion ausgelegt und drastisch bestraft wurde. Wahrheit, Ehrlichkeit, Zivilcourage, darum geht es im Film und darum ging es in den Gesprächen und Diskussionen nach dem Film, in dem gleich zwei FILMERNST-Paten in Hauptrollen mitwirken: Florian Lukas und Ronald Zehrfeld.

Fotos: Studiocanal

Karsten W. Köhler war einer der damaligen Abiturienten, er wurde von der Stasi als Rädelsführer der Aktion verdächtigt. Nun, mehr als 60 Jahre später, war er bei vielen FILMERNST-Veranstaltungen als Zeitzeuge dabei. Mit viel Herzblut und spürbarer Leidenschaft berichtete er von jenem Ereignis, das sein Leben veränderte. Florian Lukas spielt den Schuldirektor, von dem die Schüler sich damals verraten glaubten. Beide, Karsten Köhler und Florian Lukas, waren Gast im »Weltspiegel« in Finsterwalde. Mehr als 300 Schüler:innen saßen im ausverkauften Kinosaal – und beschäftigten sich im Deutsch- und Geschichtsunterricht weiter mit dem Film und seiner Geschichte. Ausnahmslos positiv aufgenommene FILMERNST-Zeitzeugengespräche mit Karsten W. Köhler gab es in insgesamt fünf FILMERNST-Partnerkinos.

Fotos: Jürgen Weser (Lausitzer Rundschau)/FILMERNST

Die Aktion der Storkower Abiturient:innen stand – politisch, zeithistorisch – in unmittelbarem Zusammenhang mit dem ungarischen Aufstand 1956. Von daher verwundert es nicht, dass der Film auch in Ungarn großes Interesse erweckte und Karsten W. Köhler zu vielen Veranstaltungen eingeladen wurde. Dabei hatte er offenbar so überzeugend gewirkt, dass ihm der ungarische Präsident, Dr. János Áder, das Goldene Verdienstkreuz von Ungarn verlieh. Herr Köhler erhielt die Auszeichnung »in Anerkennung seiner Solidarität mit der ungarischen Revolution von 1956 sowie seiner Tätigkeit zur Aufklärung der jungen Generation über die Missstände in der kommunistischen Diktatur«. Der auβerordentliche und bevollmächtigte Botschafter von Ungarn in Deutschland, Dr. Péter Györkös, gab sich die Ehre (so hieße  es in der Einladung), zur Ordensverleihung in die Berliner Botschaft »Unter den Linden« Anfang März 2020 einzuladen – FILMERNST durfte als Gast dabei sein.

Fotos: FILMERNST


Drehort und Schauplatz Brandenburg, das trifft auch auf »Königin von Niendorf« zu. Im Landkreis Teltow-Fläming, in Niendorf, einem Ortsteil der Gemeinde Ihlow, hat Joya Thome ihren ersten Spielfilm angesiedelt: Ein wirklich ganz besonderer Kinderfilm, der das Land zum Klingen und zum Leuchten bringt: Es summt, es quakt, es zwitschert. Im Gras liegen und in den Himmel schauen. Ein grüngold glänzender Rosenkäfer auf der Hand. Vollmond, Käuzchenschreie, 5 Uhr morgens auf einer Lichtung. Geheimnisse und Mutproben – Sommerferien in Brandenburg.
Ein großartiger Film, der das Publikum auf zahlreichen nationalen wie internationalen Festivals begeisterte – und ganz regional auch bei FILMERNST.

Fotos: Darling Berlin/UCM.ONE, Berlin

Rund 1.300 Besucher in 18 »Königin von Niendorf«-Vorführungen waren spitze! Im »Weltspiegel« Finsterwalde saßen sogar drei von Joya Thomes Kinder-Komparsen des Films mit im Publikum und freuten sich über das Wiedersehen mit der Regisseurin.

Fotos: Jürgen Weser (Lausitzer Rundschau)/FILMERNST

2018
376 Veranstaltungen
35.050 Besucher

2019
Ein weites Feld

Ins gerade für Brandenburg bedeutsame Fontane-Jahr starteten wir mit einer Wald und Wiesen bejahenden Neujahrsbotschaft: »Für mich persönlich steht es fest, Natur ist Sittlichkeit und überhaupt die Hauptsache. Geld ist Unsinn, Wissenschaft ist Unsinn, alles ist Unsinn. Professor auch. Wer es bestreitet, ist ein pecus.« Diese tieferen Einsichten gibt – leicht angesäuselt – ein Oberlehrer am Gymnasium zum Heiligen Geist zum Besten …


… nachdem er, Professor Dr. Wilibald Schmidt, seine Tochter Corinna unter die Haube gebracht hat: Wo sich Herz zum Herzen findt – in Theodor Fontanes satirischem Meisterwerk »Frau Jenny Treibel«. Gern hätten wir natürlich Rainer Werner Fassbinders filmische Fontane-Adaption mit dem schönen Titel: »Fontane Effi Briest oder Viele, die eine Ahnung haben von ihren Möglichkeiten und ihren Bedürfnissen und trotzdem das herrschende System in ihrem Kopf akzeptieren durch ihre Taten und es somit festigen und durchaus bestätigen«, aber das hätte nicht auf den Flyer gepasst.


Ein weites Brandenburger Feld: Das beackern wir mit FILMERNST gerade auch in der Fläche, das heißt an den Rändern des Landes Brandenburg, um für die dortigen Schulen die Chancen kultureller Teilhabe zu ermöglichen und zu erweitern.

FILMERNST hat mit rund 25 Kinos mehr als zwei Drittel aller im Land Brandenburg für das Projekt geeigneten kommerziellen Spielstätten in sein Programm einbezogen und die Partnerschaften über die Jahre intensiviert. Beim vom Medienboard Berlin-Brandenburg alljährlich vergebenen Kino-Programmpreis sind die Jahr für Jahr ausgezeichneten Häuser nahezu alle FILMERNST-Partner, vor allem auch gelobt für ihre Aktivitäten im Kinder- und Jugendfilmbereich, zu denen FILMERNST ganz wesentlich beiträgt.


2019 mussten wir allerdings einen ziemlichen Verlust hinnehmen: Vier von Anfang an als Partner des Projekts sehr aktive Kinos, in Oranienburg, Prenzlau, Brandenburg und Neuruppin, waren nun leider nicht mehr dabei. Der – für die K-motion Kinogruppe zu geringe – Eintrittspreis von vier Euro pro Schüler:in war der Grund – und leider ließ sich mit der Hamburger Geschäftsführung kein Kompromiss erzielen. 2018 hatten es die vier Kinos bei FILMERNST-Veranstaltungen immerhin auf 3.550 zahlende Besucher gebracht; Oranienburg und Neuruppin belegten in den Teilnehmer-Top-Ten stets vorderste Plätze. Zahlreiche Reaktionen aus den Schulen und Unterstützungsschreiben von Lehrkräften bekundeten ihr großes Bedauern und den entsprechenden Verlust, konnten die Entscheidung aber nicht rückgängig machen. Immerhin gelang es, das Prenzlauer UNION im Herbstprogramm wieder als Veranstaltungsort zu führen: dank einer zusätzlichen, kleinen Förderung durch die Stadt und des ganz persönlichen Engagements ihres kino- und filmbegeisterten Bürgermeisters Hendrik Sommer – auf dem Bild zu sehen mit Kino-Chef Klaus-Dieter Glander und FILMERNST-Moderatorin Susanne Guhlke.


Letztlich gab es dann auch 2019 im Oranienburger »Filmpalast« noch eine FILMERNST-Veranstaltung: Mehr als 900 Kinder – aus Schulen in Kremmen, Hennigsdorf, Bergfelde, Leegebruch, Liebenwalde, Schmachtenhagen, Oranienburg und Lehnitz – freuten sich am 6. Dezember über die Einladung zur kostenfreien Vorführung des Kinderfilms »Matti und Sami und die drei größten Fehler des Universums«. Bezahlt wurde das Ganze von der – unserem Projekt eng verbundenen – Münchner Produktionsfirma »lieblingsfilm«. Von deren Geschäfsführer Philipp Budweg war FILMERNST um die Organisation einer solchen Veranstaltung gebeten worden. Als Zielmarke sollte ein Publikum von rund 200 Kindern zusammenkommen, die Resonanz übertraf dann alle Erwartungen. Nicht wenige Kinder, vor allem die Jungs, hatten sich am Nikolaus-Morgen, wie sie erzählten, über »Star Wars«-Sachen in ihren geputzten Schuhen gefreut. Hier aber gab's was ganz anderes zu sehen – und am Ende zeigten sich fast ausnahmslos alle, Lehrkräfte wie Schüler:innen, begeistert. »Mir sind sogar die Tränen gekommen«, bekannte ein Mädchen – und der neben ihr sitzende Junge stimmte ihr etwas verlegen zu.

Fotos: Universum Film GmbH/FILMERNST

Brief der Münchener »lieblingsfilm« an FILMERNST (pdf)

2019
333 Veranstaltungen
29.631 Besucher

2020
Geschlossene Gesellschaft

Im März 2020 endete unser Frühjahrsprogramm, kaum dass es begonnen hatte. Damals konnten wir nicht absehen, in welche Wellentäler wir geraten und vor allem, wann wir daraus wieder auftauchen würden. »Sehend lernen – Die Schule im Kino«, das wurde fast ein filmernster Totalausfall, mit ganz wenigen Möglichkeiten fürs Home-Viewing. Aus den Schulen erreichten uns aber immer wieder filmernst-freundliche Signale, die uns Mut …


… machten und uns die gute Gewissheit gaben: Wir werden gebraucht. Film und Kino sind eine Bereicherung des Unterrichts.

Gestartet waren wir ins Jahr 2020 mit Monty Pythons »Der Sinn des Lebens« – und vielleicht hätten uns da schon einige Glocken läuten sollen: »Wo ist der Spaß am Film? Hier ist der Abspann. Gute Nacht!«

Dabei hatte das Jahr doch so gut und hoffnungsvoll begonnen, kaum ein Mensch hatte von Wuhan und einem Virus gehört, geschweige denn sich Sorgen gemacht. Ganz normal eröffneten wir die SchulKinoWochen, zum ersten Mal mit einem Animationsfilm – und das aus besonderem Grund: Unsere FILMERNST-Verbündete von Anfang an, Beate Völcker, präsentierte uns »ihren Film«, an dem sie als Drehbuchautorin lange und gründlich gearbeitet hatte: »Fritzi – Eine Wendewundergeschichte«.
Ein Animationsfilm für Kinder, der – klug, einfühlsam und authentisch – vom historischen Herbst 89 erzählt. Davon, wie die Proteste und Demonstrationen von Leipzig aus das ganze Land ergriffen und die Mauer schließlich zum Einsturz brachten. Mehr als 150 Kinder – Viert- bis Sechstklässler – aus Kleinmachnower und Teltower Schulen verfolgten den Film mit großer Aufmerksamkeit und hatten im Anschluss viele kluge Fragen – auch an die Drehbuchautorin. Warum denn eine solche Mauer überhaupt gebaut werden musste und vor allem: Was denn heute getan werden müsse, damit nie wieder Mauern Städte oder Länder trennen.
Viel Stoff zum Weitererzählen und zum Nachfragen, im Unterricht und in der eigenen Familie. Geschichts- und Demokratiebildung im Kino.
Gewiss ganz im Sinne der Bildungsministerin des Landes Brandenburg, Britta Ernst, die als FILMERNST-Schirmherrin die SchulKinoWochen 2020 in den »Neuen Kammerspiele« Kleinmachnow offiziell eröffnet hatte.

Fotos: FILMERNST


Fast 14.000 Besucher in 161 Veranstaltungen der SchulKinoWochen – das war eine gute Bilanz und ein guter Ausblick auf das weitere Jahr. Die Flyer mit dem FILMERNST-Frühjahrsprogramm wurden Ende Februar an die Schulen versandt, doch irgendwie war schon zu spüren, dass hier etwas dräut. Einige wenige Veranstaltungen gab es noch Anfang März, doch am Freitag, dem 13. gingen dann nicht nur für uns die Lichter aus: Lockdown! Die Kinos geschlossen und keine Wiedereröffnung in Sicht. An den Fassaden großer Lichtspielhäuser war der prolongierte Stillstand zu beobachten: »Bond« im April, »Bond« im November, »Bond« gibt auf. Corona holt selbst Supermänner von den Beinen – und leider auch von den Leinwänden.

Fotos: FILMERNST


»Mit Kopfzerbrechen und Magengrummeln«, antwortete uns Wolfgang Jurk vom CAPITOL in Königs Wusterhausen auf die Frage, wie sie durch diese Zeiten kommen. Natürlich freuten sie sich über Förderungen und auf den Neustart, doch vieles, nicht nur die Hygieneregeln, würde anders sein als zuvor: »Das Einzige, womit wir punkten können: Kino als  Gemeinschaftserlebnis des besonderen Films«. Alle Kinos haben sich während der Auszeit einiges einfallen lassen, um das Publikum bei der Stange zu halten. Besonders engen Kontakt zu ihren »Kulturgenossen« pflegten die »Neuen Kammerspiele« Kleinmachnow mit einem fast täglichen Quarantäne-Quiz. Wir hielten den Kontakt zu allen FILMERNST-Partnerkinos, machten uns gegenseitig Mut und versicherten uns unseres Beistands. Alle Kinos wollten – im wahrsten Sinne des Wortes – mit Sicherheit wieder dabei sein, wenn schulfilmische Veranstaltungen wieder erlaubt sind. Doch das dauerte ...

Es war dann ein Novum, dass wir das fast ungespielte und ungesehene Frühjahrsprogramm im Herbst erneut anboten. Jeder der vier Filme hatte seine zweite Chance verdient, aber als die Hoffnungen keimten, erwischte uns der nächste Lockdown.

»Homeschooling« war angesagt und Distanzunterricht – und so haben wir uns zu jedem der vier Filme im Programm ein paar schöne Übungen ausgedacht, die leicht zu meistern sind, die Spaß machen und die dem FILMERNST-Motto in abgewandelter Form entsprechen: Sehend lernen – Die Schule nicht im Kino!

FILMERNST Frühjahrsprogramm 2020 (pdf)
FILMERNST Herbstprogramm 2020 (pdf)

Übungsblätter zum Download zu den Filmen:

Latte Igel
Meine wunderbar seltsame Woche mit Tess

Als Hitler das rosa Kaninchen stahl
The Peanut Butter Falcon

Idee und Gestaltung: Susanne Pomerance


Sehr gefreut haben wir uns, dass das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF), das Referat Infrastrukturförderung Schule mit seiner sehr informativen Webseite ganztagsschulen.org, nicht nur unsere Bemühungen im Lockdown registrierte und würdigte, sondern die Kolleg:innen uns sogar den Raum gaben für ein ausführliches Interview zur filmernsten Arbeit.

https://www.ganztagsschulen.org/de/39013.php (Bericht)
https://www.ganztagsschulen.org/de/39227.php (Interview)

2020
227 Veranstaltungen
17.812 Besucher

2021
ausgenockt und downgelockt

Frohen Mutes und voller Zuversicht sahen wir zu Beginn des Jahres 2020 auf den »Sinn des Lebens« im und mit dem Kino. Wenig später hielt die Welt dann irgendwie an und inne, es kam zum großen AHA: Wir lernten viele neue Worte, gingen auf Distanz, setzten uns Masken auf. Wir hofften, dass es bald besser und wieder normal werden würde – und wir wollten nicht so recht an das glauben, was wir auf unserem Neujahrsgruß 2021 …


… philosophisch zitiert hatten: »Das ganze Unglück der Menschen rührt allein daher, dass sie nicht ruhig in einem Zimmer zu bleiben vermögen.« Wir jedenfalls wären schon gern mal wieder raus aus der Stube und rein ins Kino. Wir würden uns mehr denn je auf viel Spaß am Film freuen, auf direkte Begegnungen vor der großen Leinwand und auf die Gespräche über den Sinn des Lebens nach dem Abspann.

In diesem Sinne waren die SchulKinoWochen, die 15. übrigens, perfekt vorbereitet. Im »Movieland« in Erkner hätte die Eröffnungsveranstaltung über die Bühne gehen sollen, mit Schüler:innen vom »Carl-Bechstein-Gymnasium«, mit vielen Gästen und der Hauptdarstellerin des großartigen Films »Kokon«. Natürlich war keiner von ihnen zugegen, aber Lena Urzendowsky schickte uns ein sehr schönes, ermutigendes Video.
Und zwei Leute hatten sich dann auch tatsächlich höchstpersönlich im großen Kinosaal eingefunden: der Kinochef des »Movieland«, André Keller, und unser FILMERNST-Pate, der Regisseur Bernd Sahling. Die beiden drehten einen kurzen Film – und weil sie so viel Spaß dabei hatten, entstand noch ein Making-Of.


Filmbildung gab’s dann dennoch – in Maßen und den Umständen entsprechend, also für den »Distanzunterricht«. Anbieten konnten wir – kostenfreie – Streaming-Links zu fünf Filmen für unterschiedliche Jahrgangsstufen. Überrascht waren wir dann, wie stark die Nachfrage war: 35 »Home-Kino-Veranstaltungen« haben stattgefunden, alles in allem haben rund 1.600 Schüler:innen die Filme gesehen und mit ihren Lehrer:innen auch darüber gesprochen.

Programmheft SchulKinoWochen 2021 (pdf)


Nach den SchulKinoWochen im Januar war bislang – und so sollte es auch künftig bleiben – Zeit für das FILMERNST-Frühjahrsprogramm. Und weil wir überzeugt davon waren, dass sich »Kokon« noch entpuppen wird und wir den Schmetterling noch auf der großen Leinwand erleben werden, haben wir den Film mit Lena Urzendowsky wieder programmiert.

FILMERNST-Frühjahrs-/Sommerprogramm 2021 (pdf)


Neben dem Frühjahrs-Flyern – so viel Zuversicht musste sein und so viel Traditionsbewusstsein auch – haben wir Anfang März gleich noch ein Sonderprogramm an die Schulen des Landes versandt: »Von gestern für heute: Die DDR im DEFA-Film«. Schon geographisch liegt ja Babelsberg FILMERNST sehr nahe. Naheliegend ist es daher auch, die Traditionen des Ortes und ein Jubiläum – die DEFA-Gründung vor 75 Jahren – für das Programm zu nutzen. Ganz konkret: Viele DEFA-Kinder- und Jugendfilme sind es wert, wieder oder neu gesehen zu werden. Die vier Filme dieses Angebots umspannen und veranschaulichen einen zeitgeschichtlichen Horizont von 15 Jahren. Als »Ikarus« im Oktober 1975 in die ostdeutschen Kinos kam, war die DDR durchaus im Aufschwung begriffen. 1989, als »Biologie!« gedreht wurde, waren alle Messen gesungen und alle Hoffnungen verklungen. Die DDR stand vor ihrem Ende. Als der Film im September 1990 seinen Kinostart erlebte, dauerte es keine zwei Wochen mehr bis zur Wiedervereinigung.

PDF Sonderprogramm »Von gestern für heute: Die DDR im DEFA-Film« (pdf)

»Kino muss sein!« Mehr ließ sich im Frühjahr 2021 nicht sagen.
FILMERNST ist bereit. Wir sehen uns wieder!

Telefon 03378 209 161 (Jana Hornung)
03378 209 162 (Kathrin Lantzsch)
03378 209 148 (Susanne Guhlke)
E-Mail kontaktfilmernst·de
Instagram @filmernst
Postanschrift FILMERNST – Kinobüro im LISUM
Struveweg 1
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