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Kokon

Deutschland 2019

 

 

»Ich finde andere Mädchen manchmal so schön«, bekennt Nora mit großem Ernst. Sie sitzt einer Lehrerin gegenüber, die ihre Schülerinnen zum Einzelgespräch gebeten hat – weil sie vielleicht Fragen haben, die man sich vor der Klasse nicht zu stellen traut. Was Nora sagen will: dass sie Mädchen eher so anschaue, wie ein Junge es wohl tue. In ein paar Monaten könne das schon wieder ganz anders sein, erwidert die Lehrerin. Gefühle änderten sich schnell. Nach diesem heißen Sommer wird für die 14-Jährige vieles anders sein. Nicht nur äußerlich ist ihre Verwandlung zu erkennen. Vor allem ist sie reifer geworden, hat sich selbst entdeckt und einige Wechselfälle des Lebens. Bislang hat sie alles eher beobachtet, mit fragendem Blick und ernster Miene. War mit ihrer zwei Jahre älteren Schwester und deren bester Freundin mitgelatscht, ins Freibad oder zu den Partys mit den Macho-Jungs. Was hier eine Rolle spielt, lässt Nora eher kalt, der Hype ums Idealgewicht oder die Social-Media-Präsenz. Ihr Herz wird getroffen, als eine Neue in die Schule kommt. Romy scheint all das schon zu haben, wonach Nora tastend forscht: Wer bin ich und wer will ich sein, für mich selbst und für andere? Die Enttäuschung bleibt nicht aus, aber Stärke und Selbstbewusstsein wachsen. Nora wird Antworten finden.


Der Film ist wie seine Heldin: genau beobachtend und unter der bunten Oberfläche nach Tiefe und Schönheit suchend – einfach großartig.

Fotos: Edition Salzgeber, Berlin



 

Themen

Pubertät, Identität, Freundschaft, Liebe, Sexualität, LGTBQ, Familie, Familien-, Geschwister- und Generationsbeziehungen, Heimat, Selbstbestimmung, Vorbilder, Respekt, Toleranz, Vertrauen, Verantwortung, Rollen- und Körperbilder, mediale Selbstdarstellung, Social Media, multikulturelle Gesellschaft

 

Fächer

Deutsch, Lebensgestaltung-Ethik-Religionskunde, Biologie, Kunst

 

Kritikerstimmen

»›Kokon‹ ist ein gelungener Coming-of-Age-Film, der die immer schon wesentlichen Fragen nach (sexueller) Orientierung und Identitätsfindung stellt. Die Bedeutung von Familie, Geschlechterrollen und Vorbildern, von medialer Selbstinszenierung und Mode- und Körperdiktaten wird hinterfragt, ohne zu (ver)urteilen. Als Eröffnungsfilm der Jugendsektion 14+ bei der Berlinale 2020 war ›Kokon‹ ebenso ideal platziert wie nun im Verleih der Edition Salzgeber, die für ihr starkes queeres Filmangebot bekannt ist. Eine wunderbare filmische Liebeserklärung an das Leben, die Liebe, den Sommer – und an Kreuzberg.«
Ulrike Seyffarth, kinder-jugend-filmportal.de, Remscheid

»Was mir tatsäch­lich am besten gefällt, ist die Insze­nie­rung von Dingen, wie sie alles im Fluss hält, in Bewegung, im Gleich­ge­wicht, wie sie die Perspek­tiven vertauscht, zwischen den Ebenen wechselt, es trotzdem nie an Orien­tie­rung fehlen lässt, wo es nötig ist. Die Haupt­figur ist klar Nora, trotzdem bekommen wir ein Gefühl für die anderen, eine Vorstell­ung, was deren Sorgen und Nöte sind. Gele­gent­lich, aber nie aufdring­lich, setzt die Regis­seurin Elemente von Handy­auf­nahmen, YouTube-Clips, Instagram-Bilder ein. Es geht darum, das Lebens­ge­fühl in ästhe­ti­sche Erschei­nung zu fassen. Es geht darum, das Lebens­ge­fühl in ästhe­ti­sche Erschei­nung zu fassen.«
Rüdiger Suchsland, artechock.de, München (Simul­ta­nis­ti­sche Film­kritik/Berlinale 2020)

»Die ›Großfamilie‹ am Kottbusser Tor fängt vieles von dem auf, wofür die Kernfamilie längst zu eng ist. Und so ist ›Kokon‹ nicht nur ein sehr überzeugender Film über eine sexuelle Bewusstwerdung, sondern über Sozialisation in einem weiteren Sinn: Schule, Medien, auch die umstrittene Architektur am Kottbusser Tor spielt in ›Kokon‹ eine wesentliche Rolle. Die jungen Frauen machen sich die auskragenden Balkone zu eigen wie Inseln der Autonomie.«
Bert Rebhandl, Frankfurter Allgemeine Zeitung

»Eingehüllt ist die kleine Pubertäts-Geschichte in ein dermaßen flirrendes, glühendes Sommerlicht, dass allein diese sichtbare Hitze des Ausnahmesommers 2018 die Auflösungs- und Neuformierungs-Tendenzen der Jugendlichen antreibt. Die Kamera von Martin Neumeyer schwankt immer ein bisschen und taumelt (Grüße an die Schmetterlinge), die warme Farbgebung ist retroverliebt, ebenso wie die Synthesizer-Klänge: Auch für Menschen, die in den 1980er- und 1990er-Jahren jung waren, werden hier nostalgische Lockstoffe ausgeworfen.«
Cosima Lutz, filmdienst.de, Bonn

»›Kokon‹ inszeniert die Erfahrung des Aufwachsens gemeinsam mit Nora, nicht über sie hinweg, oder nur durch andere Figuren hindurch, und macht sie gerade deswegen als Erfahrung auch für die Zuschauer*innen des Films teilbar. Es ist ein seltenes Glück, einen Film wie ›Kokon‹ erleben zu dürfen, der die Möglichkeit der Freiheit seiner Figuren von Grund auf mit ihnen und mit seinen Zuschauer*innen denkt. Darin öffnen sich Bilder, die nichts neu erfinden, die keine bahnbrechenden Metaphern schöpfen, die das aber auch nicht müssen: Sie ermöglichen etwas so viel Schöneres, indem sie teilhaben lassen am Beginn der Freiheit einer jungen Frau, die ihre Identität und ihre Welt zuallererst in sich entdeckt, und die zugleich Teil einer Gemeinschaft anderer Menschen ist, die alle denselben Prozess erleben.«
Lars Dolkemeyer, kino-zeit.de, Mannheim

»›Kokon‹ ist die Geschichte eines vielseitigen und komplexen Erwachens, das Entdecken des lesbischen Begehrens ist ein Teil unter vielen. Neben der körperlichen Transformation, die Krippendorf ganz konkret erzählt – wie bändigt man das eigene Blut und wie sind überhaupt Tampons zu benutzen? –, gehören vor allem der Umgang mit der Flüchtigkeit allen Lebens dazu. Als Nora einmal mit Romy nachts ins Schwimmbad einsteigt, lässt sie sich von einem im Wasser treibenden Objekt verzaubern, das sich schließlich als gewöhnliche Plastiktüte entpuppt. ›Stell Dir vor, so ist es mit allem Schönen‹, sagt sie ihrer Freundin. Auch ein Gedicht über einen Falter, das Nora in der Schule vorträgt, handelt von der Vergänglichkeit und dem, was sich angesichts des unausweichlichen Endes zu (er)leben lohnt.«
Esther Buss, sissymag.de, Berlin

»Wehmut ist auch im Spiel. Beim Zuschauer nämlich, egal welchen Alters. Der Film hat eine Ästhetik, die einen in ihrer manchmal leicht verblasst wirkenden Farbigkeit und Körnigkeit in die Vergangenheit rückt, zurück in diesen einen speziellen Sommer, in dem man zum ersten Mal geküsst und später vielleicht aus Liebeskummer geheult hat. Nur eins ist schade: Dass sie nicht im Prinzenbad drehen durften, von dem Leonie Krippendorff sagt, dass sie dort praktisch aufgewachsen ist. Auch wenn sie nicht um die Ecke wohnte, sondern zusammen mit ihrer Mutter in einer Wohngemeinschaft in Schöneberg.«
Susanne Lenz, Berliner Zeitung

«Kalt wirkt die Welt um Nora und die anderen Jugendlichen. Behutsam schafft Regisseurin und Drehbuchautorin Leonie Krippendorff darin Raum für Nora, um sich selbst, ihre Sexualität und ihre Faszination für Romy zu entdecken, ohne die raue Umwelt der Jugendlichen zu überzuckern oder Nora die Zuversicht abzusprechen. Manche Dialoge und Szenen wirken fast dokumentarisch, durchbrochen vom poetischen Voice-Over Noras, Detailaufnahmen von Licht und Wasser oder wackeligen Handybildern der Jugendlichen.«
Clarissa Lempp, indiekino.de, Berlin



zuletzt aktualisiert am 04.11.2020

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