Karla

Das Kompetenzzentrum für
Film – Schule – Kino
im Land Brandenburg

Karla

DDR 1965 / Spielfilm / 128 Minuten / 9.-13. Jahrgangsstufe

Inhalt

»Was soll ich sagen: Sie ist in Ordnung!«, lobt der Direktor seine junge Kollegin. Voller Hoffnung und mit großem Idealismus hatte sie nach dem Studium ihre Stelle als Lehrerin in einer mecklenburgischen Kleinstadt angetreten. Sie will ihre Schüler und Schülerinnen zu selbständigem, kritischem Denken und Handeln erziehen. Dass Fontane die Kraft der Arbeiterklasse voll erkannt, aber noch nicht gültig gestaltet habe, ist für sie einfach Blödsinn. Schnell stößt sie mit ihrer Ehrlichkeit bei Vorgesetzten und Kollegium an Grenzen. Karlas Ideale kollidieren mit den offiziellen Leitlinien sozialistischer Erziehung. Sie versucht sich anzupassen, was ihr auf Dauer nicht gelingt, weil es weder ihrem Charakter entspricht noch den Prinzipien humanistischer Bildung. Dem allgemeinen Opportunismus gegenüber zeigt sie Haltung und Würde. Als Konsequenz ihrer »Verfehlungen« wird sie am Ende des Schuljahres zwangsversetzt. Der Film, er wäre damals dringend gebraucht worden, fiel 1965 der Polit-Zensur zum Opfer. Der Endschnitt des Films wurde verboten; erst infolge der Ereignisse im Herbst 1989 konnte er rekonstruiert und 1990 endlich seine Kino-Premiere erleben.

»Ein großes, schönes Werk», schrieb Manfred Krug 1995 in einem Brief an den Regisseur.

Fotos: DEFA-Stiftung, Franz-Eberhard Daßdorf


Themen

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Fächer

Deutsch   |  Geschichte   |  Lebensgestaltung-Ethik-Religionskunde   |  Politische Bildung

»Gedreht in Schwarzweiß, mit tiefenscharfen Bildern ist ›Karla‹ ein alter, aber kein veralteter Film. Nein, er besitzt eine zeitlose Frische und erweist sich, trotz seiner Verortung in der DDR, noch immer als eindrückliches Plädoyer gegen Duckmäusertum, blinde Ignoranz und opportunistisches Schweigen. Oder wie es ein Zuschauer 1990 nach der Erstaufführung kommentierte: ›Es geht um Zivilcourage und die brauche ich auch heute noch.‹«
Daniel Flügel, Potsdamer Neueste Nachrichten (2014)

»Es war meine Heimat, und ich hatte das Gefühl, dass ich den Menschen in der DDR mit meiner Arbeit etwas geben konnte. Die sagten immer: ›Wenn die Hoffmann mitspielt, dann ist es kein Scheiß.‹ Ich wollte immer Geschichten erzählen, die den Menschen hier wichtig waren, von denen die Leute im Westen jedoch überhaupt nichts wissen wollten.«
Jutta Hoffmann auf die Frage einer Schülerin nach einer FILMERNST-Veranstaltung 2009, warum sie nach dem Verbot des Films oder auch später nicht in den Westen gegangen sei.

»Wir konnten keine Filme oder Drehbücher verbieten, wir konnten nur Vorschläge machen. Um Drehbücher einschätzen zu lassen, hat man sich Experten gehalten, IMs. Die haben die Bücher gelesen und auf Probleme hingewiesen. Wünsche oder Forderungen hat das MFS nicht direkt gestellt. Sie wurden an das entsprechende Ministerium gerichtet und gingen von dort in die DEFA. Es gab schon ein Kontrollorgan im Kulturministerium, in der HV Film. Das war auf der Hut. Da brauchte die Stasi nicht mehr viel zu machen. Wir brauchten nur Anstöße zu geben, dann lief das von allein.« Mitarbeiter des Ministeriums für Staatssicherheit

»Das Aus für den Film kam während der ersten Synchrontage. Hier einige Vokabeln aus dem Antrag auf ›Ausbuchung‹, der am 4. März 1966 vom neuen Studiodirektor Franz Bruk an den neuen Filmminister Dr. Wilfried Maaß gestellt wurde: pessimistische und skeptizistische Grundhaltung, verbunden mit einer teilweise falschen Geschichtsbetrachtung; die Hauptfigur kämpfe unablässig um Ehrlichkeit und Wahrheit und käme damit im Widerspruch zu den Vertretern der Staatsmacht; künstlicher Widerspruch zwischen Ideal und vollkommener Wirklichkeit; Grundprinzipien des sozialistischen Realismus aufgegeben, Position der Parteilichkeit verlassen.«
Erika Richter, in: Ralf Schenk (Red.): Das zweite Leben der Filmstadt Babelsberg 1946-92. Herausgegeben vom Filmmuseum Potsdam. Henschel Verlag Berlin 1994

»Ich glaube, ich spiele diese Karla, weil sie ein Mensch mit eigener Meinung ist. Karla besitzt Ideale, die sie nicht aufgeben will. Was sie für richtig erkannt hat, dafür tritt sie vorbehaltlos ein. Als es für sie an der Schule schwierig wird, entscheidet sich Karla trotzdem für den schwierigen Weg. Nur einmal versucht sie, sich ›anzupassen‹ [...] Sie wird gelobt – und ist unglücklich. Ihre letzte Entscheidung gehört wieder dem Richtigerkannten, dem Komplizierten [...] Ich glaube, daß Menschen oft bereit sein können, ihre Ideale aufzugeben oder sogar ein Stück eigener Individualität, wenn es Schwierigkeiten für sie gibt. Unsere sozialistische Gesellschaft braucht aber Menschen, die eigenständig denken. Nur sie können schöpferisch arbeiten. Karla versucht, solch ein Mensch zu sein.« Jutta Hoffmann in: »für dich«, Illustrierte Frauenzeitschrift, Berlin/Ost (1965)

»Entscheid: Der Film wird für die öffentliche Aufführung in den Filmtheatern der DDR zugelassen. Alle zu einem früheren Zeitpunkt gefassten Beschlüsse über den Einsatz bzw. Nichteinsatz des Films sind ungültig.« Kulturministerium der DDR, Hauptverwaltung Film, 30.01.1990

»Das Erlebnis dieses Films ist Jutta Hoffmann als Karla. Sie strahlt eine reine, kristallklare menschliche Kraft aus, Glauben an die Möglichkeit, aufrecht, nicht anpasserisch durchs Leben zu gehen, Vertrauen in die jungen Leute. Man konnte und kann diesen Film nicht anders als mit großer innerer Bewegung sehen. Herrmann Zschoche bezeichnet die Figur in einem Gespräch von 1990 zurecht als eine Heilige Johanna. Er führte Jutta Hoffmann, mit der er damals verheiratet war, so, daß sie einerseits streng und stark wirkt, keine Feder im Wind, sondern ein junges Mädchen mit Charakter. Zugleich gibt es viele intime, spontane kleine Reaktionen in Sprache und Gestus, durch die man das Gefühl einer Begegnung mit einem Zauberwesen hat. Das Anrührende dieser Figur geht über spezifische DDR-Erfahrungen hinaus.«
Erika Richter, in: Ralf Schenk (Red.): Das zweite Leben der Filmstadt Babelsberg 1946-92. Herausgegeben vom Filmmuseum Potsdam. Henschel Verlag Berlin 1994

»›Karla‹ beschwor einen ästhetischen und inhaltlichen Neuanfang, auch gegen die noch immer lebendigen Ufa-Traditionen, und verweigerte sich den Vorgaben der Partei-Ästheten und Sozialistischen-Realismus-Diktatoren. Sie wussten nicht, wovon sie redeten.« Egon Günther, Berliner Zeitung (2004)

»In KARLA wird der vereinte Reformwille deutlich, der das Gros der ›Verbotsfilme‹ veranlasst hatte, der Borniertheit der Dogmatiker eine eigenständige Bereitschaft für das Land entgegenzuhalten und Bündnisse mit einsichtsvollen Altkommunisten zu schmieden. Die Absolventin Karla dankt eingangs auf der Abschlußfeier der Pädagogischen Hochschule in ihrer Rede nur der Sekretärin, den Heizern, dem Koch und den Küchenfrauen. In dieser Unterwerfung steckte aber auch, für manchen jedenfalls, eine Heilserwartung, die sich ein proletarisches Idealbild zurechtgelegt hatte. Die von Karla vertretene Utopie, ›daß das Leben leichter, anmutiger und fröhlicher wird‹, gerät so auf eine illusionäre Bahn, die freilich durch das artifizielle und doch sinnliche Spiel Jutta Hoffmanns eine seltene Schönheit gewinnt.« Wolfgang Gersch: Szenen eines Landes – Die DDR und ihre Filme. Berlin, Aufbau Verlag Berlin 2006

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