FILMERNST

Sehend lernen – Die Schule im Kino

Das Kompetenzzentrum für
Film – Schule – Kino
im Land Brandenburg

Schärfe im Körper

Blenden wir noch einmal zurück auf die Ferienwochen mit ihrer fast ununterbrochenen Folge von Hundstagen. Wir wissen um mögliche, wahrscheinliche Ursachen und Auswirkungen des Klimawandels, aber recht heiß konnte es auch früher schon sein. »Die Hitze ist gewaltig«, schrieb der 37-jährige Goethe am 5. Juli 1787 aus Rom. »Morgens mit Sonnenaufgang steh' ich auf und gehe nach der Acqua acetosa, einem Sauerbrunnen …


… ungefähr eine halbe Stunde von dem Tor, an dem ich wohne, trinke das Wasser, das wie ein schwacher Schwalbacher schmeckt, in diesem Klima aber schon sehr wirksam ist. Gegen acht Uhr bin ich wieder zu Hause und bin fleißig auf alle Weise, wie es die Stimmung nur geben will. Ich bin recht wohl. Die Hitze schafft alles Flußartige weg und treibt, was Schärfe im Körper ist, nach der Haut, und es ist besser, daß ein Übel jückt, als daß es reißt und zieht.«


Fast vier Wochen später, am 1. August, ist es noch immer brütend heiß: »Den ganzen Tag fleißig und still wegen der Hitze. Meine beste Freude bei der großen Wärme ist die Überzeugung, daß ihr auch einen guten Sommer in Deutschland haben werdet. Hier das Heu einführen zu sehen, ist die größte Lust, da es in dieser Zeit gar nicht regnet und so der Feldbau nach Willkür behandelt werden kann, wenn sie nur Feldbau hätten. Abends ward in der Tiber gebadet, in wohlangelegten, sichern Badhäuschen; dann auf Trinità de' Monti spaziert und frische Luft im Mondschein genossen. Die Mondscheine sind hier, wie man sie sich denkt oder fabelt. Der vierte Akt von ›Egmont‹ ist fertig …«


Der Brunnen »Acqua Acetosa«, an einer Biegung des Tiber gelegen, führt eisenhaltiges Wasser. Nicht nur Goethe genoß von hier die fantastische Aussicht, das römische Licht. Die Stelle liegt heute im römischen Stadtteil Parioli, in der Via Enrico Elia, unweit der Zentralmoschee – natürlich mit einer völlig veränderten An- und Aussicht.



Das Gemälde von Florian Grospietsch entstand 1820 und ist in voller Pracht im Landesmuseum Mainz zu sehen.


Die Goethe-Zitate aus: Johann Wolfgang Goethe. Italienische Reise. Zweiter Teil / Zweiter römischer Aufenthalt. Goethes Werke. Hamburger Ausgabe, Band 11, Hamburg 1948 ff, S. 350-484.

Schärfe im Geist

Von Rom, der Hitze und den Fortschritten am Trauerspiel »Egmont« leiten wir über zu einem Werk, das der Stürmer und Dränger schon Jahre zuvor begonnen hatte und das ihn – wie die Nachwelt – noch lange beschäftigen würde. Hier und heute wollen wir Goethes Gretchenfrage daher in leichter Abwandlung stellen: Schule, wie hältst Du’s mit dem »Faust«? Nun, ein Trauerspiel ist es nicht, wenn selbst Bayern als dann letztes …


… Bundesland 2024 den »Faust« als gymnasiale Pflichtlektüre streicht. Was freilich nicht heißt, dass das Werk dann keine Rolle mehr spielen dürfte im Deutschunterricht. Ein wenig schade aber ist es schon um die allgemeinbildende Verfeinerung und die Schärfung des Geistes. Welche »Ganzschriften« jetzt und künftig im Unterricht gelesen, analysiert und interpretiert werden, das hängt natürlich auch von den jeweiligen Lehrer:innen ab.


Florian Hesse und Iris Winkler von der Universität Jena haben 2019 eine interessante – auf das Land Thüringen bezogene, aber sicher gut verallgemeinerbare – Untersuchung vorgenommen: »Textauswahl und Auswahlbegründungen von Lehrpersonen beim Einsatz von Ganzschriften im achten Jahrgang am Gymnasium«.
Hier ist, empirisch belegt, u.a. zu erfahren, warum die einzelnen Lehrer:innen welche Ganzschriften für ihren Unterricht gewählt haben – relativ wenige jedenfalls, weil sie zum literarischen Kanon gehören.


Wir sehen den Umgang mit dem »Faust« eher positiv, vielleicht wie Roman Bucheli in der »Neuen Zürcher Zeitung«: »Die Gymnasien werden aus der obrigkeitlichen Bevormundung entlassen, ein alter Zopf wird abgeschnitten. Wer nun aber glaubt, dies sei der Anfang vom Ende der Kulturnation, beweist nur die geringe Meinung, die er von der Literatur einerseits und den Lehrern und Schülern anderseits hat.«



Lassen wir schließlich dem Geheimen Rath – und seinem Dichter im »Vorspiel auf dem Theater« – das letzte Wort: »Was glänzt, ist für den Augenblick geboren, Das Echte bleibt der Nachwelt unverloren.«

Volles Glück

»Was wäre ein Leben ohne Kunst und Kultur?« Das ist nicht unbedingt eine Perle für den Büchmannschen Zitatenschatz, und die Antwort auf die einfache Frage kann ja nur lauten: sinnlos! Genau das will Gojko Mitić den Jugendlichen ans Herz legen, die auf ihrem Ausflug bei ihm eingekehrt sind. Er hätte natürlich ergänzen sollen: » … ohne Film und Kino.« Ein ernster Ton jedenfalls, den man nicht vermutet, wenn der Film »Alfons Zitterbacke – Endlich Klassenfahrt!« heißt …


… und wenn man dessen Vorgänger von 2019, »Alfons Zitterbacke – Das Chaos ist zurück« gesehen hat. In der Fortsetzung gibt es kein reines Chaos mehr, aber noch immer reichlich Tücken und Turbulenzen: Alfons steckt jetzt voll in der Pubertät. Im Traum sieht er sich als Superman mit großem A auf blauem Dress, im wirklichen Leben ist er nach wie vor vom Pech verfolgt. Doch im Laufe der hindernisreichen Klassenfahrt wächst Alfons über sich selbst hinaus. Lehrer Flickendorf (Thorsten Merten) kann am Ende Alfons’ Mutter und ihren neuen Freund (gespielt von Alexander Maria Lara und deren Ehemann Sam Riley) anrufen und durchaus verwundert mitteilen: »Alfons hat sich heute heldenhaft verhalten. Genießen Sie den kurzen Moment!«



Der 82-jährige Gojko Mitić spielt im Film einen der Kunst und der Gerechtigkeit verpflichteten Philanthropen, der im Harz eine heruntergekommene Villa sanieren möchte, um sie als Heim für ältere, wenig betuchte Künstler zu betreiben. Damit steht er den Interessen eines nur dem Geld verpflichteten Immobilien-Raffzahns (gespielt von Wolfgang Becker, dem Regisseur von »Good bye Lenin!«) im Wege, doch auch für diesen gilt: Menschen können sich ändern – wie auch die Rollen von Gojko Mitić.



»Alfons Zitterbacke – Endlich Klassenfahrt!« ist einer von drei Filmen des FILMERNST-Herbstprogramms, die sich höchst erfolgreiche literarische Vorlagen anverwandelt haben – durchaus frei und den heutigen Zeiten angepasst. Kinderbuch-Klassiker sozusagen – und damit schlagen wir in gewisser Weise den Bogen zurück zum weiter vorn ins Licht gestellten Ober-Klassiker der deutschen Literatur. Kinderbuch-Klassiker, die als »Ganzschriften« unverändert gern und viel gelesen werden.



1958 erschienen die ersten Abenteuer des Pechvogels Alfons Zitterbacke als Kinderbuch, und der Autor Gerhard Holtz-Baumert hat sich damit und den Fortsetzungen in die Herzen vieler Generationen geschrieben, zumindest im Osten Deutschlands. Die erste Verfilmung gab es 1966, bei der DEFA, in der Regie von Konrad Petzold. Der damalige Alfons, Helmut Rossmann, war auch 2019 in einer kleinen Rolle mit von der Partie, als Bratwurstverkäufer. Mittlerweile kennt man Alfons auch im Rest der Republik!


Wir empfehlen »Alfons Zitterbacke – Endlich Klassenfahrt!« für 5. bis 8. Jahrgangsstufe. Zur offiziellen Kino-Film-Premiere konnten wir übrigens Freikarten verlosen – und nach allen Veranstaltungen gab es begeisterte Rückmeldungen an uns, sowohl von den Kindern als auch den Lehrkräften und den Eltern.


Ein Lehrer spielt auch in den »Geschichten vom Franz« eine wichtige Rolle. Es ist der gestrenge Herr Swoboda, den alle »Zickzack« nennen und der vom kleinen Franz Fröstl schon drei Tage lang wissen will, warum dessen Hausübungsheft so zerfleddert ist. »Straf-Hausübung wird erteilt!« In Situationen wie diesen versagt dem Franz die Stimme. Es dringt nur noch ein klägliches Piepsen aus der Kehle und alle lachen ihn aus. Außer Gabi und Eberhard natürlich, die stehen ihm bei und wollten ihn ja eigentlich »total zickzackfit« machen. Schade, dass nach 80 Minuten schon Schluss ist: Dieses Wiener Trio ist umwerfend gut – in einem Film, wie er in (Christine Nöstlingers) Büchern steht! Zwischen 1984 und 2011 hat sie 19 Geschichten vom Franz geschrieben – Kinderbuch-Klassiker!



Wir empfehlen die »Geschichten vom Franz« für 3. bis 5. Jahrgangsstufe. Die filmische Fortsetzung wird gerade in Wien gedreht, erneut in der Regie von FILMERNST-Freund Johannes Schmid, der uns einen ganz persönlichen Gruß von der Donau schickte: »Wie toll, dass es jetzt auch bei FILMERNST franzt! Hier in Wien arbeiten wir gerade an einer Fortsetzung, die dann nächstes Jahr ins Kino kommt. Alle sind wieder dabei! Frau Berger und der Zick-Zack spielen noch zentralere Rollen. Die Kinder ermitteln gegen die beiden mit einem dringenden Tatverdacht!«


Wir sind schon sehr gespannt, ob der Franz auch nach dem zweiten Film noch sagen wird: »So ne Gabi als beste Freundin zu haben, ist voll das Glück!«


»Voll das Glück« erlebt auch die kleine Laura mit ihrem Stern, obwohl sie ja anfangs ziemlich traurig ist wegen des Umzugs vom kleinen Dorf in die große Stadt. Voller Sehnsucht nach dem alten Zuhause blickt sie in den Abendhimmel, sieht unzählige winzige Lichtpünktchen schweben und tanzen – und eines von ihnen abstürzen. Als sie den kleinen, warm leuchtenden Stern im Stadtpark aufstöbert, fehlt ihm allerdings ein Zacken.
»Lauras Stern«
, ein poetischer, magischer, zauberhaft schöner Film, der Sterne und Herzen schweben lässt. Kein Zeichentrickfilm wie 2004, sondern ein Realfilm mit einer großartigen Emilia Kowalski in der Titelrolle. Inszeniert hat den Film Joya Thome, sehr einfühlsam und wie mit den staunenden Augen und den Gefühlen eines Kindes. So wie schon bei ihrem Spielfilmdebüt, »Königin von Niendorf«, der ja mit großem Erfolg bei FILMERNST lief und uns einige schöne Begegnungen mit der Regisseurin und dem Publikum brachte.



Wir empfehlen »Lauras Stern« (nach dem gleichnamigen Kinderbuch-Klassiker von Klaus Baumgart) für 1. bis 3. Jahrgangsstufe .


Bildnachweise: X-Verleih (»Alfons Zitterbacke – Endlich Klassenfahrt!«); »Alfons Zitterbacke – Endlich Klassenfahrt!« – Premiere beim »Goldenen Spatzen«: Bodo Schackow/dpa; DEFA-Stiftung_Waltraut Pathenheimer (Gojko Mitić in »Chingachgook, die große Schlange« und »Das Herz des Piraten«), DEFA-Stiftung_Manfred Damm/Heinz Wenzel (Gojko Mitić in »Signale, ein Weltraumabenteuer«), DEFA-Stiftung_Heinz Pufahl (Gojko Mitić in »Der lange Ritt zur Schule«); Wild Bunch Germany (»Geschichten vom Franz«); Warner Bros. Pictures Germany (»Lauras Stern«)


Volle Wucht

Keine Literaturverfilmung und keine Prominenten-Biografie – und von daher fast schon eine Rarität – ist der vierte Film unseres Herbstprogramms, ein Gemeinschaftswerk dreier Frauen. Alle drei haben sie am Drehbuch von »Nico« geschrieben, Eline Gehring war dann die Regisseurin, Francy Fabritz hat die Kamera geführt, Sara Fazilat spielt die Hauptrolle. Ausgezeichnet mittlerweile auf zahlreichen Festivals, wäre es ein Jammer gewesen …


… wenn der Film nicht ins Kino gekommen wäre. Am 12. Mai war dann endlich die Leinwand-Premiere, nun läuft er bei FILMERNST – empfohlen ab 9. Jahrgangsstufe. Wir hoffen natürlich auf eine starke Resonanz und möglichst viele Zuschauer:innen, wohl wissend, dass Filme für die älteren Jahrgangsstufen fast immer weit weniger Besucher:innen finden als die für die jüngeren.


Im Frühjahrsprogramm haben wir das gerade wieder erlebt, mit einem ähnlichen Film. »Ein nasser Hund« (eine Adaption des Buches »Ein nasser Hund ist besser als ein trockener Jude – Die Geschichte eines Deutsch-Iraners, der Israeli wurde«). Ein brisanter Stoff, es geht um Toleranz und Zivilcourage, um Rassismus und Antisemitismus. 27 Veranstaltungen waren terminiert, stattgefunden haben drei, mit insgesamt 180 Jugendlichen. Die Filmgespräche danach waren intensiv, kritisch, vertiefend – und wir hätten uns gern mehr davon gewünscht.


Auch in »Nico« geht es wieder um Toleranz und Respekt, um Diskriminierung und Rassismus, um Gewalt und Empowerment. »Du musst es schaffen! Nie wieder kriegst du Keile!«, brüllt ihr der Karate-Trainer aggressiv-aufputschend ins Gesicht. Nico, eine junge Frau Anfang 30, unterzieht sich der Kampfsport-Tortur, weil sie sich wehren wird, sollte sie jemals wieder angegriffen werden. Wer sich nicht wehrt, lebt verkehrt: eine Erkenntnis, die uns Nico mit Wut und voller Wucht, in Schmerz und Schönheit und vor allem mutmachend vor Augen führt. 26 Vorführungen in 26 Kinos haben wir terminiert …



Bilder: UCM.ONE, Berlin / Third Culture Kids, Berlin; Maya Steinberg (Portrait Eline Gehring)

Volle Bräunung

Von Nico zu Nick: Kommen wir noch einmal auf das Urlaubsende zurück und die Befürchtung des kleinen Nick, seine Ferienbräune könnte verflogen sein, noch ehe die Schule wieder begonnen hat. Unbedingt und voller Stolz will er doch seinen Freunden und auch dem Nachbarsmädchen Marie-Hedwig präsentieren, wie schön braungebrannt er ist. Um den farblichen Zustand zu erhalten, legt er sich, auf Empfehlung des Vaters, im häuslichen Garten ins Gras. Ab und zu läuft er ins Badezimmer …


…, um im Spiegel zu sehen, ob er noch brauner geworden ist. »Und gerade, als ich in den Garten zurückwollte, hielt das Auto der Kortschilds vor dem Nebenhaus, mit ganz viel Gepäck auf dem Dach. Dann ist Marie-Hedwig aus dem Auto gestiegen, und als sie mich gesehen hat, hat sie mir zugewinkt. Und ich bin ganz rot geworden.«


Goscinny & Sempé: »Neues vom kleinen Nick«, das Zitat ist aus dem ersten Kapitel »Die Schule fängt wieder an«. 80 ganz wunderbare Geschichten, die das Herz leicht machen, in jeder Lebenslage. »Die Stärke dieses Buches liegt darin«, schreibt Anne Goscinny, die Tochter René Goscinnys, »dass es junge wie alte Menschen fesseln und beglücken kann. Die einen erkennen sich wieder, die anderen erinnern sich.«


Anne Goscinnys Vater war bereits 1977 gestorben, nun ist ihm sein (kon)genialer Partner Jean-Jaques Sempé in die Wolken gefolgt. Mögen sie beide eine wunderbare Zeit im Himmel haben, wir schauen voller Dankbarkeit und anhaltender Freude zu ihnen hinauf.


In »Sturmböen und Windstille« (Diogenes Verlag 2014, mit einem Vorwort von Patrick Süskind) gibt es (nicht nur) eine Zeichnung, die Sempés ganze Menschenkenntnis und seine unvergleichlich pointierte Originalität auf einen Blick sichtbar macht: Auf einem schmalen Gebirgspass zieht ein Schäfer mit Hund seines Wegs, hinter ihm trotten bestimmt mehr als hundert Schafe. Von der geraden Strecke zweigt eine Ausbuchtung mit einem kleinen Pfad ab, der aber sogleich wieder auf die ursprünglichen Weg führt. Zwei Schafe haben sich für diese Abweichung entschieden. Sagt das (oder die) hintere zum Vorausgehenden: »Was ich an dir so bewundere, Robert, ist deine geistige Unabhängigkeit.«


Wir bewundern die geistige Unabhängigkeit Sempés und seinen einfach meisterhaften Strich.

Voll ins Schwarze

Wann immer er es ermöglichen kann, ist er bei FILMERNST zu Gast und bereichert Filmgespräche mit Witz und klugen Gedanken: Florian Lukas, einer unserer FILMERNST-Paten. Zur Eröffnung der SchulKinoWochen im März stand er im »Movieland« Erkner auf der Bühne, nach der Vorführung von »Madison – Ungebremste Girlpower«. Es dauerte fünf Minuten, ehe die Schüler:innen in Fahrt kamen und sich trauten, Florian erste Fragen zu stellen …


Dann aber nahm ihre filmische Wissbegierde kein Ende. Als Florian gefragt wurde, ob er (der in »Madison« den überambitionierten Trainer-Vater der Radsport-Heldin spielt) schon mal in einem anderen Sportlerfilm mitgewirkt hätte, musste er nicht lange überlegen und konnte zugleich sein etwas ungewohntes Aussehen erklären: Sowohl der wachsende Vokuhila als auch der wachsende Bauchumfang (vulgo: Wampe) seien nötig für die 2. Staffel von »Die Wespe« und seine Rolle als schon etwas abgehalfterter Dartspieler Eddie Frotzke.



In der »Frankfurter Allgemeinen Zeitung« war der Kritiker Michael Hanfeld des Lobes voll, für eine Serie, die »zum Witzigsten gehört, was das deutsche Fernsehen seit Langem zu bieten hat. Die Besetzung ist eine Wucht: Florian Lukas schlurft als Großmaul-Loser mit Bierbauch, Vokuhila und Schnauzer durch die Szenerie. Lisa Wagner gibt in der Rolle von Eddies Frau Manu zwar den Ton an, ist aber vor sich selbst weggelaufen und weiß, dass es so nicht weitergeht. Das gilt auch für den von Leonard Scheicher gütig-naiv angelegten Kevin, den ›Ziehsohn‹ der beiden …«


Ob es bei Serien eine Fortsetzung gibt, hängt zumeist oder fast immer vom Publikumserfolg, also den gestreamten Sendestunden ab. Im Falle von »Die Wespe« fiel die Entscheidung wohl nicht allzuschwer, wie wir diesem ganz persönlichen Gruß unseres FILMERNST-Paten Florian Lukas entnehmen können. Er schickte uns eine Mail mit »Wespen«-Bild und diesem Satz zu seiner sportlichen Qualifikation: »Nach fast vier Monaten in Krakau für die Dreharbeiten der zweiten und dritten Staffel der Dart-Serie ›Die Wespe‹ bin ich nun endlich eins mit dem Pfeil, dem Board und dem Universum!«





Wer nicht warten kann und will auf Eddie Frotzke (Start der neuen Staffel 2023), der kann Florian Lukas gerade auch im Kino sehen: In »Sweet Disaster« spielt er einen flotten Piloten im Liebesdreieck – und an der Seite von Friederike Kempter und  Lena UrzendowskyKokon«).



Fotos: Sky Deutschland/Gaumont GmbH/Nadja Klier (»Die Wespe«); MFA+ Filmdistribution, © Anne Bolick, Zeitgeist Filmproduktion GmbH & Co. KG (»Sweet Disaster«)




Tierisch gut ...

… erscheint das FILMERNST-Frühjahrsprogramm, rein von den Titeln betrachtet. Drei der vier Filme weisen direkt auf Tiere hin: Biene, Tiger, Hund. Allerdings spielen nur die Bienen eine filmische Hauptrolle und sind in Übergröße und höchster Brillanz zu bewundern. Tiger und Hund geben eher ein metaphorisches Leitmotiv oder …


… eine Richtung für die Geschichte vor. Der vierte Film kommt (fast) ganz ohne Tiere aus, sehen wir von ein paar geangelten Fischen ab. Ob mit oder ohne Tier im Titel oder im Film: Wir möchten Ihnen alle vier für das Frühjahrsprogramm ausgewählten Filme hier – im Rundbrief und auf der Webseite – noch einmal vorstellen und für filmernste Veranstaltungen in unseren 25 Partner-Kinos werben.


Die Flyer sind gleich im Anschluss an die SchulKinoWochen an alle Schulen versandt worden, aber auch hier abrufbar. Zu unserer Freude haben uns bereits Anmeldungen für mehr als 2.000 Schüler:innen erreicht. Allerdings, und das ist ein kleiner Wermutstropfen: Für einen der vier Filme, »Ein nasser Hund«, gibt es bislang nur ganz wenige Anmeldungen – und hier hoffen wir auf weit mehr. Wir wissen natürlich, dass die zeitlichen Ressourcen gerade in der Oberstufe begrenzt sind und sich ein Kinobesuch im Rahmen des Unterrichts nicht ohne weiteres einpassen und organisieren lässt. Dennoch würden gern auf diesen Film nachdrücklich aufmerksam machen – und zugleich auf die Möglichkeit, andere als die angegebenen Vorführtermine bei uns nachzufragen. Wir werden uns dann mit dem jeweiligen Kino um eine Alternative bemühen.


Wir freuen uns auf Ihre Anmeldungen und auf Ihren Besuch im Kino, senden Ihnen die herzlichsten Grüße und wünschen Ihnen, bis zum nächsten FILMERNST-Rundbrief, alles Gute.

Das Teaserbild ist übrigens aus »Das Geheimnis der Frösche« – und hat für FILMERNST eine besondere Bedeutung, HIER sieht man, wieso ...


Foto: Folimage Valence Production / Universum Film

»Apis mellifera« …

… ist nur eine von rund 25.000 Bienenarten. Die »Westliche Honigbiene« liefert uns die Naturprodukte Honig und Wachs – ein ebenso köstlicher wie praktischer Nebennutzen ihres fleißigen Tuns. Hauptsache jedoch und überlebensnotwendig für Mensch und Tier ist die Blüten-Bestäubung durch Bienen. Jetzt ist die Zeit, in der sie millionenfach ausschwärmen – und wir können ihnen bei ihrer Pollensuche extrem nahe kommen …


… im Dokumentarfilm »Tagebuch einer Biene« (empfohlen für 2. bis 6. Jahrgangsstufe, aber eigentlich für Menschen jeden Alters). Genau genommen sind es zwei Bienen, die uns an ihrem unterschiedlich langen – oder eher kurzen – Leben teilhaben lassen: eine Sommer- und eine Winterbiene. Die Bienenbilder sind höchst beeindruckend in ihrer Größe und Genauigkeit, auf der großen Leinwand wirken sie um so stärker. Die von Anna Thalbach stimmlich personifizierte »Winterbiene« überzeugt durch sehr anschaulich und verständlich vermitteltes Wissen über sich und ihre Art: Wenn sie von Blüten, Pollen und Honig erzählt, von Drohnen, Arbeiterinnen und Königinnen. Wir hören von ihr, dass Bienen mit der Haut atmen und sehen dazu, wie sie sich vor scheinbar riesigen Regentropfen retten, um nicht zu ertrinken. Wir werden Augenzeuge einer gemeinen Hornissen-Attacke und der heldenhaften Bienen-Verteidigung. Wenn sie nach verrichteter Arbeit an ihre Nachfolgerin, die von Nellie Thalbach gesprochene »Sommerbiene« übergibt, begleiten wir diese auf ihren Sammelflügen durch den Frühling: in Wort und Bild ein großes Film- und Naturerlebnis!


In der FILMERNST-Datenbank findet sich zu diesem Film unter dem Balken »Begleitmaterial« auch ein kurzes Video, in dem der Komponist Darren Fung am Beispiel eines musikalischen Motivs, »First Flight«, seine filmkompositorische Herangehensweise erläutert. Sehr sehenswert.



Fotos: Taglicht Media, Köln/Brian McClatchy; Filmwelt Verleihagentur, Berlin


Mit »More Than Honey« hatte FILMERNST ja schon vor einigen Jahren eine filmische Erzählung von Königinnen und ihren arbeitsamen Völkern im Programm: Szenarien vom Bienensterben globalen Ausmaßes und vom lukrativen Geschäft mit den Pollen. »Tagebuch einer Biene« ist anders in der Betrachtung und Kommentierung, aber nicht weniger erkenntnisreich und horizonterweiternd.


More Than Hony Plakat und Filmstills


Fotos: Senator Film, Berlin


Wir machen mit unseren beiden Bienen und ihrem Tagebuch natürlich ihrer berühmtesten, aber eben nur animierten Artgenossin Konkurrenz, die in »Die Biene Maja – Das geheime Königreich« just zu ihrem dritten großen Kinoflug ansetzt. Wahrscheinlich wird sie ein paar Zuschauer:innen mehr einsammeln, aber nicht die Quantität entscheidet: Unsere »Sommerbiene« wird in nur siebenwöchiger Lebenszeit mit ihrem Volk von abertausenden Blüten Pollen für hundert Kilo Honig zusammentragen, gerade mal ein Teelöffelchen davon ist von ihr – und dieser Honig hat seine Qualität!


Übrigens, noch ein Blick in die Vergangenheit: 1925 wurde Waldemar Bonsels Kindergeschichte von der wissbegierigen Biene Maja zum ersten Mal verfilmt. Fast zwei Jahre dauerten die Dreharbeiten, mit lebenden Insekten, in einem Berliner Terrarium. »Die Biene Maja und ihre Abenteuer«, eine viragierte Mischung aus Dokumentar- und Spielfilm, erlebte 1926 ihre Premiere. Das Kino »Capitol« am Berliner Nollendorfplatz annoncierte unter dem merkwürdigen Titel »Der Film aller Deutschen: Die Biene Maja« den großen Erfolg: »Wegen der sich täglich steigernden Nachfrage Jugendlicher, die mit ihren Eltern zu Tausenden das Capitol besuchen, finden heute und Sonnabend 5 Uhr Sonder-Vorstellungen für Jugendliche statt.«


2015 erschien die 2004 vom Bundesarchiv-Filmarchiv restaurierte Fassung erstmals auf DVD. Die von Florian C. Reithner komponierte Filmmusik wurde eingespielt vom Orchester Filmharmonie. Als Bonusmaterial eine 20-seitiges Begleitheft und eine halbstündige Dokumentation von Michael Seeber: »Das kleinste Epos der Filmgeschichte«. Im Datenteil der DVD eine Bildergalerie sowie zahlreiche Originaldokumente, Artikel und
Kritiken.


Bei ebenso überwältigender Nachfrage wie 1926 im Berliner »Capitol« wird FILMERNST natürlich auch an den Wochenenden Sondervorstellungen mit »Tagebuch einer Biene« organisieren – für Jugendliche, wenn sie gemeinsam mit ihren Eltern erscheinen … Und ein Kino CAPITOL haben wir auch, in Königs Wusterhausen nämlich.


Fotos: Seeber FILM Verlag, Michael Seeber, Klagenfurt

Ohne Worte …

… brachte Will Smith seine Empörung zum Ausdruck, er schlug einfach zu. Seine Ohrfeige ins Gesicht von Chris Rock war der wohl spektakulärste Moment der diesjährigen Oscar-Verleihung, der emotionalste war es jedoch nicht. Für den sorgte Troy Kotsur mit seiner Dankesrede nach der Ehrung als »Bester Nebendarsteller«. Auch er kam ohne – hörbare – Worte aus, aber er hatte dem Auditorium Bewegendes zu sagen, in Gebärdensprache …


Der gehörlose Schauspieler stellt im ebenfalls mit dem Oscar als »Bester Film« ausgezeichneten »Coda« einen Familienvater dar. Seinen Oscar widmete Troy Kotsur der Gehörlosen-Community, der »Coda«-Community und der Behinderten-Community: »Das ist unser Moment!«


Oscar Dankesrede

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Einen dritten Oscar gewann »Coda« in der Kategorie »Adaptiertes Drehbuch«, denn der Film (Regie: Siân Heder) ist ein Remake des französischen Kinohits »Verstehen Sie die Béliers« – das Original wurde leider in der Oscar-Gala mit keinem Wort erwähnt. »Coda« jedenfalls erzählt die Familiengeschichte eines gehörlosen Ehepaars, dessen 17-jährige Tochter nicht nur völlig normal hören kann, sondern zudem mit einem herausragenden Gesangstalent gesegnet ist. Aufgrund seiner Einschränkung kann der Vater, können die Eltern diese Begabung ihres Kindes nicht sinnlich wahrnehmen. Die beeindruckende Darstellung seines Schmerzes und des Verlusts trug Kotsur den Oscar ein.



Darsteller:innen: Amy Forsyth, Daniel Durant, Marlee Matlin, Troy Kotsur
Fotos: Vendome Pictures


Was das mit FILMERNST zu tun hat? Zum einen weisen wir schon mal auf »Coda« hin, falls er es denn als Apple+-Produktion ins Kino schafft und nicht nur im Stream versendet wird. Zum anderen und vor allem aber wollen wir auf einen Film hinweisen, den wir im Frühjahrsprogramm präsentieren: Es ist ein in Südkorea produzierter Kinderfilm, »Bori« (empfohlen für 3. bis 6. Jahrgangsstufe), der ebenfalls eine Familiengeschichte erzählt. Auch hier sind die Eltern gehörlos, ebenso wie ihr kleiner Sohn. Die elfjährige Tochter Bori indes kann ganz normal hören und sprechen – und fühlt sich in ihrer Normalität wie eine Außenseiterin. Immer öfter schaut sie mit Neid auf die anderen drei, wenn die in ihrer eigenen Welt Glücksmomente genießen. Bori bleibt stille Beobachterin, bis sie einen folgenschweren Entschluss fasst: Nach einem absichtlichen Sturz ins Meer wird sie so tun, als wäre sie taub geworden.


Mit Worten, aber vor allem auch ohne ist »Bori« ein feinfühliger und warmherziger Film, keine Oscar-, aber eine klare FILMERNST-Empfehlung!



Fotos: barnsteiner-film, Ascheffel; Sächsischer Kinder-
und Jugendfilmdienst e.V., Chemnitz


Der Film ist deutsch synchronisiert; die Passagen, in denen sich die Protagonist:innen in Gebärdensprache unterhalten, sind deutsch untertitelt. Die Untertitel können bei Bedarf von FILMERNST-Moderator:innen eingesprochen werden.

Mut für Mumbai

Welch’ harte Buße für einen ruchlosen Backenstreich: Will Smith’ grobes Schlagwerk (siehe vorherigen Eintrag) bei der Oscar-Gala musste natürlich Konsequenzen haben. Nicht, dass ihm die Academy den Preis entzogen hätte. Nein, viel schlimmer: Sie hat ihn für zehn Jahre von ihren Galas suspendiert. Nach Straf-Verkündung scheint der Sünder gleich verreist, am Flughafen von Mumbai ist er wohl gesichtet worden. Bollywood …


… soll ja in seinen rund rund 150 Studios gut 2.000 Filme pro Jahr herunterkurbeln, wie man zu analogen Zeiten gesagt hätte. Jetzt sind die Herz-Schmerz-Streifen samt und sonders digital, und bei der Masse an durchschlagskräftigen Soap-Operas müsste sich auch für Tiger Will Smith eine Rolle finden lassen. Vielleicht an der Seite eines Superstars wie Shah Rukh Khan – und in dieser fantastischen Annahme wollen wir wieder einen kühnen Dreisprung machen: von Will Smith über Mumbai zu FILMERNST – und dem dritten Film im Frühjahrsprogramm: »Träume sind wie wilde Tiger«, empfohlen für 4. bis 7. Jahrgangsstufe.

Der Superstar in »Träume sind wie wilde Tiger« heißt Amir Roshan – und an dessen Seite möchte sich der zwölfjährige Ranji liebend gern auf der Leinwand präsentieren. Amir Roshan ist ein fiktiver Charakter, in Wirklichkeit ist es der indische Choreograf und Tänzer Terence Lewis, der zahlreiche Bollywood-Filme choreographiert hat, aber ebenso Musicals, Bühnenshows, Werbespots und Musikvideos. Ranjis großer Bollywood-Traum scheint indes zu zerschellen, alldieweil seine Eltern nach Berlin ziehen, wo der Vater einen Top-Job in der IT-Branche übernimmt. »Leben ist wie Mathematik, mein Sohn.« Diese Maxime kann der väterliche Rationalist gar nicht oft genug wiederholen, aber der künstlerisch veranlagte Ranji will von seinen Träumen nicht lassen.



Fotos: Wild Bunch Germany / NFP*


Entstanden in der Reihe »Der besondere Kinderfilm« ist dieser Film von Lars Montag – nach einer Idee von Katharina Reschke – wirklich etwas Besonderes. Überschäumend temperamentvoll und bunt wie Bollywood. Leuchtende Farben und spielerische Formate, schrille und schräge Töne. Überdreht und immer etwas neben der Spur. Ganz sicher nicht ausgewogen oder politisch korrekt – bei der Darstellung und Zuschreibung von nationalen Attributen und Eigenheiten, ob indisch oder deutsch. Der Berliner Hausmeister mag ziemlich doof und mit seinen Ansichten von vorgestern sein, aber man kann ihm durchaus noch heute begegnen.

Ranji jedenfalls nutzt seine letzte kleine Chance, aber nicht im Alleingang, sondern in künstlerischer Gemeinschaft mit dem Nachbarmädchen Toni. Ihr beider Casting-Video ist zwar bollywoodreif, aber längst noch nicht dort, wo es sein soll: Nun brauchen sie den Mut für Mumbai. »Träume sind wie wilde Tiger« ist ein Kinderfilm, der sich was traut: seiner Geschichte, seiner Form, seinem Publikum. Pack den Tiger, Ranji!


»Ein trockener Jude« …

… klingt zwar nicht gerade freundlich, aber auch nicht unbedingt diskriminierend oder gar rassistisch. Wenn man aber die andere Hälfte des aus dem Iran stammenden Spruches hört, offenbart sich das Ganze als schlimmster Antisemitismus: »Ein nasser Hund ist besser als ein trockener Jude«. Genau so heißt ein 2010 erschienenes Buch – mit dem Untertitel: »Die Geschichte eines Deutsch-Iraners, der Israeli wurde«. Der Regisseur Damir Lukačević …


… hatte seinerzeit eine Lesung mit dem Autor Arye Sharuz Shalicar besucht und diesem gleich im Anschluss seinen Wunsch verkündet, den autobiografischen Roman zu verfilmen. Arye Sharuz Shalicar wünschte Damir Lukačević – wohl im Wissen um die Schwierigkeit des Stoffes und der Geschichte – nur kurz und knapp: »Viel Glück!« und erteilte ihm die Genehmigung.

Am 9. September 2021 kam der Film – unter dem abgeschwächten Halbtitel: »Ein nasser Hund« – in die deutschen Kinos und fiel gewissermaßen dem Herbst-Lockdown zum Opfer. Kaum jemand hat den Film letztes Jahr gesehen – einen Film, den möglichst viele, gerade junge Menschen sehen sollten, sehen müssen. Die Geschichte eines 16-jährigen, der mit seinen iranisch-stämmigen Eltern aus dem eher beschaulichen Göttingen nach Berlin gezogen ist. Bisher spielten das Religiöse und seine familiären Wurzeln keine große Rolle, mit einem Mal aber schon, nachdem er als »dreckiger Jude« beschimpft wurde. Die von seiner Oma geschenkte Kette mit dem Davidstern lässt er besser nicht sehen. Um Respekt und Anerkennung in der muslimischen Community zu finden, sucht er nach Bewährungsproben, gibt er sich als harter Hund, wird kriminell. Doch als er an die Schulfassade das Wort »Jude« sprüht, führt die Aufklärung des Skandals zu Soheils Offenbarung. Der falsche Muslim ist ein richtiger Jude. Aus vermeintlichen Brüdern werden wieder Todfeinde – oder gibt es eine andere Lösung?



Fotos: carte blanche International / Warner Bros. Pictures Germany


Zehn Jahre Arbeit, die Damir Lukačević in dieses Projekt investiert hat. Mehrere Jahre Arbeit am Drehbuch, dann die Inszenierung der Geschichte mit Schülern aus dem Wedding als Theaterstück. Monatelanges Casting mit Hunderten von Bewerbern, in Schulen und Theatergruppen, in denen in denen türkische und arabische Jugendliche gemeinsam lernen und spielen. Schließlich eine Auswahl von 40 jungen Leuten für die Haupt- und die wichtigsten Nebenrollen. Dann mehrmonatige Improvisations-Workshops, bei denen jeder – ob Palästinenser, Türke, Libanese oder Iraner – einmal auch den Part des jüdischen Protagonisten Soheil übernimmt. Diversität und Perspektivwechsel.

Die Geschichte spielt im Hier und Heute. Die Jahrzehnt zurückliegenden Erlebnisse und Erfahrungen des Autors Arye Sharuz Shalicar sind keine Vergangenheit, sondern – vielleicht noch mehr als damals – reale Gegenwart, nicht nur im Berliner Wedding.

Rau und realistisch: »Ein nasser Hund« (empfohlen von 9. bis 13. Jahrgangsstufe) ist eine Milieu- und Sozialstudie von enormer Wucht. Die schauspielerischen Leistungen der Jugendlichen sind beeindruckend, nicht zuletzt auch die Choreografien der Kampfszenen.


Wir wünschen uns sehr, dass der Film bei FILMERNST gesehen wird! Ein Gespräch nach dem Film mit dem Regisseur Damir Lukačević haben wir im Blick, Damir ist bereit.

Froh und erleichtert …

… anders kann man unsere Gefühle nicht beschreiben, als sich der Vorhang im »Movieland« Erkner tatsächlich öffnete und die SchulKinoWochen wirklich beginnen konnten. Nach dem Ausfall 2021 und der diesjährigen Verschiebung um zwei Monate war der Optimismus immer realistisch gedämpft. Aber nun: Super Bild und super Ton, große Leinwand, großes Kino!


Nach zwei Jahren Zwangspause endlich die Fortsetzung schulfilmischer Bildung, dort, wo sie ihren Platz hat, im Kino. Die Freude und die Spannung im »Movieland« Erkner waren allseits zu spüren: bei den Organisatoren, bei den Kinoleuten und vor allem auch beim jugendlichen Publikum. Die Schüler:innen fanden es großartig, nach langer Zeit wieder in einem Kino zu sitzen, in der Gemeinschaft einen Film zu erleben und nach der Vorführung sich darüber auszutauschen.



Den offiziellen Startschuss setzte die Bildungsministerin des Landes Brandenburg – und zugleich FILMERNST-Schirmherrin – Britta Ernst. Zu Gast ware nauch der Bürgermeister der Stadt Erkner, Henryk Pilz, und der Direktor des Landesinstituts für Schule und Medien Berlin-Brandenburg, Dr. Götz Bieber.
Als Auftaktfilm lief dann »Madison – Ungebremste Girlpower« von Kim Strobl. Wie die Schüler:innen vom »Carl-Bechstein-Gymnasium« Erkner und aus der Waldorfschule Frankfurt/Oder sah auch Florian Lukas seine schauspielerische Leistung zum ersten Mal auf großer Leinwand. Im Film spielt er den überambitionierten Vater der Protagonistin, der seine Tochter zu Höchstleistungen treibt und für den nur das Gewinnen zählt.


Es dauerte fünf Minuten, bis die Schüler:innen in Fahrt kamen und sich trauten, Florian Lukas erste Fragen zu stellen. Dann aber nahm ihre filmische Wissbegierde kein Ende. Als Florian gefragt wurde, ob er schon mal in einem anderen Sportlerfilm mitgewirkt hätte, musste er nicht lange überlegen und konnte zugleich sein etwas ungewohntes Aussehen erklären: Sowohl der wachsende Vokuhila als auch der wachsende Bauchumfang seien nötig für die 2. Staffel von »Die Wespe« und seine Rolle als schon etwas abgehalfterter Dartspieler. Das »Madison«-Happy-End spielte natürlich auch eine Rolle, aber eigentlich war das Publikum ganz zufrieden, dass Florian als Filmvater dazugelernt hatte. Zum Schluss gab’s Klassenfotos und Autogramme.



Bis 31. März touren wir noch durch die Kino-Spielorte des Landes Brandenburg, am Ende werden es wohl mehr als 250 Veranstaltungen sein, besucht von rund 10.000 Schüler:innen. Für einige Veranstaltungen gibt es noch Restplätze, einfach anrufen und nachfragen bei FILMERNST.


Fotos: FILMERNST/Bernd Sahling

» … im Tale grünet Hoffnungsglück«

Leider nein. In diesem Frühjahr richten sich unsere Hoffnungen und das Glück wohl weniger auf den Osterspaziergang im Grünen, sondern weit mehr auf die Sehnsucht nach Frieden und einem Ende des Krieges. Im letzten Rundbrief hatten wir erstmals auf den Ukraine-Live-Blog des in Greifswald erscheinenden, journalistisch einzigartigen »Katapult«-Magazins hingewiesen.


Was das »Katapult«-Team seit Ausbruch des Krieges an Aufklärungsarbeit geleistet und auf die Beine gestellt hat, ist beeindruckend und nahezu beispiellos. Mittlerweile haben sie ihr Redaktionsgebäude zur Zufluchtsstätte und zum Heim für Geflüchtete gemacht.


Hier ist das Video zu sehen:


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Außerdem, für Hintergrundinformationen, Entwicklungen, Zusammenhänge der Katapult-Podcast, zum Anhören, aber auch zum Herunterladen der erhellenden Texte.


Schule in Zeiten des Krieges


Grafik: Katapult, Lizenz: CC BY-NC-ND 4.0




Im letzten Rundbrief hatten wir auch aufmerksam gemacht auf den Dokumentarfilm »Oleg, eine Kindheit im Krieg« von Simon Lereng Wilmont. Eine Kindheit an der Kriegsfront in der Ost-Ukraine 2014, ein Jahr im Leben eines Zehnjährigen. Umsorgt von seiner Großmutter, wächst der Junge in der Donezk-Region auf, wo Landminen-Explosionen und Raketeneinschläge zum Alltag gehören.


Wie das US-amerikanische Film-Branchenblatt »Variety« am 8. März berichtet, wollten die Filmemacher im Februar 2022 Oleg und dessen Großmutter in Sicherheit bringen: Die beiden sollten einen Zug nehmen und in die damals noch ruhige Westukraine fahren, wo eine vorübergehende Unterkunft auf sie wartete. Doch die Abfahrt war genau für jenen Tag geplant, an dem Putins Armee in die Ukraine eindrang. Der Transport kam zum Stillstand, und Oleg Afanasyev und seine Großmutter Alexandra saßen fest in einer nun belagerten Region. Simon Lereng Wilmont zu »Variety«: »Ich bekam Nachrichten wie: ›Betet für uns. Das ist die Hölle. Es gibt keinen Ausweg‹.«


2018 hatte der dänische Regisseur mit »The Distant Barking of Dogs« (so der viel bessere englische Titel des Films) den Hauptpreis des Thessaloniki Documentary Festivals gewonnen. Letzte Woche war Simon Lereng Wilmont wieder Gast des griechischen Festivals, zur Premiere seines aktuellen Films »A House Made of Splinters«. Der Film lief bereits im Wettbewerb für Dokumentarfilme des Weltkinos beim Sundance Film Festival und erhielt dort den Preis für die beste Regie.
Ein weiteres Mal war Simon Lereng Wilmont in die Ostukraine gereist, um nur wenige Kilometer von der damaligen Frontlinie entfernt den Kamerablick auf ein Heim zu richten, in dem Kinder unter den traumatischen psychologischen Folgen des Lebens im Krisen- und Kriegsgebiet leiden. Die Bezüge zum aktuellen Geschehen sind direkt und unmittelbar. Die Kinder konnten, wie es heißt, von der Frontlinie evakuiert werden.


Zum Abschluss des Festivals in Thessaloniki wurde Simon Lereng Wilmonts Film »A House Made of Splinters« am 20. März mit dem Hauptpreis, The Golden Alexander Award, geehrt.


Link zum Festival und einem Gespräch mit dem Regisseur:
https://www.filmfestival.gr/en/all-news-en/27967-screening-of-the-film-house-of-made-splinters-and-qna-with-the-director

Bild: Cinetic Media

»Meinst du, die Russen

... wollen Krieg?«, so lautet, in deutscher Übertragung, die Titelzeile eines der wohl berühmtesten Antikriegsgedichte: Хотят ли русские войны? In der DDR gab es wahrscheinlich kaum jemanden, der es nicht kannte. Geschrieben 1961 vom russischen Dichter Jewgeni Jewtuschenko ...


..., nach einer Reise durch Westeuropa und die USA. Der Poet war von dem in der Sowjetunion sehr populären Schauspieler und Estradensänger Mark Bernes aufgefordert worden, eine lyrische Antwort auf die Frage zu geben, ob es denn vorstellbar sei, dass sein Land einen Krieg führen wolle. 1961 war ein weltpolitisch brisantes Jahr, die Kubakrise. Der erste Gedichtversuch überzeugte weder Bernes noch Jewtuschenko so recht, aber in seiner (zweiten) Vertonung durch den Komponisten Eduard Kolmanowski wurde es, nach 1961, ein großer Erfolg. Bei den Weltfestspielen der Jugend und Studenten in Helsinki 1962 sorgte es für Begeisterung, das Alexandrow-Ensemble der Roten Armee popularisierte es bei seinen internationalen Tourneen, in der DDR trug es, mit den Worten von Siegfried Siemund, der »Oktoberklub« vor. Die vielleicht beste deutsche Nachdichtung stammt von Gisela Steineckert, der vorletzte Satz der vierten Strophe lautet bei ihr: »Für Waffen gibt's heut keinen Sieg.«


Jewtuschenkos Gedicht im Original, gesungen von Mark Bernes:

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Keiner, der das Gedicht seinerzeit gelesen oder das Lied gehört hat, hätte Jewtuschenkos Frage: Хотят ли русские войны? mit JA beantwortet. Das unermessliche Leid der Belorussen, Ukrainer, Russen während des Zweiten Weltkrieges, der opferreiche Sieg über den Faschismus, die Erfahrungen der Geschichte schienen auszuschließen, dass von der Sowjetunion jemals ein Krieg ausgehen könnte. Diese feste Überzeugung galt auch nach dem Ende des Kalten Krieges, aber spätestens 2014, mit der Annexion der Krim, geriet sie ins Wanken und verkehrte sich am 24. Februar 2022 ins glatte Gegenteil, in die Katastrophe, in einen Krieg.


»Überfall Russlands auf die Ukraine« – eine schlimmere Balken-Überschrift auf den Titelseiten deutscher Zeitungen kann es nicht geben. Ja, die Russen führen Krieg. Ganz sicher wollen nicht alle Russen Krieg, aber zumindest ihr Präsident und dessen Paladine in wilder Entschlossenheit: in einer alle Tatsachen verdrehenden und verfälschenden Weise, auf einem nicht nur politischen, sondern auch moralischen Tiefpunkt. Die Bedrohung war real, die Angst ist real, die Flüchtenden sind real – und das alles ist für die Ukraine und ihre Bürger:innen keine rhetorische Frage mehr.
Wir können hier nur, im festen Glauben an die Vernunft und in der Hoffnung auf ein schnelles Ende des Waffengangs, all denen beistehen, die Beistand brauchen: den Menschen in der Ukraine.


Was jetzt jede:r in Deutschland tun kann, um der Ukraine und der Antikriegsbewegung in Russland und Belarus zu helfen, dafür hat Mischa Gabowitsch, Historiker und Soziologe, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Einstein-Forum in Potsdam, auf Twitter und seiner Webseite etliche ganz konkrete Vorschläge, unter Punkt 7 finden sich auch Spenden-Links.


@mgabo oder https://gabowitsch.net/stopwar-de/



Unbedingt hinweisen möchten wir hier aber auch auf den Ukraine-Live-Blog des in Greifswald erscheinenden »Katapult«-Magazins, eines der gegenwärtig wohl innovativsten publizistischen Projekte des Landes. Viele höchst anschauliche, die Augen öffnende und Zusammenhänge erhellende Grafiken und Schautafeln finden sich hier, nicht zuletzt auch die Begründung, warum »Katapult« die ukrainische Hauptstadt Kyjiw und nicht Kiew schreibt. Schauen und lesen Sie »Katapult«!


Russische Raketen treffen Kindergarten im ukrainischen Okhtyrka


Grafik: Katapult, Lizenz: CC BY-NC-ND 4.0



Zum Schluss dieses bitteren Eintrags in unserem Rundbrief und auf unserer Webseite möchten wir noch aufmerksam machen auf den Dokumentarfilm »Oleg, eine Kindheit im Krieg« von Simon Lereng Wilmont. Eine Kindheit an der Kriegsfront in der Ost-Ukraine 2014, ein Jahr im Leben eines Zehnjährigen. Umsorgt von seiner Großmutter, wächst der Junge in der Donezk-Region auf, wo Landminen-Explosionen und Raketeneinschläge zum Alltag gehören. Der Film macht mit eindringlichen Bildern anschaulich, was es für ein Kind bedeutet, im Krieg aufzuwachsen. Er zeigt, wie der universelle kindliche Wunsch, die Welt zu verstehen, von den Gefahren und Herausforderungen des Krieges beeinflusst und beschädigt wird.


Im Programm von arte am Dienstag, dem 1. März, 23:50 Uhr oder auf Youtube



»Meinst du, die Russen wollen Krieg?
Die Russen haben doch Verstand.
Sie haben einen Krieg gehabt,
viel tiefer, als ihr jemals grabt.
In Stalingrad fiel jede Wand -
für wen schrieb Tanjas Kinderhand?
Für Waffen gibt's heut keinen Sieg.
Meinst du, die Russen wollen Krieg?«
Jewgeni Jewtuschenko
Nachdichtung Gisela Steineckert

Stand jetzt …

… ist eine gern genutzte Leerformel, wenn man sich alle Optionen offenhalten will oder insgeheim schon mehr weiß, es aber noch nicht allen und jedem kundtun möchte. »Stand jetzt« verkünden Fußballtrainer mit ernster Miene und ohne Maske, dass sie den Verein nicht wechseln werden: sicheres Zeichen dafür, dass sie bald weg sind. »Stand jetzt« könnten auch wir sagen, da wir zum zweiten Anlauf für die SchulKinoWochen ansetzen …



… und zwar inständig hoffen, aber natürlich nicht wissen, welche Virusvariante wann mutiert und was daraus folgt. Die Infektionszahlen sind so hoch wie nie, und Mitte Februar soll sich die Omikron-Welle zu höchster Höhe emporschwingen. Der eine Professor, Christian Drosten, lässt gerade Hoffnung schimmern, doch ein anderer, Karl Lauterbach, sieht »keinerlei Grund zur Entwarnung«. Wie bitterernst dem auch sei: Wir sind filmernst-optimistisch und glauben – Stand jetzt – fest daran, dass am 17. März die 15. SchulKinoWochen des Landes Brandenburg beginnen. Unsere FILMERNST-Schirmherrin, Bildungsministerin Britta Ernst, wird im Kino »Movieland« in Erkner den offiziellen Startschuss geben.
Mit »Madison – Ungebremste Girlpower« geht’s los, und Florian Lukas als Gast wird uns verraten, ob er bei den rasanten Bahnrennen selbst im Sattel saß. Er spielt den Vater der Heldin; am Tag ihrer Geburt hatte er ein ›Madison‹ gewonnen, ein Zweier-Mannschaftsfahren auf der Bahn. Ihr Name ist also Programm!


Fotos/Video: farbfilm Verleih / Dor-Film West / Anke Neugebauer


Die Programmhefte für die SchulKinoWochen wurden ein zweites Mal an alle Schulen geschickt; Anmeldungen für die Veranstaltungen am besten online, hier auf dieser Webseite. Lasst uns die Kinosäle füllen!

Link zum Programmheft


Photo: Geoffrey Moffett on Unsplash (Symbolbild)

Am Ende des Tages …

… sind wir alle klüger: Eine ziemlich nichtssagende, aber oft gebrauchte Leerformel ist auch das. Gerade die Politik nutzt hemmungslos Sprachhülsen zum Nullwert, die Medien helfen sie verbreiten. Die »Floskelwolke« ist daher ein verdienstvolles Projekt, das vor allem der Sprache des Nachrichtenjournalismus aufs Maul schaut, online die Floskel des Monats kürt und nun schon zum zweiten Male auch die Floskel des Jahres. Der »Negativpreis« …



… für das Jahr 2021 ging an »Eigenverantwortung« – und die Preisverleiher begründen das so: »Ein legitimer Begriff von hoher gesellschaftlicher Bedeutung wird ausgehöhlt und endet als Schlagwort von politisch Verantwortlichen, die der Pandemie inkonsequent entgegenwirken. Fehlgedeutet als Synonym für soziale Verantwortung und gekapert von Impfgegnerinnen und Impfgegnern als Rechtfertigung für Egoismus.«

Die »Floskelwolken«-Betreiber Udo Stiehl und Sebastian Pertsch, beide selbst Journalisten und Nachrichtenredakteure, wollen keine Nestbeschmutzer sein, sondern für die Sprache sensibilisieren. Nicht alle Phrasen und Floskeln seien schlimm, aber viele unnötig oder im besten Fall einfach nur falsch.

Auf »Eigenverantwortung« folgten übrigens »klimaneutral«, »links-gelb«, »unvorhersehbar« und »Instrumentenkasten« auf den Plätzen. Während für die erste Preisvergabe 178 Vorschläge eingereicht wurden, waren es nun nur noch 72 Begriffe und Formulierungen – pandemiebedingt, wie es den Anschein hat. Vorschläge mit Bezug zur Pandemie gab es diesmal weit weniger, zehn bezogen sich noch auf das Impfen.

Floskeln wie »ein Stück weit« oder »vor Ort«, die ganz schlimme Zustimmungsbekundung: »Da bin ich ganz bei Ihnen/bei Dir« und nicht zuletzt das allerbeliebteste Bewegungsverb »zurückrudern«: In FILMERNST-Texten sind sie tabu, wir haben keine »Projekte in der Pipeline«, öffnen keine »Zeitfenster« und »schnüren keine Personalpakete«, um nach »Leistungsträgern« Ausschau zu halten. Damit wäre für uns nicht nur ein Stück weit »eine rote Linie überschritten«.

Diese Floskel, so Sebastian Pertsch, sei hierzulande relativ neu, komme eigentlich aus den USA der 1960er Jahre. Das Verb ›to redline‹ hätten Versicherungsmakler genutzt, um bestimmte Bereiche einer Karte, die ein erhöhtes Versicherungsrisiko aufwiesen, mit einer roten Linie zu markieren. Auch in der Kriegführung sei der Begriff genutzt worden, wenn ein Gegner eine Grenze überschritten habe. Heute würde vor allem ein Tabubruch so bezeichnet. Allerdings sei die ›rote Linie‹ gar nicht klar definiert, jeder interpretiere sie anders.


Photo by Mitchell Luo on Unsplash

Für einen Deutsch-Leistungskurs oder die Beschäftigung mit Sprache überhaupt bietet die »Floskelwolke« jedenfalls gute Anregungen.

Hier sind die luftigen Gebilde im Internet zu finden:
https://floskelwolke.de/
https://twitter.com/Floskelwolke
https://www.instagram.com/Floskelwolke
https://www.facebook.com/Floskelwolke
https://de.wikipedia.org/wiki/Floskelwolke

Very Peri …

… klingt auch wie eine Floskel, die sich bei Bedarf vielleicht als Anerkennung oder Lob einsetzen ließe. Es ist aber die Farbe des Jahres 2022, kreiert und gekürt vom »Pantone Color Institute«, das Prognosen für globale Farbtrends erstellt. Peri wurde hergeleitet von »Periwinkle«, englisch für Immergrün, mit Blüten zwischen Purpur und Violett. Schön und satt anzusehen, doch die Begründung für die Wahl ist reinste Floskel-Philosophie …



… und hört sich ausgesprochen blumig an. »Very Peri« sei ein Symbol für den globalen Zeitgeist des Augenblicks und den Wandel, den wir durchmachen. Aus einer intensiven Phase der Isolation herauskommend, änderten sich Vorstellungen und Standards. Mit allen Eigenschaften von Blautönen und einem rötlich-violetten Unterton zeige uns »Very Peri« eine lebhafte Sicht auf die Welt, die zu mutiger Kreativität und fantasievollem Ausdruck inspiriere. Unser physisches und digitales Leben würde auf neue Weise verschmolzen. Die »Pantone Color of the Year«, so die Vize-Präsidentin des Instituts, Laurie Pressman, spiegele wider, was sich weltweit in der Gesellschaft abspiele. Zugleich drücke sie die Hoffnung aus, dass Menschen in Farben Antworten finden.

Auch ein Fall für Textanalyse im Deutschunterricht oder für Farbanalysen und Farbwirkungen im Kunstunterricht. Vielleicht auch für ein Filmgespräch: Die sattesten Farben, auch »Very Peri«, erblicken wir über und unter Wasser beispielsweise in »Shorty und das Geheimnis des Zauberriffs«, den wir aktuell im Programm der SchulKinoWochen haben.



2021 wurden übrigens gleich zwei Pantone-Farben des Jahres gewählt: »Ultimate Gray« – ein zeitloses Grau als Symbol für Sicherheit und Zuverlässigkeit – sowie »Illuminating« – ein lebendiges Gelb als Zeichen für Hoffnung, Kraft und Optimismus. Das klang dann so: »Das beflügelnde Ensemble aus PANTONE 17-5104 Ultimate Gray und PANTONE 13-0647 Illuminating zielt auf unser ureigenes Bedürfnis ab, wahrgenommen zu werden und uns Gehör zu verschaffen. Eine mit Wissen, Innovation und Intuition verknüpfte Farbkombination, die mit Respekt für Weisheit, Erfahrung und Intelligenz zur Regeneration anregt und uns zu neuen Denkweisen und Konzepten antreibt.«

In diesem »Illuminating«-Geist, wahrgenommen zu werden und sich Gehör zu verschaffen, erscheint und wirkt FILMERNST seit seiner Geburt.


© Foto Teaserbild: Pantone Color Institute
Fotos »Shorty«: Alpenrepublik Filmverleih

Man muß brüllen …

… und man muß flüstern, heißt es am Ende von »flüstern & SCHREIEN«. Ein DEFA-Dokumentarfilm, der in Wort und Bild völlig ohne Floskeln auskommt. Am 20. Oktober 1988 erlebte er im Berliner Kino »Colosseum« seine Uraufführung und fand umgehend – mit 33 Kopien – ein Riesenpublikum in der DDR. Der Regisseur Dieter Schumann war bei etlichen FILMERNST-Veranstaltungen seines Films unser Gast, und …


… auch Jahrzehnte nach dem großen Erfolg konnte »flüstern & SCHREIEN« ein heutiges junges Publikum durchaus interessieren und beeindrucken. Für den Geschichtsunterricht, aber auch für das Fach Lebensgestaltung-Ethik-Religionskunde bietet der Film vielfältige Anknüpfungspunkte, ermöglicht Vergleiche mit eigenen Haltungen, lässt das Leben der Eltern- oder mittlerweile fast Großelterngeneration für die heutigen Jugendlichen lebendig und vielleicht auch nachvollziehbar werden.

Der Drehbuchautor und Dramaturg Jochen Wisotzki liefert unter dem Titel »Wie ich mit Gorbatschow mein Glück bei der DEFA machte« einen neuen, erhellenden Beitrag zur Entstehungs- und Wirkungsgeschichte dieses Films, aber auch einiger anderer, die in den letzten Jahren der DDR im DEFA-Studio für Dokumentarfilme entstanden. Zu lesen ist der sehr ansprechend illustrierte Text – mit zum Teil noch nie gesehenen grafischen Darstellungen aus dem Montage-Szenarium – im gerade erschienenen, vierten Journal der DEFA-Stiftung: Leuchtkraft 2021.

Das komplette »Leuchtkraft«-Journal mit einer Vielzahl sehr lesenswerter Beiträge steht hier – mit Dank an die DEFA-Stiftung – als PDF-Download zur Verfügung.




»Man muß brüllen … und man muß flüstern«, das sagt im Film Dirk Zöllner. Bekannt geworden durch seine Band »Chicorée«, später mit André Gensicke als »Die Zöllner«. Nach einem Konzert kommen die beiden in die Garderobe und Dirk Zöllner lässt seinen Gedanken freien Lauf: » … live kann man viel machen. Es ist überhaupt der entscheidende Punkt, der mich so glücklich macht. Wir sind böse Menschen, wir möchten auch böse sein. Wir sind zärtliche Menschen, wir möchten auch zärtlich sein. Und wir sind auch politisch denkende Menschen, die sich grade in dieser Gesellschaft auch einen Kopf machen, wie es aussieht, wo die Tendenz hingeht. Was man machen möchte. Wir möchten auch daran teilhaben. Wir haben die Möglichkeit, wenn wir auf der Bühne stehen, auch was zu machen und zu äußern. Und da möchten wir uns auch nicht dümmlich äußern, sondern wollen was machen – und dann kann man auch glücklich sein. Man kann nicht, so wie es bei ›Chicorée‹ zum Schluß war, überall diese Sache abfallen, abflachen, sondern man muß brüllen … und man muß flüstern.«

Ganz zum Schluss ist »Feeling B« zu hören: »Zieh’ die Schuhe aus / die so lang schon drücken. / Lieber barfuß lauf, / als auf ihren Krücken.«

Feeling B - Artig

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Feeling B - Unter Dem Pflaster

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Jochen Wisotzki schreibt dazu: »Deutlich steht mir ein Gespräch mit Dieter Schumann gegen Ende des Montage-Prozesses vor Augen. Wir standen gerade an der Ampelkreuzung vor dem Roten Rathaus in Berlin. Es ging darum, wie wir den Film beenden und um die Option, den Film mit diesem Song zu beschließen. Ich fragte Dieter etwas unsicher, ob wir uns trauen, am Schluss zur Revolution aufzurufen. Dieter antwortete lachend: Na klar! Und so wurde es dann auch gemacht.«

DDR 1987, Zeit- und Filmgeschichte mit Leuchtkraft.

Fotos: DEFA-Stiftung / Fotografin: Tina Bara

Is’ Presse da? …

… erkundigte sich unser Ehren-FILMERNST Rolf Losansky vor jeder Veranstaltung, zu der wir ihn eingeladen hatten. Es waren viele, die er zwischen der Uckermark und dem Spreewald absolviert hat. Immer gut vorbereitet, immer pünktlich, immer guter Laune. Ausdauernd, bis auch die letzte Frage beantwortet war – ohne jede Floskel, sondern sehr anschaulich und mit viel Humor. Er fehlt uns sehr, aber seine Filme halten die Erinnerung …


… an ihn sehr wach. Gerade erst gab es etliche Veranstaltungen mit seinem Klassiker »Moritz in der Litfaßsäule« – und »DEFA-Filme: kein Schulgespenst!« heißt der Beitrag von Jürgen Bretschneider über Chancen und Herausforderungen beim Einsatz von DEFA-Filmen im Unterricht. Erschienen ist er ebenfalls im »Leuchtkraft«-Journal der DEFA-Stiftung, hier als PDF-Download (ab Seite 114). Des weiteren Erinnerungen an Rolf Losansky von seiner Tochter Danka Losansky, seinen ehemaligen Kinderdarstellerin Frank Wuttig (»Euch werd’ ich’s zeigen«) und Ralf Schlösser («… verdammt, ich bin erwachsen«) sowie seiner kongenialen Szenaristin und Drehbuchautorin Christa Kožik.



Als Fazit der Überlegungen, ob es sich lohnt, DEFA-Filme für schulische Kontexte aufzubereiten und einzusetzen, steht ein Ausrufezeichen hinter dem »Ja!« Es gibt mehr als genug Filme für unterschiedliche Altersgruppen, die es nach wie vor lohnen, dafür ausgewählt zu werden – und insofern stimmt auch die Überschrift des Beitrags, »DEFA-Filme: kein Schulgespenst!« Aber es ist eben nicht damit getan, die Filme zu digitalisieren. Dies ist eine für das heutige Kino-Abspiel notwendige, indes keine hinreichende Voraussetzung. Weit aufwendiger und kleinteiliger ist es, die digitalisierten Filme ans Publikum zu bringen – und nicht mit allen ist es so leicht wie mit den Filmen von Rolf Losansky.



FILMERNST macht das seit nun schon fast 20 Jahren, aber: Die Zeiten ändern sich. Doch selbst wenn es immer schwieriger wird – zumindest außerhalb von Festivals und Event-Veranstaltungen –, einem nachwachsenden Publikum DEFA-Filme zu präsentieren oder anders: ausreichend Besucher:innen dafür zu finden: Wir lassen nicht nach, wie unser letztes, aktuelles Sonderprogramm zeigt:

»Von gestern für heute: Die DDR im DEFA-Film«
»Moritz in der Litfaßsäule« (1.-4. Jahrgangsstufe)
»Isabel auf der Treppe« (4.-7. Jahrgangsstufe)
»Ikarus« (5.-8. Jahrgangsstufe)
»Biologie!« (8.-10. Jahrgangsstufe)

Flyer

Anmeldungen für die Filme nehmen wir gern entgegen.

Speziell über Dokumentarfilme im Unterricht schreibt Bettina Henzler im »Leuchtkraft«-Journal der DEFA-Stiftung: »Die Rückseite der Bilder – Methodische Zugänge zum Dokumentarfilm. Drei Perspektiven auf den ›Mauerfall‹«, ab Seite 96.

Zum Schluss noch einmal zurück zu Rolf Losansky und einem seiner frühen Filme. Verbinden möchten wir das mit der Erinnerung an einen bedeutsamen deutschen Schriftsteller, der vor 100 Jahren geboren wurde: Franz Fühmann. Von ihm erschien 1960 »Die Suche nach dem wunderbunten Vögelchen«, mit Illustrationen von Inge Friebel, ediert im Kinderbuchverlag Berlin als Band 10 der »Kleinen Trompeterbücher«.
Rolf Losansky drehte nach dieser Vorlage 1963 in Eisenhüttenstadt und Umgebung, zum Frauentag 1964 erlebte der Film im Berliner »Kosmos« seine Premiere, als »Ein märchenhafter Kriminalfilm für Kinder«, wie auf dem Plakat geworben wurde. Der Zauberer Sassafraß, gespielt vom großen Pantomimen Eberhard Kube, vermag auch heute noch die Kinder zu verzaubern.



Fotos: DEFA-Stiftung / Eberhard Dassdorf ;
Filmplakat DEFA-Stiftung / Grafikerin: Angelika Rößler
restliche Fotos: FILMERNST



»Ich bin die Kröte …«

… auf dem Schatz der Welt«, ist in Herbert Achternbuschs »Das Andechser Gulasch« zu lesen. Und: »Ich werd schon wieder aus der Scheiße eine Rose machen.« Deftig, derb, bayerisch-krachledern. Floskeln waren ihm ganz sicher ein Graus, in seinen Büchern und seinen Filmen. Jetzt hat der antiautoritäre Autorenfilmer sein Wortgestöber eingestellt, im Alter von 83 ist der subversive Dichter, Maler, Filmer gestorben. Wohl nie …


… werden wir eines seiner exzentrischen Werke im FILMERNST-Programm zeigen können, schade eigentlich. Aber immer wieder können wir ihn zumindest zitieren und aus seinem Fundus zehren. Schon einmal haben wir es in einem Rundbrief getan, zu Beginn des ersten Lockdowns, natürlich mit dem bekanntesten Paradox von ihm. Aus »Die Atlantikschwimmer«, es wurde sprichwörtlich. Da stehen zwei Männer, Herbert und Heinz, am Meeresstrand. Es treibt sie hinaus, doch es fehlt ihnen ein Schiff. Angesichts dieser Lage verkündet Herbert, gespielt vom Anarcho Achternbusch selbst: »Du hast keine Chance, aber nutze sie!« Dann steigt er in voller Montur ins Wasser und schwimmt in die Fluten: Das Ende des Films und Hoffnung auf etwas Neues. Auch wir wollten, in der Pandemie, jede Chance nutzen. Das gilt noch immer.




Nicht selten wurde Herbert Achternbusch mit Karl Valentin in einen Zusammenhang gebracht. Mit diesem rufen wir deshalb jenem nach:
»Wer am Ende ist, kann von vorn anfangen, denn das Ende ist der Anfang von der anderen Seite.« Servus, Achternbusch!


Der Herr Herbert in »Servus Bayern« | © Filmmuseum München


Übrigens: Ganz so aussichtslos ist es mit dem Bayerischen bei FILMERNST nicht: Mit »Tom und Hacke«-Vorführungen wollten wir testen, ob die originelle Adaption des Mark-Twain-Klassikers in ihrem breiten bayerischen Dialekt auch für preußische Ohren taugt. Das Ergebnis: Die brandenburgischen Schüler:innen waren durchaus offen für ›Fremdsprachen‹! Ein Drittel des Publikums hatte überhaupt keine Probleme, die Dialoge zu verstehen und der Handlung zu folgen, obwohl: »Wenn man kein Bayer ist, dann ist man eingeschränkt«, lautete der schönste Kommentar auf einem der Auswertungsbögen.



Fotos: Zorro Filmverleih

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