»Ich hab’ mich eigentlich gefreut, dich an mich zu drücken. Ich würde gern was fühlen. Aber da ist nichts. Ich hab’ ja nicht mal Milch.« Jessica steht vor einem Spiegel, im Arm hält sie ihre vor kurzem entbundene Tochter Alba. Ein berührendes Doppelporträt. Die vielleicht 15-Jährige spricht zu dem Baby, aber vor allem auch zu sich selbst. Zweifel und Fragen klingen an, als sie Alba behutsam ins Gitterbettchen legt und die Musikbox mit einem Schlaflied anknipst. Wird sie es schaffen, das gemeinsame Leben mit einem Kind? Wird sie der Verantwortung gerecht werden, auf Dauer die Willensstärke haben, um ihre und Albas Zukunft zu gestalten? Niemals jedenfalls würde sie ihre Tochter weggeben, so wie ihre eigene Mutter es getan hatte. »Weggeworfen«, sagt sie voller Bitterkeit. Jessica lebt, mit anderen minderjährigen Mädchen, in einem Heim für junge Mütter. Das »Maison maternelle« in der belgischen Stadt Lüttich ist ein geschützter Ort, wo die Mädchen unter fachlicher Anleitung lernen können, Verantwortung für sich und andere zu übernehmen. Die Gemeinschaft funktioniert mit Strukturen und Regeln, aber ohne Zwänge und Bevormundungen. Ob sie nach einer gewissen Zeit ihre Kinder behalten oder einer Pflegefamilie anvertrauen, diese schwerste aller Entscheidungen treffen die Mädchen schließlich selbst. Neben Jessica macht der Film mit drei weiteren Mädchen vertraut: Alle kommen sie aus prekären Verhältnissen, haben zwar verschiedene individuelle Erfahrungen, doch gleiche oder ähnliche Schicksalspunkte. Die Mütter sind schwach, die Väter meist abwesend oder nicht vorhanden. Es fehlt an emotionalen Bindungen und sozialer Stabilität. Julie war ein Junkie und ist jetzt clean, aber nicht vor Rückfällen gefeit. Ariane fand bei einer alkoholkranken, dominanten Mutter nie ein richtiges Zuhause und lehnt jetzt deren Einmischungen und Erpressungen ab. Perla möchte ihren Freund mit dem Baby zu einer »richtigen« Familie zusammenführen und damit erreichen, was ihr immer fehlte. Jessica wiederum hat ihre leibliche Mutter aufgespürt und will sie zu einem Bekenntnis zwingen, weshalb sie ihr Baby nicht behalten wollte. Es sind offene Wunden und nie verheilte Narben. Der Film zeigt sie mit Wut, Trauer und Schmerz. Was ihn darüber hinaus so großartig macht, das sind die Momente der Hoffnung, der Zuversicht, des Glücks. Am Ende setzt sich Julies frühere Lehrerin an das Klavier und lässt mit Mozarts »Rondo alla Turca« die Emotionen hochfliegen. Sie macht das Schwere leicht – und sie wird die Trauzeugin sein, wenn Julie ihren Freund Dylan heiratet.
Der Weg ins Leben, soziale Realität: emphatisch, ehrlich, eindringlich.
Fotos: © Wild Bunch Germany, München
»Man sollte ›Junge Mütter‹ an Schulen zeigen: als Begleitung zum Sexualkundeunterricht, schließlich geht es um Teenager-Schwangerschaften […] Wie kann ein Kind, das keine Regeln und liebevolle Fürsorge erfahren hat, zu einer stabilen Persönlichkeit werden? Und wie kann so jemand, selbst Mutter geworden, einem Kind Halt geben?«
Martina Knoben, Süddeutsche Zeitung, München
»Wenig überraschend für einen Dardenne-Film ist sein dokumentarischer Charakter, sein naturalistischer visueller Stil mit Handkamera und langen Einstellungen, dem Dreh an realen Schauplätzen statt an nachgebauten Sets, der vollständige Verzicht auf künstliches Filmlicht und auf Filmmusik. Die jungen Darstellerinnen, zum Teil erstmalig vor der Kamera, sind so ›lebensecht‹, dass man ihnen das Schauspielen absprechen möchte. Man kann über lange Phasen tatsächlich vergessen, dass es sich um einen Spielfilm handelt – einfach großartig!«
Ulrike Seyffarth, kinder-jugend-filmportal.de, Remscheid
»Das Heim dient im Film dazu, die verschiedenen Erzählstränge zu bündeln, spielt aber als Institution nur eine untergeordnete Rolle. Immer wieder geben die Mitarbeiterinnen den jungen Frauen im richtigen Moment Halt, aber sie bleiben am Bildrand, werden nie zu eigenständigen Figuren. Im Zentrum stehen konsequent die jungen Mütter und damit ihre Panik, Zerrissenheit, gelegentliche Unvernunft und Einsamkeit, die sich in ihren mal hilflos verängstigten, mal wutverzerrten, mal resignierten Gesichtern niederschlägt. Hoffnung geben die Dardennes ihren Heldinnen nicht, indem sich alles in Wohlgefallen auflöst, sondern weil sie sie verstehen lernen, was sie besser machen wollen...«
Michael Kienzl, critic.de, Berlin
»Das episodische Prinzip etabliert automatisch dynamisch sich wandelnde Vergleichsmaßstäbe, Konstellationen von Ähnlichkeit und Abweichung. So räudig sich Perlas Robin gebart, so unterstützend und zugewandt verhält sich Julies Freund und Kindsvater Dylan. Jessicas Mutter Ariane, die sie einst an Pflegeeltern gegeben hatte, ist auf eine ganz andere Weise ein Problem als Arianes psychisch instabile Mutter Nathalie, die den Gedanken, ihre neugeborene Enkelin an eine Pflegefamilie zu verlieren, nicht ertragen kann.«
Lukas Foerster, perlentaucher.de, Berlin
»Die Geschichten dieser jungen Frauen berühren, ohne je in Sentimentalität abzurutschen. Die Dardennes vertrauen darauf, dass die Realität selbst stark genug ist, um zu wirken und verzichten konsequent auf manipulative Zuspitzungen. Das verlangt dem Publikum eine gewisse Geduld ab, eröffnet im Gegenzug aber eine umso intensivere emotionale Erfahrung.«
Antje Wessels, wessels-filmkritik.com, Hamburg
»Wichtig sind die optimistische Grundierung und der zugrundeliegende Humanismus, der an das Gute in den Menschen glaubt. Und selbst wenn es ein Märchen sein sollte, das sich von der Realität entfernt: Die Brüder Dardenne entlassen ihre Figuren mit einem Happy End. Denn das ist die Geschichte, die sie erzählen wollen. Das ist die utopische Welt, die sie in ihren Filmen wirklich werden lassen.«
Dunja Bialas, artechock.de, München
»Solidarität entsteht situativ, nicht programmatisch. Gemeinschaft ist hier kein romantischer Schutzraum, sondern ein fragiles Geflecht aus geteilten Erfahrungen. In gesellschaftspolitischer Hinsicht entfaltet der Film seine größte Schärfe. ›Jeunes Mères – Junge Mütter‹ verhandelt nicht nur individuelle Schicksale, sondern strukturelle Zuschreibungen. Auffällig ist, wie konsequent die Verantwortung für das Kind den jungen Frauen zugeschrieben wird.«
Richard-Heinrich Tarenz, Wild Magazin, Köln
»Nicht zu vergessen sind die Babys: wundervolle Wesen, die von den Konflikten um sich herum nichts ahnen. Traurig, wie Arianes Kind seine Mutter anlächelt – ausgerechnet in dem Moment, als sie es den Adoptiveltern überreicht. Wird es einmal eine bessere Zukunft haben? Dann gibt es aber auch immer wieder magische Momente, etwa wenn Julies Lehrerin das Gedicht ›Der Abschied‹ von Apollinaire vorträgt. Eine tote Mutter sagt darin: ›Ich warte auf dich.‹ Julie wäre fast an einer Überdosis gestorben, ihre Lehrerin hat sie gerettet. Das ist ein schöner Moment der Verbundenheit. Auch wenn die Dardennes ihre Figuren scheinbar distanziert beobachten, so erlauben sie doch, dass man ihnen sehr nahekommt. Das macht die Menschlichkeit ihres Kinos aus.«
Michael Ranze, filmdienst.de, Bonn
»Wie stark die gesellschaftlichen Rollenbilder wirken, merkten die beiden in den 1950ern geborenen Regisseure auch bei Schulvorstellungen ihres Films in Belgien und Frankreich. Dabei sei mitunter auch die Religion für junge Zuschauerinnen und Zuschauer mit muslimischem Hintergrund relevant gewesen. ›Die Geschichte von Naïma hat sie sehr interessiert. Die Burschen haben sich lustig gemacht und sie als Schlampe oder Hure bezeichnet. Aber die Mädchen haben vehement widersprochen.‹«
Marian Wilhelm, Der Standard, Wien