»Es gibt drei Arten, wie Geschichten enden können: tragisch, glücklich oder offen.« Das ist nur einer von vielen wichtigen und richtigen Sätzen aus Lídias Literatur-Lektionen. Die 13-jährige Nina möchte gern bei ihrer Nachbarin, einer schon älteren, lebensklugen Schriftstellerin, lernen, wie man gute Geschichten schreibt. Selbstausgedachte, spannende Geschichten, die sie abends ihrem kleinen Bruder erzählen kann, damit der nicht gleich einschläft beim Vorlesen. Aber eigentlich steckt hinter ihrem Wunsch noch weit mehr: Sie möchte ihrer schon vor acht Jahren verstorbenen Mutter auf die Spur kommen. Denn Nina weiß nicht mehr, wie sie aussah, wie sie sprach, wie sie so war. Es gibt auch keine Fotos von Lujza, die immer einen Weg fand, ihr Gesicht vor der Kamera zu verbergen. Alle Leute, die Nina nach Erinnerungen an ihre Mutter befragt, sagen etwas anderes. So ergibt sich kein Bild und keine Geschichte. Zum Glück hat sie Lídia an ihrer Seite. Die ihr rät, wie sie der Mutter über das Schreiben nahekommen kann: Sie muss sich Konflikte ausdenken und Perspektiven wechseln. Sie muss die Zeit dehnen und beschleunigen. Sie muss Charaktere zum Leben erwecken, zeigen und nicht nur sagen, was und wie sie fühlen. Das führt fast zwangsläufig zu Schreibblockaden und zum Wunsch, nicht mehr Schriftstellerin, sondern Gärtnerin zu werden. Aber natürlich ist das Schreiben Therapie – und Nina hat genügend Beistand: ihren Vater und vor allem auch dessen neue Freundin Detti. Nina wird ihre Mutter sehen und hören und auf deren Arm sogar sich selbst als kleines Mädchen. Das Ende ist nicht tragisch, sondern glücklich und offen zugleich. Im Abspann steht zwar ENDE, aber dann kommt da noch was.
Ein Kinderfilm, der nicht behauptet, sondern zeigt, wie traurig und ernsthaft, wie kreativ und originell die Geschichten des Lebens sind.
Das Buch, nach dem der Film entstand:
Annet Huizing: Wie ganz zufällig aus meinem Leben ein Buch wurde aus dem Niederländischen von Birgit Erdmann
Taschenbuch, 152 Seiten, ISBN / EAN:9783958540569
Mixtvision Mediengesellschaft, München 2016
Fotos: Landfilm Filmverleih, Chemnitz / barnsteiner filmverleih, Ascheffel
» ... alles andere als abgefilmte Literatur. In harmonischem Einklang mit der erzählerischen Grundhaltung stellt der Film sein Gemacht-Sein demonstrativ aus: Die Aufteilung der Räume, ihre Strukturen, die Symmetrien der Einstellungen. Und die Farben! Nina kleidet sich vor allem in Primärfarben, blau, weiß und rot dominieren, oft ist die Kleidung in zwei farbige Flächen geteilt; András in leuchtendem Gelb, Detti in Rot. Bei Lídia bilden unzählige Bücherstapel ein Bullauge, durch das sie hindurchschaut. Gelegentliche Animationen, sich sammelnde oder auch herumfliegende Buchstaben und Wörter ziehen das geschriebene Wort noch mehr ins Filmbild.«
Rochus Wolff, filmdienst.de, Bonn
»In Ninas Schreibversuchen geht es auch um Detti, die neue Freundin des Vaters, und um ihre eigene erste Verliebtheit. Nina will sich eigentlich nicht verlieben, sich weder auf den netten Sportsfreund, noch auf die wirklich sehr sympathische Detti einlassen, denn beide Beziehungen werden – davon ist sie überzeugt – auf jeden Fall traurig enden. Das kennt man doch, man lässt sich auf jemanden ein und schon wird man wieder allein gelassen und verletzt. Auch in diesem Kontext kann die altersweise Lidia ihrer Schülerin eine andere Perspektive aufzeigen. Liebe ist ein starkes Gefühl, das es sich immer lohnt zuzulassen, sagt sie ihr. Selbst wenn die Liebe irgendwann ein tragisches Ende nimmt.«
Katrin Hoffmann, kinder-jugend-filmportal.de, Remscheid
»Filmische Erzähltricks verdeutlichen, dass es im Film auch um das Erzählen selbst geht: Nina ist nicht nur die Hauptfigur des Films, sondern auch dessen Erzählerin, sie blickt immer wieder in die Kamera und spricht das Publikum direkt an, manchmal fallen Buchstaben über die Leinwand, bilden Wörter und betonen, wovon Nina aus dem Off spricht. Deshalb fällt es so leicht, dem eigentlich ernsten Thema gerne zu folgen, Nina in ihren traurigen Augenblicken zu begleiten und mit ihr zu lernen, dass es sich immer lohnt, Liebe und Veränderungen im Leben zuzulassen.«
Verena Schmöller, kinderfilmwelt.de, Remscheid
»Auch die popkulturellen Referenzen – die Familie schaut zum Abendessen nämlich gern ›Mord ist ihr Hobby‹ – tragen zur Leichtigkeit des Films bei, wirken jedoch stellenweise leicht überfrachtet. Doch insgesamt überzeugt der Film trotz kleinerer Schwächen durch seine kluge Balance aus Humor und Ernst, seine präzise Beobachtung jugendlicher Erfahrungswelten und seine formale Experimentierfreude. ›I Accidentally Wrote a Book – Der Sommer, als (m)ich meine Geschichte fand‹ ist damit mehr als ein klassischer Kinderfilm: Er ist ein reflektiertes, ästhetisch eigenständiges Werk über das Erzählen, das Erinnern und das Erwachsenwerden – und zeigt, wie eng diese Prozesse miteinander verwoben sind.«
Markus Solty, film-rezensionen.de, München