»Ach, hätt’ ich meiner Tochter bloß geglaubt!« Laut und lange lässt ihr Vater diese Wehklage ertönen. Mitten auf dem Burghof in einen Käfig gesperrt, war ihm von seiner Tochter genau dieses Schicksal prophezeit worden. Die beiden hatten auf ihrem kärglichen Acker eine goldene Schatulle gefunden, allerdings ohne Verschluss. Der Vater möchte den Schatz dem König aushändigen, denn diesem gehöre ja das Land. Die Tochter befürchtet indes, der Herrscher werde seinen Untertan verdächtigen, den wertvollen Deckel behalten zu haben. So kam es denn auch. Dem armen Mann wird vom eigentlich locker-launigen Monarchen die Freiheit in Aussicht gestellt, wenn seine angeblich so kluge Tochter drei Rätsel zu lösen vermöge. Schon ihre erste Antwort auf seine eigentlich unlösbare Aufgabe setzt den König in Erstaunen. Ihr Verstand und ihre Scharfsinnigkeit imponieren ihm. Wie er hat auch sie Freude an Wortspielen und Redewendungen, zeigt sich selbstbewusst, witzig und nicht im mindesten obrigkeitshörig. Nachdem sie das dritte und schwerste Rätsel mit Bravour gemeistert hat, hält der König seine Versprechen: Freiheit für ihren Vater und die Hochzeit des Königs mit der klugen Bauerntochter. Allein das wäre schon märchenhaftes Ende genug, doch es geht noch weiter: bei den Grimms und erst recht in diesem DEFA-Film von Rainer Simon: Die Emanzipation der jungen Frau, ihr ausgeprägter Sinn für Gerechtigkeit, ihr Gebrauch von Intelligenz und List bringen das Selbstverständnis des Regenten wie des Mannes ins Wanken. Er schickt sie zurück in die Bauernkate – und hat sie bald wieder. Nicht sie braucht ihn, aber er braucht sie!
Auch ein halbes Jahrhundert nach ihrem Entstehen ist diese Märchenadaption ein absolut geistreiches Vergnügen. Sie überrascht und überzeugt von Anfang bis Ende mit Bildern und Tönen, Farben und Formen höchster Lebensfreude.
Das Hochzeitsfest ist Schwelgerei pur.
Fotos: © DEFA-Stiftung/Hans Rudolf Hattop, Wolfgang Reinke
»Ob die schönsten Märchenfilme in Wirklichkeit Erwachsenenfilme sind? Sicher ist: Wer ›Wie heiratet man einen König?‹ als Kind gesehen hat, hat ihn nie vergessen. Nicht den jungen, hoch narzisstischen König (Eberhard Esche), der nicht eigentlich böse ist, sondern nur aus purem Übermut Unrecht spricht. Nicht die herbschöne Bauerntochter (Cox Habbema), wie sie, nur mit einem Fischernetz bekleidet, zum Monarchen kommt - und der verfällt ihrer Klugheit sofort, obwohl er sie nicht erträgt. Und beim ›Wieder-Sehen‹ heute? Rainer Simons Erstling von 1969 scheint beinahe noch witziger, noch poetischer, noch märchenhafter geworden zu sein - ein Kammerspiel der Macht, bis in die kleinste Rolle virtuos besetzt.«
Kerstin Decker, Der Tagesspiegel, Berlin (2011)
»›Wie heiratet man einen König?‹ fragte vor 25 Jahren Defa-Regisseur Rainer Simon und drehte als Antwort einen Film gleichen Titels, für den Grimms Märchen von der klugen Bauerntochter die Vorlage lieferte. Heute zählt sein intelligentes Debüt als Kinderfilmklassiker, wie Staudtes ›Kleiner Muck‹, Verhoevens ›Kaltes Herz‹ oder auch Simons spätere Arbeit ›Sechse kommen durch die Welt‹. Sie vereinen alle Vorzüge der einst kontinuierlichen Babelsberger Produktion für das jüngste Publikum. Vier Spielfilme pro Jahr: Hochrangige Schauspieler, oft Spitzenkräfte Ostberliner Bühnen, sorgfältige Regie, die viele Kinderfilme auch für Erwachsene zum Gewinn werden lassen. Fernsehen und Kinderkino in ganz Deutschland profitieren heute noch davon ...«
Heinz Kersten, Der Tagesspiegel, Berlin (1994)
»Die Wirklichkeitsnähe der Alltags-, Arbeit-, Jagd- und Lebensbilder veranlaßte meine zehnjährige, äußerst märchenkundige Tochter zu der Feststellung: ›Das ist ja fast gar nicht so wie in anderen Märchen, das ist ja fast nur Wahrheit.‹ Womit dem Film das höchste Prädikat zugesprochen war, das er erwarten durfte. Es ist ein Film zum Mitdenken, ein Film für das Gespräch der ganzen Familie; hervorragend zum Teil im Stil einer echten Reportage fotografiert von Claus Neumann, mit einer einfallsreichen und stilsicheren Musik von Peter Rabenalt.«
Heinz Hofmann, Märkische Volksstimme, Potsdam (1969)
»Bediente sich vor Jahren der gelungene DEFA-Märchenfilm vom König Drosselbart einer beeindruckenden dekorativen Stilisierung – diesmal grünt das Grün wirklich. Regisseur Rainer Simon und Kameramann Klaus Neumann lassen Landschaft und Sonne mitspielen, und des Volkes Getümmel ist dem Pieter Breughel nachempfunden. Schön, sehr schön. Störend sind da nur einige zum Kretinartigen führende Farbtupfer in der Gestaltung von Figuren aus dem Volke. Hier sitzen satirische Spitzlichter am unrechten Ort, wird sozial bedingte Tumbheit und Einfalt eine Etage zu tief angesetzt.«
Horst Knietzsch, Neues Deutschland, Berlin/Ost (1969)
»Die Ausdeutung des Stoffes durch Günter Kaltofen ist modern und interessant. Auf zwei Handlungsorte das Königschloß und das kleine Bauernhaus, beides durch einen Weg verbunden beschränkt, gelang eine außerordentlich günstige Konzentration des Stoffes. Rainer Simon konnte bei der filmischen Umsetzung jeder einzelnen Figur eigenwilliges Profil geben. Er setzt, inspiriert durch die volksliedhafte Musik Peter Rabenalts, oft das Mittel der Pantomime ein. Leider geht er dabei einen Schritt zu weit. In dem Bestreben, einen eigenwilligen Stil zu finden, läßt er ausgehend von historischen Abbildern alle Gestalten, außer König und Bauerntochter, zu skurrilen Typen werden. Kaum eine Spur gesunder Intelligenz bei den Volksgestalten, dafür aber zahllose Anleihen beim frühen Stummfilm. Das ist schade und gibt dem Streifen streckenweise fast etwas Burleskes ...«
Gerd Focke, Freiheit, Halle/Saale (1969)