Die verlorene Ehre der Katharina Blum

Das Kompetenzzentrum für
Film – Schule – Kino
im Land Brandenburg

Die verlorene Ehre der Katharina Blum

Deutschland 1975 / Spielfilm / 106 Minuten / 11.-13. Jahrgangsstufe

Inhalt

Vor dem Hintergrund der aufgeheizten medialen Stimmung als Folge des RAF-Terrors Mitte der 1970er Jahre thematisiert die Literaturadaption die Mechanismen von Medienhetze und öffentlicher Verdächtigung. Im Zentrum steht Katharina Blum. Nach einer rauschenden Karnevalsnacht lernt die junge Haushälterin einen Mann kennen und verbringt die Nacht mit ihm. Am folgenden Morgen wird ihre Wohnung von einem Polizeieinsatzkommando gestürmt – sie suchen den Mann, der unter Terrorverdacht steht. Doch von ihm fehlt jede Spur. Durch diesen Vorfall wird Katharina Blum von der Boulevardpresse als Komplizin eines Terroristen diffamiert. Der sich zuspitzende psychische und gesellschaftliche Druck mündet schließlich in einem Akt der Verzweiflung, mit dem Katharina versucht, ihre persönliche Integrität und Würde zu verteidigen.

Das Melodram zeichnet eindrucksvoll nach, wie Medienhetze und öffentliche Verdächtigung das Leben eines Einzelnen zerstören können.

Fotos: StudioCanal GmbH, Berlin

Themen

Medien   |  Medienkritik   |  Medienrealität   |  Pressefreiheit   |  Boulevardpresse   |  Manipulation   |  Chauvinismus   |  Rufmord   |  Wahrheit   |  Demokratie   |  Werte   |  Ethik und Moral   |  Identität   |  Menschenwürde   |  Polizei- und Justizgewalt   |  Macht- und Sozialstrukturen   |  Politik   |  (deutsche) Geschichte   |  Film- und Kinogeschichte   |  Kunst und Gesellschaft   |  Literaturverfilmung

Fächer

Deutsch   |  Geschichte   |  L-E-R   |  Literatur   |  Medienerziehung   |  fächerübergreifend

»Angela Winkler spielt die Hauptrolle. Sie ist so verletzlich, daß man sie sofort beschützen möchte. Sie strahlt so viel natürliche Würde und moralische Kraft aus, daß man sie verehren muß. Auf das, was ihr geschieht, reagiert sie mit kreatürlicher Naivität: Bei der Lektüre, der ›Zeitung‹ muß sie erbrechen, nach der Durchsicht der Schmähbriefe zertrümmert sie ihre Einrichtung. Sie leidet nicht ergeben, sondern lehnt sich auf, stumm, mit einem fast archaischen Sinn für Gerechtigkeit. Angela Winkler hat jene Unschuld und leise Rigorosität, mit der Jugendliche in Diskussionen die Erwachsenen verwirren und jene ›plebejische Sensibilität‹, die Bölls Frauenfiguren zu so anziehenden Traum- und Märchenfiguren machen. A Star is born und wieder einer von der Berliner Schaubühne.« 
Wolf Donner, Die Zeit, Hamburg (Oktober 1974)

» ... die Argumente des Films, das Pathos seiner Hauptfigur ist bürgerlich: sie klagt ein, daß die bürgerlichen Versprechen und verfassungmäßig verbrieften Rechte vom technokratisch verwalteten, zur nackten Gewaltmaschinerie umgewandelten Staatsapparat ausgehöhlt wurden; daß die kritische, öffentliche Aufgabe der Presse – nämlich den Bürger gegen den Übermut der Ämter zu schützen – nicht nur nicht mehr von ihr wahrgenommen wird, sondern mehr noch: daß die Presse ein verfilzter Teil des Gewaltapparates ist, der sich ihrer bedient, wie sie sich seiner; und daß der Mut, dem Konformismus, der Verantwortungslosigkeit (ein Kennzeichen der Technokratie) zu widerstehen, nur noch bei wenigen vorhanden ist, was jedoch nicht zur Resignation, sondern zum verstärkten Selbstbewußtsein und zur Sensibilisierung führen sollte. )« 
Wolfram Schütte, Frankfurter Rundschau (November 1975)

»Bölls Erzählung war aus Betroffenheit entstanden. Er verbarg seine Verstörtheit über die am eigenen Leib vor allem durch die Zeitschrift ›Quick‹ und die ›Bild-Zeitung‹ erfahrene Diffamierung hinter einem kauzigen Stil und der für ihn typischen Sprachkomik, die viele Zwischentöne bereit hielt. Auch in der Figur des Sensationsreporters Werner Tötges bleibt der eigentliche Böllsche Erzählanlass erhalten, aber auch diese Figur wurde im Film verflacht und begradigt. Die Rezeption schied sich in begeisterte Befürworter dieser ›Chronologie der laufenden Ereignisse‹ und scharfe Kritiker des letztlich unpolitischen reißerischen Erzähltons, der nicht über die Schwarzweißzeichnung hinausreichte. Die finalen Schüsse der Katharina Blum haben – von der Kritik weitgehend unwidersprochen – das letzte Wort, um die Reinheit der besudelten ›Heiligen Johanna‹ wiederherzustellen.« 
Marli Feldfoß, Deutschlandfunk/Deutschlandradio 2005

»In ›Die verlorene Ehre der Katharina Blum‹ erscheint diese Art von menschen- und inbesondere frauenverachtender Hetz-Presse schließlich nicht nur als übermächtig, sondern auch als unaufhaltsam. Dies bringt Tötges gepresste Aufforderung an Katharina beim Interview zum Ausdruck: ›Nachschießen, Mädchen, immer nachschießen!‹ Die Medienmaschinerie will gefüttert werden und er braucht Verwertbares von ihr. Mit ihren Schüssen auf Tötges setzt Katharina sich zur Wehr und eines der Rädchen dieser Maschinerie außer Gefecht, opfert damit aber auch ihre Freiheit. Im zeithistorischen Kontext von Bölls Erzählung und der Verfilmung durch Schlöndorff und von Trotta ist diese Freiheit aber ohnehin weitaus begrenzter als die Pressefreiheit, auf die sich die ZEITUNG zynischerweise berufen darf.« 
Dobrila Kontić, Fachjournalist (Onlinemagazin des DFJV), Berlin 2019

»Seine Bildsprache hat sich Schlöndorf bei den europäischen Nachbarn entliehen. Mit seinem kalten Design wirkt der Film, wie jene Science Fiction aus Frankreich und Italien, in der Filmemacher finsteren Dystopien in kargen Betonlandschaften entworfen hatten. Auch Schlöndorf inszeniert kalt. Nackte Betonfassaden bestimmen sein Stadtbild. Es regnet. Trostlose Karnevalisten grölen schief, aber laut durch die Pfützen. Jost Vacanos Kamera erzählt den Farbfilm eher in grau-weiß. Und auf der Tonspur liefert Hans Werners Henze Freejazz dazu, der so heimelig wirkt, wie Zwölftonmusik. In Schlöndorffs Deutschland mag man nicht leben. Das ist wohl in Bölls Sinn.« 
Christoph Hartung, christophhartung.de, Mainz


Vorführungen der hier angebotenen Filme können – unter bestimmten Voraussetzungen – auch an anderen Tagen und Orten stattfinden. Bitte nutzen Sie dafür die Wunschfilmanfrage oder setzen Sie sich mit dem FILMERNST-Büro in Verbindung.

Telefon 03378 209 161 (Susanne Guhlke)
03378 209 162 (Jana Hornung)
03378 209 148 (Susanne Pomerance)
E-Mail kontaktfilmernst·de
Instagram @filmernst
Postanschrift FILMERNST – Kinobüro im LIBRA
Struveweg 1
14974 Ludwigsfelde-Struveshof