Nach den rassistischen Brandanschlägen von Mölln 1992 erhielt die Stadt hunderte Briefe mit Solidaritätsbekundungen aus der Bevölkerung. Der Dokumentarfilm geht der Frage nach, warum diese nie bei den Überlebenden der Familien angekommen sind, an die sie adressiert waren. Er folgt Ibrahim Arslan, der damals den Brandanschlag überlebte und dabei seine Schwester, seine Cousine und seine Großmutter verlor. Nun kämpft er als Erwachsener gegen Rassismus und für ein solidarisches Erinnern mit den Betroffenen. Der Film begleitet Ibrahim bei der Entdeckung der Briefe bis hin zu dem Moment, an dem er sie seinen Verwandten und den anderen überlebenden Familien zeigt. Gemeinsam übergeben sie die Briefe an DOMiD, ein Archiv, das die Geschichte der Migration in Deutschland bewahrt. In der Suche nach Antworten werden die Kontinuitäten institutionellen Rassismus im Umgang mit den Überlebenden und Angehörigen der Brandanschläge sichtbar.
Ein Plädoyer für Erinnerungskultur und Solidarität gegen Rassismus.
Fotos: Real Fiction Filmverleih, Köln
»Priessners Film ist um die Briefe herum gebaut, die Filmemacherin hat drei Absenderinnen von damals ausfindig gemacht und getroffen. ›Die Möllner Briefe‹ erzählt aber vor allem vom Umgang mit dem traumatischen Erlebnis in einer Gesellschaft, die keinen Raum dafür bietet. Schon innerhalb der Familie geht jeder anders mit dem Erlebten um. Ibrahim Arslan erscheint am umtriebigsten in der Aufarbeitung der eigenen Geschichte. Der eloquente, einnehmende Mann hatte irgendwann erkannt, dass ihm das Handeln am besten hilft, seine Geschichte in Schulen zu erzählen, sich in der Vernetzung mit anderen Hinterbliebenen rassistischer Anschläge ehrenamtlich zu engagieren. Während er sonst als Folge des Brandanschlags beim Reden huste, erklärt Ibrahim Arslan, sei der Husten weg, sobald er über das Erlebte spreche.«
Matthias Dell, Die Zeit, Hamburg
»Vor allem aber ist es ein Film, der daran arbeitet, sichtbar zu machen, was die längste Zeit unsichtbar geblieben ist. Die Briefe, Karten, Zeichnungen, die sich die Stadtverwaltung Mölln in einem Akt der Rechtsverletzung angeeignet hat (›beschlagnahmt‹, vielleicht; nur dass im Fall einer Beschlagnahmung wenigstens Kenntnis davon besteht, dass etwas beschlagnahmt wurde). Und der Zustand einer verstörten, zutiefst traumatisierten Familie, mit der man sich im Rathaus nicht weiter abgegeben hat; die bei Gedenkveranstaltungen nicht mehr als Statisterie war; die nicht gefragt wurde; die man noch 30 Jahre nach den Anschlägen hinhält; und deren Vertreter, wie auch die der anderen Opferfamilien, ihren deutschen Gegenübern unbeirrbar höflich begegnen.«
Stefanie Diekmann, perlentaucher.de, Berlin
»›Die Möllner Briefe‹ ist kein elegantes Erinnerungsstück, keine runde Gedenkveranstaltung im filmischen Gewand. Es ist ein stiller, beklemmender Störfilm. Er lässt uns stolpern über die deutsche Selbstzufriedenheit, er legt den Finger in die Wunde, er zeigt das Wegsehen und die Beschwichtigungen. Er zwingt, das Schweigen der Archive, das Schweigen der Politik und das Schweigen der Mehrheitsgesellschaft endlich als das zu benennen, was es ist: ein zweites Verbrechen. Am Ende stellt sich die Frage, ob ein Land, das sich in seiner Gleichgültigkeit derartig institutionell eingerichtet hat, überhaupt fähig ist, diese Briefe je als das wahrzunehmen, was sie sind: Die Hoffnung, dass es auch ein anderes Deutschland geben könnte.«
Axel Timo Purr, artechock.de, München
»Über die Jahre gab es eine ganze Reihe von Dokumentarfilmen, die Einspruch gegen das deutsche Behördenversagen im Umgang mit den Betroffenen von rassistischen Gewalttaten erheben (etwa Marcin Wierzchowskis ›Das Deutsche Volk‹ oder Philipp Scheffners ›Revision‹). Schon ihre schiere Anzahl macht traurig, erzeugt Wut und Empörung. Bei den Möllner Briefen handelt es sich um keinen Einzelfall. Aber jeder Fall beruht auf konkreter Erfahrung. Dass der Fokus von Martina Priessners Film ganz auf den Betroffenen liegt, ist seine Stärke. Er beginnt mit Havvas Erinnerung an die Nacht des Anschlags, noch bevor er mit einem Tagesschaubericht seinen Blick auf die zeitgenössische öffentliche Berichterstattung richtet. Den Angehörigen der Verstorbenen und Verletzten gehört hier das erste und das letzte Wort.«
Jasper Stratil, critic.de, Berlin
»Allzu viele Briefe sind es nicht, die Priessner einblendet, aber schon die kleine Auswahl geht dem Zuschauer unter die Haut. Rührend hilflos suchen die – oft jungen – Absender Worte für einen Mord, für den es keine Worte gibt; sie legen schlichte Zeichnungen bei, auf denen Flammen aus einem Haus schlagen, Rauch steigt auf, im Garten Blumen, Schmetterlinge, dazwischen schwarze menschliche Schatten. ›Ich würde Sie gern trösten. Wir sind alle Menschen, die Erde ist für alle da‹. Eine ›Oma aus Lübeck‹ schreibt: ›Lieber kleiner Ibrahim. Es tut mir leid, dass Du so Schweres hast durchmachen müssen. Kauf Dir bitte für die 20,– Mark ein Lieblingsspielzeug.‹ Auch eine Solidaritätsadresse der ›überlebenden Frauen des KZ Ravensbrück‹ lagert im Archiv.«
Thomas Assheuer, Die Zeit, Hamburg
»Der heutige Bürgermeister von Mölln will sich zum damaligen Verhalten der Stadtverwaltung und seines Amtsvorgängers nicht äußern, eine Entschuldigung hört man (zumindest im Film) auch von ihm nicht. Die Einfühlsamkeit der Museumsmitarbeiterin, der Yeliz’ Mutter die Erinnerungsstücke ihrer toten Tochter übergibt, berührt hingegen tief. Beides ist Deutschland, beides ist in diesem stillen, bewegenden Film zu sehen.«
Martina Knoben, Süddeutsche Zeitung, München