»Wenn wir einmal an die Macht kommen, dann müssen Sie meine Filme machen«, hatte Adolf Hitler zu Leni Riefenstahl gesagt. Und so kam es. Anlass dieses neuen Dokumentarfilms ist das Auftauchen des freigegebenen Nachlasses der umstrittenen Regisseurin. Diesen lässt Regisseur Andres Veiel durch die Montage aus Filmausschnitten, Fotos, Tagebucheinträgen und Talkshowauftritten sprechen. So entwickelt sich das Bild: Leni Riefenstahl war nicht nur eine überzeugte Nationalsozialistin, die die Niederlage des Regimes als persönliche Katastrophe empfand. Nach dem Krieg war sie eine Identifikationsfigur bundesrepublikanischer Verdrängung, dem schönen Schein verpflichtet, gleichgültig gegenüber menschlichem Leid. Dass Riefenstahl Einsicht und Reue so entschieden verweigert, erscheint im Licht aktueller autoritärer Tendenzen und gezielter Desinformation erschreckend aktuell.
Der Dokumentarfilm über Leni Riefenstahl fragt nach der politischen Verantwortung von Kunst in Zeiten autoritärer Verlockungen.
Fotos: Majestic Filmverleih, Berlin
»Viel wurde bereits über Riefenstahl geschrieben und erzählt. Es gibt Dutzende Bücher und bereits zehn Dokumentarfilme über sie. Braucht es 21 Jahre nach ihrem Tod noch einen weiteren? Die insgesamt 700 Kisten des Nachlasses, bestehend aus Film- und Fotografiebeständen, Manuskripten, Briefen, Akten und Tonbandaufnahmen, bejahen diese Frage. Veiels Film, der ausschließlich mit bereits zugänglichem und jenem neuen Archivmaterial aus dem Nachlass arbeitet, liefert zwar keine gänzlich neuen Erkenntnisse über Adolf Hitlers Lieblingsregisseurin, aber er untermauert dennoch mit seiner akribischen Archivarbeit, wie sie Zeit ihres Lebens ihre Legenden, ihre Halbwahrheiten und Lügen vor sich hertrug.«
Tobias Obermeier, jungleworld.de, Berlin
»Warum so ein Film hier und heute? Deutschland rückt nach rechts. Bei genauer Betrachtung steckt viel Gegenwart in ›Riefenstahl‹. Die Rede von Rudolf Heß aus ›Triumph des Willens‹, dass Hitler ›der Garant des Friedens‹ sei, wäre ohne den russischen Krieg womöglich nicht im Film. Riefenstahls Expeditionen zu den Nuba im Sudan ab 1962 werden im Kontext des Postkolonialismus behandelt. In den ausgewählten Szenen sieht man eine Fotografin mit Herrenmenschen-Attitüde. Sie schlägt Nuba-Männer mit einem Stock und wirft Kindern Bonbons zu; alles musste nach ihrer Pfeife tanzen, damit Riefenstahl die Bilder eines unberührten ›Naturvolks‹ in den Kasten bekam.«
Jens Hinrichsen, Jüdische Allgemeine Zeitung, Berlin
»›Riefenstahl‹ wirkt am Ende wie ein großer Anmerkungsapparat zu einer Causa, die längst abgeschlossen ist. Und die durch all die neuen Funde, die zuvor unveröffentlichten Materialien auch nicht entscheidend vorangetrieben wird. Vielleicht hat dieser Film, wie es seine Produzentin Sandra Maischberger erhoffte, der toten Riefenstahl doch noch etwas entlockt, was sie zu Lebzeiten niemals enthüllt hätte. Die Verblendung ist damit aber nicht durchbrochen – wie auch?«
Peter Körte, Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung
»Visuell und akustisch montiert Veiel sein Material – Film- und Interviewausschnitte, Textstellen, Fotos, Tonaufnahmen, Off-Kommentare – zu einem fesselnden ›stream of consciousness‹. Dieser ›Bewusstseinsstrom‹ trägt die Zuschauenden (weitgehend chronologisch) durch ein Leben, das durch absolute Ambition, unbedingten Ehrgeiz, einen ausgeprägten Narzissmus und häufig auch durch Empathielosigkeit und das skrupellose Instrumentalisieren persönlicher Beziehungen geprägt war.
Um Riefenstahls manipulierende Arbeitsweise auch visuell zu vermitteln, nutzt und verfremdet Veiel Ausschnitte aus Riefenstahls Filmen, fokussiert Details, vergrößert, dehnt und verzerrt Bildausschnitte. Und er unterlegt seinen Film mit einem suggestiven dunklen Musik-Soundtrack (Komposition Freya Ade mit dem Babelsberger Filmorchester).«
Gunter Becker, Fachjournalist – Online-Magazin des DFJV, Berlin
»Die Gegenüberstellung von ihren eigenen Filmen und ihren Aussagen in den 1970er Jahren, bei denen sie auch in Wut ausbrechen konnte, wenn wiederholt nachgefragt und ihre Antworten nicht akzeptiert wurden, macht "Riefenstahl" nicht nur zu einem hochspannenden, sondern auch zu einem sehr komplexen Film. Durch diese Kontrastierung, aber auch durch die Entwürfe zu ihren Memoiren, in denen sie immer wieder Passagen strich, ergänzte oder umformulierte, macht Veiel eindrücklich sichtbar, wie Riefenstahl Herrin über ihre Biographie sein wollte, sie nach ihren Vorstellungen konstruierte und wie sie in ihren eigenen Film das, was nicht in ihr Bild passte, verdrängte, ignorierte und ausblendete.«
Walter Gasperi, film-netz.com, Lauterach
»Riefenstahls spätere Überlebensstrategie war ein muffiges Geschäft, und Andres Veiels Film blickt gründlicher als jeder andere hinter seine Kulissen. Es war die Verwertung der Verleugnung, und dafür gab es stets ein Publikum auf beiden Seiten: Devote Fans auf der einen und die chronisch enttäuschte Forschung auf der anderen Seite. Tiefere Blicke hinter die ewige Maske wird sie wohl auch nach dem Tod nicht mehr gestatten.«
Daniel Kothenschulte, Frankfurter Rundschau
»Der Filmschnitt ist die einzige Begabung, die Andreas Veiels und Sandra Maischbergers Film der R. wirklich zubilligt, doch selbst in diesem Metier erscheint sie so ›naiv‹, wie sie sich selbst Jahrzehnte später und in anderen Umständen beschreiben wird. Diese kalkulierte Naivität stellt die Recherche vor eine Herausforderung, die Maischberger das ›Riefenstahl-Prinzip‹ genannt hat: ›Eine Interviewerin kann merken, wenn das Gegenüber einem glatt ins Gesicht lügt‹, sagte Maischberger nach ihrer Begegnung mit R., ›sehr viel schwieriger oder gar unmöglich ist es, hinter die Fassade einer Lüge zu blicken, die sich die Betreffende selbst bereits so lange erzählt hat, dass sie sie schon längst für die Wahrheit hält‹.«
Clara Miranda Scherffig, Berlin Review (aus dem Italienischen von Friederike Schneider)
»Was Veiel nicht ausreichend klar wird (und klarmacht), ist der Punkt, der bei Riefenstahl der entscheidende bleibt: Sie war als Künstlerin, nicht nur als verführbare und verführerische Person, eine Reaktionärin, sie stand mit ihrer Ästhetik dem Faschismus näher als jeglicher auch nur formal virtuosen Moderne. Für diese Ästhetik gibt es keine Autonomie. Man kann unendlich viel erfahren aus Andreas Veiels ›Riefenstahl‹, aber der Film über die Künstlerin Leni Riefenstahl bleibt weiterhin ein Desiderat.«
Bert Rebhandl, Frankfurter Allgemeine Zeitung