Frühling 1945: Nachdem seine Familie in Hamburg ausgebombt wurde, erlebt der 12-jährige Nanning die letzten Kriegstage auf der Nordseeinsel Amrum. Nannings Vater ist NS-Offizier und seine Mutter geradezu fanatische Nationalsozialistin. Von den kantigen Einheimischen wird die Familie auch deshalb mit Misstrauen beäugt: Viele hier fühlen sich mit dem Meer und der Welt dahinter stärker verbunden als mit einer nationalistischen Fantasie von Deutschland. Die Nachricht über Hitlers Tod stürzt Nannings Mutter in eine tiefe Depression. Um ihr zu helfen, will er ihr unbedingt
ein Weißbrot mit Butter und Honig besorgen. Auf seiner Suche nach den begehrten Zutaten lernt er nicht nur mehr über die Inselbewohner, sondern auch über seine eigene Familie und deren Geheimnisse. Zum ersten Mal beginnt Nanning, die Überzeugungen seiner Eltern zu hinterfragen.
Inmitten der abgelegenen Nordseelandschaft zeigt der Film
eine ungewöhnliche und vielschichtige Perspektive auf das Ende
des Zweiten Weltkriegs.
Fotos: Warner Bros. Entertainment, Hamburg
Das Buch:
Hark Bohm – mit Philipp Winkler: Amrum
Roman | Der Stoff hinter Fatih Akins Kinofilm »Amrum«
Ullstein Verlag GmbH, Berlin 2024, 304 Seiten (Hardcover)
EAN: 9783550202698 / 23,99 €
Ullstein Verlag GmbH, Berlin 2025, 320 Seiten (Taschenbuch)
EAN: 9783548070087 / 14,99 €
»Akin, der hier als Regisseur und Co-Autor fungiert, inszeniert die Geschichte mit jener stillen, klaren Handschrift, die bereits seine frühen Werke auszeichnete. Herausgekommen ist ein filmischer Blick in die Abgründe einer Gesellschaft, die zwischen Verdrängung, Schuld, Zusammenbruch und Hoffnung auf eine bessere Zukunft taumelt. Dabei verwebt er die persönliche Geschichte Hark Bohms mit dem kollektiven Kriegstrauma zu einem Kammerspiel auf einer Insel über das Ende einer Ära – und über einen Jungen, der inmitten von Trümmern versucht, Menschlichkeit zu bewahren.«
Carsten Baumgardt, kino-total.net, Hasloh
»Regisseur Fatih Akin schafft es, eine über allem schwebende, atmosphärisch beklemmende Schwere herzustellen, die wenig dazu einlädt, das beschauliche Nordsee-Panorama zu genießen. Vorangetragen duch die überragende schauspielerische Leistung von Jasper Billerbeck, der einen Nanning spielt, der viel Gewalt erfährt und nie so richtig weiß, wo er eigentlich hingehört. Ist er Hamburger, Amrumer oder ständig fehl am Platz? In der Schule wird er herumgeschubst, von den Flüchtlingskindern wie von den Amrumern. Nicht nur in seiner gefühlskalten Nazifamilie bekommt er ständig zu hören: ›Sei gefälligst ein Mann!›«
Morten Glück, nd-aktuell.de, Berlin
»Jasper Billerbeck spielt den zwölfjährigen Nanning in seiner ersten Filmrolle. Sein offenes, fragendes Gesicht trägt und prägt diesen Coming-of-Age-Film, der die Geschichte des Landes auf den schmalen Schultern der Hauptfigur schultert. Unermüdlich angetrieben von seiner Mission lernt man die Menschen auf der Insel kennen, erfährt man viel über den Alltag dort und die Lebensart, wird aber auch davon erzählt, was sechs Jahre Krieg und zwölf Jahre Nationalsozialismus mit den Menschen angestellt hat.«
Thomas Schultze, THE SPOT media & film, München
»Wenn Nanning und Hermann hinter einer Düne entlanglaufen, sind blühende Kartoffelrosen zu sehen. Und wenn Nanning durchs Watt zur Nachbarinsel Föhr läuft, um Zucker zu besorgen, strahlt der Strand im klaren Sonnenschein. Der Kameramann Karl Walter Lindenlaub hat so im Zusammenspiel mit dem Szenenbildner Seth Turner einen Film gedreht, der allein der Bilder wegen einen Kinogang lohnt.«
Gaston Kirsche, jungle.world, Berlin
»Diesen ideologischen Irrsinn der Menschen kontrastiert der Film mit phantastischen Naturaufnahmen und dem Rhythmus der Jahreszeiten, wie er sich an der Nordsee zeigt. Die Inselpanoramen in Grau, Blau und Braun nehmen manchmal drei Viertel der Leinwand ein. Aber auch in diesen stillen Momenten schimmert für Nanning und seinen Freund ... immer wieder die Gewalt durch, etwa beim Töten von Wildhasen oder einer Robbe. Amrum war eine Insel der Walfänger. An diese Tradition erinnert Detlev Buck, nordish by nature, in einer Paraderolle als Fischer namens Sam Gangsters. Man meint es förmlich im Kinosaal zu riechen, wenn er die Schollen zum Räuchern auf eine Schnur auffädelt.«
Katrin Hillgruber, artechock.de, München
»Man spürt in jeder autobiografischen Faser des Stoffs, dass er von einem Menschen geschrieben wurde, der die Welt noch ›klein‹, auch in schlimmsten Tagen fast wie aus einem spannenden Buch gekannt hat. Aus dieser Altergelassenheit heraus ist Nannings Weg notwendigerweise auch eine Geschichte darüber, wie diese Welt unweigerlich um einen herum wächst, je mehr man beiläufig versteht von den Verstrickungen und Grausamkeiten der eigenen Eltern. Dass sie sich vergrößert, wenn man erwachsen wird, und daran auch nichts Schlimmes ist. Diese Erkenntnis ist das Schönste, was Hark Bohm den nun Jungen hinterlassen konnte, seine allmählich von dieser Erde scheidende Generation immer noch ein wenig kann.«
André Malberg, eskalierende-traeume.de, Mainz
»Amrum ist ein Werk voll Leichtigkeit und Schwere zugleich, verpackt in rustikalen, wunderschönen Bildern eines rauen, aber ehrlichen Fleckens Sand, Schlamm und Erde. Tragikomisch wäre aber fast zu einfach, viel mehr ist die Improvisationsgabe eine aufgeweckten jungen Geistes, der so gut wie alles mit anderen Augen sieht, so erfrischend, als wäre Nostalgie und Erinnerung essentiell dafür, nach vorne zu blicken, zuversichtlich, egal was kommt. In diesem Fall auf ein schillerndes (erfülltes) Leben wie das des Hark Bohm.«
Michael Grünwald, filmgenuss.com, Wien
»Doch auch Wolfgang Herrndorfs ›Tschick‹ schimert ebenso durch wie ›Nordsee ist Mordsee‹. Vieles in Akins Film ist angelehnt an Bildsprache und Erzählhaltung Bohms. Und die Insel bietet auch Herausforderungen der elementaren Art. Das Motiv etwas zu töten, was man essen will, ist möglicherweise ein bisschen zu sperrig ausgestellt, aber ein jüngeres Publikum mag daraus die Notwendigkeit von Survival Skills ableiten.«
Frank Schmidke, brutstatt.de, Hamburg
»Die Insel setzt er mit hohem Himmel, weitem Horizont und im Mondlicht silberglänzendem Meer immer wieder großartig in Szene – malerisch-schöne Panoramen, die wie Gegenbilder zum fernen, menschengemachten Kriegsgetöse wirken. Dann wieder bleibt die Kamera an Käfern und Bienen im Gras hängen, verharrt auf einer Eule in Großaufnahme oder schaut Austernfischer-Vögeln bei der Paarung zu. Diese kontemplativen Einschübe wirken erstmal irritierend, in ihrer Losgelöstheit vom übrigen Geschehen aber auch tröstlich. Am Ende steht Hark Bohm selbst am Strand von Amrum, dem Ort, an dem er vor 80 Jahren das Kriegsende erlebte und wichtige Weichen für sein späteres Leben gestellt wurden. Er lächelt milde und zuversichtlich in die Kamera. Vielleicht auch, weil er weiß, dass seine Geschichte in guten Händen ist.«
Ute Thon, critic.de, Berlin