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Isabel auf der Treppe

DDR 1983

 

 

»Die haben sich eingelebt. Die brauchen uns nicht mehr«, antwortet die Mutter, als sie von ihrem Sohn an eine frühere Patenschaft erinnert wird. Damals hatte sich die deutsche Familie um eine chilenische Emigrantin und deren Tochter gekümmert. Nach dem Sturz der linken Regierung und dem Tod von Präsident Salvador Allende im September 1973 waren sie in die DDR gekommen. Seitdem warten sie auf ein Zeichen vom Mann und Vater. Bei den Kunzes finden sie nach ihrer Ankunft einen festlich gedeckten Sonntagstisch: versuchte Nähe, sensibles Verstehen, nicht nur durch das Spanisch-Wörterbuch neben dem Teller. Der ehrliche, gute Wille, der mit der Zeit zum Erliegen kommt. Heute stehen sie gemeinsam im Fahrstuhl und schweigen sich an. Philipp kann und will das nicht akzeptieren. Die Chilenen sollten ihnen wohl dankbar sein, fragt er herausfordernd die Eltern. Er jedenfalls wendet sich Isabel zu, die er traurig im Treppenhaus sitzen sieht. In ihrem Kopf hört sie immer und immer wieder die Schritte eines Postboten hallen, der die Stufen hinaufsteigt mit einem Luftpostbrief in der Hand. Philipp nimmt Isabel mit zur Bootstour auf der Spree, erfährt von ihren Ängsten und wird ihr beistehen, wenn eintritt, was sie befürchtet.

Ein Herz für die internationale Solidarität damals und die Willkommenskultur heute – Anspruch und Wirklichkeit.

Fotos: DEFA-Stiftung/Dieter Jaeger, Günther Sahr, Klaus Zähler


 

Themen

Familie, Familien- und Generationsbeziehungen, DDR, Heimat, Werte, multikulturelle Gesellschaft, Migration, Emigration, Exil, Solidarität, Willkommenskultur, Integration, Vorurteile, Toleranz, Freundschaft, Vertrauen, Verantwortung, Chile

 

Fächer

Deutsch, Lebensgestaltung-Ethik-Religionskunde, Politische Bildung, Sozialkunde, Musik

 

Kritikerstimmen

»Die Vorzüge dieses Films liegen in seiner Ehrlichkeit, daß er Probleme anspricht, Situationen vor Augen führt, die jeder kennt. Und gerade dadurch wird man angeregt, über solche ›Alltäglichkeiten‹ nachzudenken. Der Appell an unsere wirkliche Solidarität, die mehr bedeutet als Geld zu spenden, nämlich Solidarität im täglichen Leben, in den zwischenmenschlichen Beziehungen – dieser Appell wird durch Szenen erreicht, die das Gefühl des Zuschauers ansprechen […] Ein Kinderfilm, der auch Erwachsenen eine Menge zu sagen hat.«
Marlene Köhler, Freiheit, Halle (1984)

»So ist das ein Film, der sehr nachdenklich, geradezu betroffen macht und über den besonders auch die Erwachsenen nachdenken sollten, obwohl er für Kinder bestimmt ist. Die Erziehung der Gefühle, die darin betrieben wird, geht alle Generationen an. Solidarität als politischer Akt bedarf der Ergänzung durch menschliches Verstehen: Sich hineinversetzen in eine Frau wie diese Rosita Perez, deren Mann im Chile der Pinochet-Diktatur verschollen ist und die seit Jahren vergeblich auf eine Nachricht von ihm wartet. Darum wissen, daß auch unter günstigsten Bedingungen Exil kein Ersatz für die verbotene Heimat ist, in die die unter uns lebenden chilenischen Emigranten lieber heute als morgen zurückkehren möchten. Überhaupt ein Empfinden dafür entwickeln, daß andere Völker eine andere Mentalität haben.« Helmut Ullrich, Neue Zeit, Berlin/Ost (1984)

»Die Regisseurin fand eindrucksvolle Metaphern für wichtige Aussagen. Für Heimweh und Sehnsucht der chilenischen Emigranten stehen Landschaftsbilder und Flötenmusik; für Kinderfreundschaft eine Bootsfahrt (Kamera: Eberhard Geick). Den Kindern werden Gefühle vermittelt, ihre Sensibilität und ihr Bewußtsein werden berührt. Kritische Akzente setzt der Film dezent, indem er dem Zuschauer einfach Beobachtungen vorführt, etwa: wie Kinder im Flur des Hochhauses Feuer in Briefkästen werfen. Ein gedankenloser Streich, durch den die Angst der Chilenin, eine Nachricht über ihren in Chile verhafteten Mann zu verpassen, gesteigert wird.« Ehrentraud Novotny, Berliner Zeitung, Berlin/Ost (1984)


»Mit schlichter Eindringlichkeit gestaltet Teresa Polle die Rolle der chilenischen Sängerin. Manche Momente verhaltenen, menschlich tiefanrührenden Spiels prägen sich bei den Kinderdarstellern Irina Gallardo (Isabel) und Mario Krüger (Philipp) ein.«
K. J. Wendland, Neues Deutschland, Berlin/Ost (1984)

»Der kritische Blick ..., mit dem bis dahin aber auch unsolidarisches Verhalten ausgestellt wird, beweist, daß oft gerade Kinderfilme in der DDR näher an dortiger Realität sind als – besonders in letzter Zeit – Produktionen für Erwachsene.« Heinz Kersten, Der Tagesspiegel, Berlin/West (1985)



zuletzt aktualisiert am 04.11.2020

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