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Regeln am Band, bei hoher Geschwindigkeit

Deutschland 2019

 

 

»Diese Menschen arbeiten gern für ihre Arbeitgeber, sonst wären sie nicht so lange da.« Er meint es absolut ernst, der Tönnies-Abgesandte, von der Abteilung Arbeitsrecht, der vom Podium herab die Leute beschwichtigen will, die gegen Werkverträge und Leiharbeit protestieren. Das ist ein paar Jahre her, aber schon lange vor Corona stank die Sauerei in vielen Großschlachtereien gen Himmel. Nicht nur in Rheda-Wiedenbrück existiert seit Jahren eine Parallelgesellschaft. Nicht nur beim Obermetzger Tönnies schuften Leute unter unwürdigen, menschenverachtenden Bedingungen, damit wir auf unsere Kosten, sprich: zu billigem Fleisch kommen. Die junge Dokumentarfilmerin darf zwar nicht nicht im Innern des Fleischwolfs drehen, aber auch von außen werden die Zusammenhänge klar. Zugleich verschränkt sie das Leben mit der Kunst, indem sie Münchener Gymnasiast*innen bei den Proben des Brecht-Stücks »Die Heilige Johanna der Schlachthöfe« beobachtet. Johannas Einsicht damals ist auch die Dialektik von heute: »Ich sehe das System, und äußerlich ist’s lang bekannt, nur nicht im Zusammenhang!«

Die Würde des Menschen ist unantastbar. Auch die Würde aller Menschen in den Fleischfabriken. Keine Reportage, sondern Aufklärung mit künstlerischem Anspruch. Nachhaltig!

Fotos: jip film& verleih, Frankfurt/Main


 

Themen

Arbeit, Arbeitsmigration, Arbeitsverhältnisse, Fleischindustrie, Arbeitsrecht, Leiharbeit, Subunternehmen, Ausbeutung, Migration, Menschenrechte, Menschenwürde, Recht und Gerechtigkeit, Zivilcourage, Empathie, Protest, Widerstand, Demokratie, Kirche, Werte, Theater, Bertolt Brecht, Dokumentarfilm

 

Fächer

Lebensgestaltung-Ethik-Religionskunde, Deutsch, Sozialkunde, Politische Bildung, Kunst, Darstellendes Spiel, Wirtschaft-Arbeit-Technik

 

Kritikerstimmen

»Betont langsam entfaltet der Film die Episoden seiner Geschichte. In Rheda-Wiedenbrück, dem Sitz der Firma Tönnies, wo täglich circa 30.000 Tiere geschlachtet werden, begleitet Lokshina die Arbeiter/innen und vor allem auch die Aktivistin Inge Bultschnieder bei ihrem täglichen aussichtslosen Kampf. Ihre Aussagen lässt die Regisseurin für sich stehen. Sie lässt dem Zuschauer viel Raum, um Gesagtes und Gesehenes aufzunehmen, und verzichtet auf Schockbilder. Den Arbeitsalltag hätte sie ohnehin nicht realistisch einfangen können: Selbst wenn Tönnies ihr eine Drehgenehmigung erteilt hätte, wären nur vom Fabrikanten choreografierte Bilder entstanden. Auch die bekanntermaßen desolaten Unterkünfte der Arbeiter/innen werden nicht voyeuristisch vorgeführt. Ihre Geschichten sind schlimm genug.«
Johannes Creutzer, konkret, Hamburg

»Eine einleuchtende Entscheidung ..., die Tätigkeit des Schlachtens und die Tiere selbst nur in zwei langen intermittierenden Kamerafahrt-Passagen als zu einem barocken Fandango tanzende Schweineschnauzen vorkommen zu lassen. So entgeht Lokshina den emotionalisierenden Effekten spontanen Ekels über die Brutalität der Tötung und den (im Dokumentarfilm schon oft gezeigten) blutigen Vorgang der Zerlegung. Dass sie das Firmengelände nicht mit der Kamera betreten durfte, mag mit ein Anlass für diese Wahl gewesen sein.«
Silvia Hallensleben, epd film, Frankfurt/Main

»Die Regisseurin schlägt eine gedankliche Brücke vom Missstand in den Schlachtbetrieben zur Isolation der Leiharbeiter vom Rest der Gesellschaft. Sie schaut sich Containerbaracken an, in denen Leiharbeiter wohnen, lässt sich von einem Paar aus Litauen erzählen, wie die Beschäftigten am Fließband ständig gedrängt werden, schneller zu arbeiten. In Gütersloh geht die Aktivistin Inge Bultschnieder mit der Kamera im Gefolge den Weg einer Leiharbeiterin zu der Stelle nach, an der sie 2015 ihr Neugeborenes aussetzte. Diese Passage stellt den dramatischen Höhepunkt des Films dar. Die Migrantin, die eine Haftstrafe absolvierte, bekommt ein Gesicht und außerdem etwas von ihrer verlorenen Würde zurück. Das geschieht, indem sich der Film mit Bultschnieder in die damalige psychische Ausnahmesituation der Frau hineinversetzt, statt reflexhaft auf Distanz zu gehen.«
Bianka Piringer, spielfilm.de, Berlin

»Hier nun gilt es zu bestaunen, welche Distanzen zwischen den unterschiedlichen Lebenswelten zwischen den Schlachthöfen in Nordrhein-Westfalen und dem Gymnasium in Bayern liegen. Brechts Stück handelt von exemplarischen Lernprozessen, die ein engagierter Lehrer nun seinen aufreizend indifferenten Schülern zu vermitteln sucht, wenn er davon spricht, dass hier ›ein krass linksradikales, marxistisches Stück‹ zur Disposition stehe und er eigentlich auch mal auf Widerworte hoffe. Auch diese Hoffnung wird enttäuscht, aber durch die hilflose Ungeduld des Pädagogen, der alle Antworten auf seine Fragen immer schon gleich selbst liefert, wird deutlich, dass von den gar nicht einmal subtilen Subtexten des Klassikers keine politischen Impulse ausgehen, ja nicht einmal mehr Neugier auf historische Erfahrungen.«
Ulrich Kriest, filmdienst.de, Bonn






zuletzt aktualisiert am 05.11.2020

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