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Styx

Deutschland/Österreich 2018

 

 

»Greifen Sie nicht ein! Ihre Anwesenheit verursacht zusätzliches Chaos.« Die Anordnungen der Küstenwache sind eindeutig, dulden keinen Widerspruch. Von Gibraltar aus ist eine deutsche Seglerin ist zu ihrem Sehnsuchtsort aufgebrochen: Ascension Island, Darwins künstlich angelegter Dschungel, die »Himmelfahrtsinsel« im Südatlantik. Von ihrer körperlichen wie mentalen Verfassung her ist die Ärztin bestens vorbereitet auf das Meeresabenteuer. Doch vor der mauretanischen Küste erfährt der Urlaub, nach Tagen einsamen Selbstbezugs, eine drastische Wendung: Sie sichtet einen mit Menschen überfüllten Fischtrawler. Er droht zu sinken, viele springen schon über Bord. Die Ärztin setzt Notrufe ab, doch die versprochene Rettung zieht sich ewig hin. Ein Junge schwimmt an ihre Yacht heran, mit größer Mühe hievt sie ihn an Deck. Er fleht sie um weitere Hilfe an, dort drüben droht seine Schwester zu ertrinken. Ihr Berufsethos, die schlichte Menschlichkeit, lassen gar keine Wahl, aber die Rettungsregeln richten sich nach anderen Prinzipien.

Ein Film, der kaum Worte braucht für die Dimension das Dramas: furioses Kino!

Fotos: Zorro Filmverleih, München

 

Themen

Migration, Einwanderungs- und Flüchtlingspolitik, Mittelmeer, Seenotrettung, humanitäre Hilfe, Menschenrechte, Menschenwürde, Moral, Idealismus, Toleranz, Verantwortung, Werte, Zivilcourage, griechische Mythologie, Segeln, Ascension Island

 

Fächer

Deutsch, Lebensgestaltung-Ethik-Religionskunde, Politische Bildung, Psychologie

 

Kritikerstimmen

»›Styx‹ heißt der Toten­fluss der grie­chi­schen Mytho­logie, der in der antiken Vorstel­lung die Lebenden von den Toten trennt. So ist diese poetische Geschichte des Aben­teuers einer Ärztin, die als Allein­seg­lerin dem Grauen und ihren eigenen Abgründen begegnet, auch eine in phan­tas­ti­schen, kraft­vollen, physi­schen Bildern grandios erzählte Höllen­fahrt, der Eintritt in eine Zwischen­welt, in der es keine Sicher­heiten mehr gibt. Diese Welt ist unsere, und Fischer legt frei, was Europa geschieht, wenn es dem Chaos nicht mehr auswei­chen kann. Wie Odysseus begegnet Rike dem Schrecken. Wie Odysseus ist sie neugierig, ange­trieben von einem Willen zum Wissen, aber wie Odysseus – wenn der sich an den Mast fesseln lässt, um den Gesang der Sirenen zu hören, aber doch außer Gefahr zu bleiben – bleibt immer ein Stück Distanz, die sie nicht aufgeben kann und will. Diese Frau, kühl, reser­viert, scho­ckiert von sich selbst, steht für uns alle.« Rüdiger Suchsland, artechock.de, München

»›Styx‹ sieht teilweise aus wie ein Dokumentarfilm, weil er auf die üblichen Mittel zur Emotionalisierung, auf die sich Spielfilme gern verlassen, völlig verzichtet. Erst zum Abspann gibt es Musik. Dialoge sind rar. Die Tonspur füllen die natürlichen Geräusche des Meeres, des Schiffes, der Tiere, der Handgriffe an Bord. Ein Föhn. Das Funkgerät. Und irgendwann von fern die Rufe der Menschen in Not.« Verena Lueken, Frankfurter Allgemeine Zeitung

»Mit Ausnahme der Sturmszene wurde Styx auf offenem Meer unter realen Bedingungen gedreht, Ton und Geräusche sind original, die Takes sind lang und geduldig, beteiligte Laiendarsteller und hinzugezogene Berater brachten ihre Erfahrungen aus der Seenotrettung und Flüchtlingshilfe mit und ein. Entstanden ist auf diese Weise nicht nur ein unheimlich authentischer Film, sondern auch ein schmerzlich aufrichtiger.«
Alexandra Seitz, ray Filmmagazin, Wien

»Es ist eine eindringliche Studie über Souveränität und Hilflosigkeit, Schuld und Unvermögen, die Wolfgang Fischer in seinem Spielfilm ›Styx‹ vorlegt. Die erste Hälfte des Films ist das Porträt einer starken Frau, allein im Atlantik, mit schöner Sicherheit und Souveränität gespielt von Susanne Wolff. Und dann der Zusammenbruch, die Ratlosigkeit, die Erkenntnis, dass es in dieser Situation kein richtiges Handeln gibt, trotz der ärztlichen und humanitären Verpflichtung zur Lebensrettung. Wenn Rike schliesslich stumm am Bug ihrer Jacht kauert und dem von ihr geretteten Jungen, der verlangt, dass sie zurückfährt und auch die anderen rettet, entgegenschleudert: ›Ich weiss nicht, was ich tun soll. Ich habe keine Antwort‹, ist das umso beklemmender, weil Rike bisher immer wusste, was zu tun war. Mit dieser Hilflosigkeit endet der Film, während aus dem Off die nächsten Notrufe kommen.«
Christina Tilmann, Neue Zürcher Zeitung

»Mit der Frage nach der gebotenen Hilfeleistung, zumal aus Sicht der Ärztin, findet der Film sein dramaturgisches Zentrum. Fischer inszeniert diese Passagen mit großer Umsicht, lässt die Spannung nie abreißen, ohne die Ereignisse zu überspitzen. Auch in diesen Momenten zeigt sich ›Styx‹ nicht als Film, der einen an der Hand nimmt, sondern Raum bietet, sich auf das Geschehen einzulassen. Das gleiche gilt auch für den politischen Hintergrund des Films, der zwar jahrelang von Fischer vorbereitet wurde, aber mit den Diskussionen über NGO-Schiffe, denen die Hilfsleistung verboten wird, brisante Bezüge erhält. Ein Film, der sich zurecht auch als Allegorie auf das ungleiche Kräfteverhältnis zwischen Europa und Afrika lesen lässt.«
Gunnar Landsgesell, kulturzeitschrift.at, 
Dornbirn

»Fischer vermeidet aber Moralisierung mittels Zeigefinger und besinnt sich auf die authentische Narration eines fiktiven Fallbeispiels. Wo die Stimme der Vernunft verstummt, werden ethische Grundfragen ganz von selbst laut, mit denen sich auch die Protagonistin von ›Styx‹ konfrontiert sieht: Was ist der Auftrag des Individuums, wenn sich Verantwortungsträger ihrer Verantwortung entziehen? Welche Risiken darf und muss es im Zeichen der Menschlichkeit eingehen? Angesichts der Ermangelung eines politischen Konsens bleibt uns auch ›Styx‹ die Antworten auf diese drängenden Fragen schuldig. Im Hinblick auf die dramatisch steigenden Zahlen ertrunkener Geflüchteter kommt eine öffentlichkeitsorientierte Diskussion des Dilemmas jedenfalls keine Minute zu früh.« Daniel Krunz, F+K / filmpluskritik.com, Wien

»Wie in einem Kammerspiel zeigt Styx die erbarmungslose Realität der zusammengewachsenen Zivilisation, aber es wäre abwegig, dem Film vorzuwerfen, er verkitsche mit seinen mythologischen Anspielungen die ›Flüchtlingskrise‹ zu einer antiken Tragödie, zu einem schicksalhaften Geschehen, das aus heiterem Himmel über dem Westen hereinbricht und ihn in tragische und nur mit machtpolitischem Darwinismus zu lösende Widersprüche verwickelt. Gegen diese Lesart spricht schon die kaum verdeckte Rolle, die der Botaniker Asa Gray (1810–1888) in Fischers Film spielt. Gray war ein Freund und Briefpartner Darwins, und als christlicher Humanist glaubte er an die Macht der Empathie in der ›göttlichen Menschenfamilie‹. Obwohl er damit wissenschaftlich auf verlorenem Posten stand, sträubte Gray sich bis zuletzt gegen Darwins Erkenntnis, die Evolution sei ein Anpassungsprozess, ein survival of the fittest. Dieser Naturalismus war für ihn unannehmbar, er schien ihm grausam und kalt. Und wie heißt nun die Jacht, auf der Rike den Atlantik quert? Nach allem, was man über die Leidenschaften der Heldin weiß, müsste sie ›Charles Darwin› heißen. Doch so heißt sie nicht. Sie trägt einen anderen Namen. Sie heißt Asa Gray.«
Thomas Assheuer, Die Zeit, Hamburg



zuletzt aktualisiert am 29.10.2019

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