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Roads

Deutschland/Frankreich 2018

 

 

»Alles, was wir bisher gemacht haben, war crazy, risky, stupid«, konstatiert Gillen durchaus selbstkritisch, aber ohne Bedauern. An seinem 18. Geburtstag fühlte er sich so frei, mit dem Caravan des Stiefvaters dem Familienurlaub in Marokko zu entfliehen. Das Ziel ist Frankreich, wo er seinen richtigen Vater zu treffen gedenkt. Weil der Motor streikt, ist Gillen sogleich auf Hilfe angewiesen. William scheint hier ein Retter in der Not und als Reisebegleiter willkommen. Der gleichaltrige junge Mann aus dem Kongo möchte auch nach Frankreich, kam doch das letzte Lebenszeichen seines Bruders aus Calais. Anders als Gillen aber ist William die Einreise nach Europa verwehrt. Es gilt, zwei Grenzen illegal zu überwinden. Soll die Zufallsbekanntschaft zur Freundschaft werden, müssen beide Empathie entwickeln, Vertrauen gewinnen, Verantwortung übernehmen. Es gibt vieles, was ihre Welten trennt, aber auch manches, was ihre Jugend verbindet. Calais wird ein Schock, hier zeigt sich Europa von seiner finstersten Seite.

Ein Roadtrip, vielleicht verrückt, riskant und unklug, aber von grenzüberschreitendem, bleibendem Wert.

Fotos: StudioCanal GmbH, Berlin



 

Themen

Familie, Familien- und Generationsbeziehungen, Heimat, Identität, Individualität, Lebensentwürfe, Migration, Flüchtlinge, Europa, Empathie, Toleranz, Werte, Menschenrechte, Freundschaft, Vertrauen, humanitäre Hilfe, Vater(-suche), Roadmovie

 

Fächer

Deutsch, Lebensgestaltung-Ethik-Religionskunde, Politische Bildung, Psychologie, Pädagogik

 

Kritikerstimmen

»Den Platz in der Welt zu finden – davon erzählt Sebastian Schipper am liebsten und am eindringlichsten. Nach und nach erforscht ›Roads‹ die Geheimnisse der Figuren, taucht in ihre Hoffnungen ein, kann am Ende allerdings nicht der Realität entkommen. Moral diktiert das Drehbuch nicht: Selbst wenn Gyllen und William auf ihrer Reise diverse Lektionen lernen, die sie gleichermaßen auseinandertreiben wie zusammenschweißen, erzählt Roads immer wieder von jenen Augenblicken, in denen völlig ungewiss ist, was als Nächstes passiert. Dann bleibt uns nichts anderes übrig, als Sebastian Schippers Beobachtungen zu folgen und seinen Gedanken zuzuhören, die auf so viele unterschiedliche Wege in seinen Film einfließen. Mal ist es eine Bewegung mit der Kamera durch die Nacht, mal ein Gesicht, das der Dunkelheit entgegenblickt.« 
Matthias Hopf, dasfilmfeuilleton.de, Berlin

»Auch wenn es nur indirekt um die politischen und menschlichen Katastrophen der Gegenwart geht, ist die Aussage doch allgegenwärtig: Könnte man die Hysterie und Paranoia der letzten Jahre ersetzen durch diese jugendliche Unbefangenheit, scheint sich der Film zu fragen. Um die Antwort gleich zu geben: Es gäbe gar keine Flüchtlingskrise. Und der Rechtspopulismus wäre sein zentrales Thema los. Roadmovies können wie kaum eine andere Filmform das Dokumentarische in den Spielfilm einfließen lassen. Schließlich bewegen sich ihre Helden in der fotografierten Wirklichkeit. So werden sie vielfach zu wichtigen Zeitdokumenten. ›Roads‹ ist das schon jetzt – als einer der wenigen populären Filme, die sich überhaupt diesem für unsere Zeit so zentralen Thema stellen.« Daniel Kothenschulte, Frankfurter Rundschau

»Diese Verknüp­fung von Persön­li­chem und Poli­ti­schem macht Schippers Film nicht nur zu einem gelun­genen, ganz hervor­ra­genden Film, sondern auch zu einem Film, der nicht nur in Kinos, sondern auch an Schulen gezeigt werden sollte. Denn ›Roads‹ ist auch ein Film über Europa und die Welt darüber hinaus, der von Scheitern ebenso wie von Gelingen erzählt, der versucht, dem komplexen Coming-of-Age eines noch so jungen Europa mit all seinen mora­li­schen Untiefen auf die Spur zu kommen, und der auch zeigt, dass Europa nur der Anfang ist, dass so wie Schippers Helden erkennen müssen – es alleine nicht geht.«
Axel Timo Purr, artechock.de, München

»In einer Welt ohne Gewissheiten wird die Strasse, das Symbol des gemeinsamen Vorankommens, zum verbindenden Sicherheitsstreifen all jener, die unterwegs sind. Solidarität ist eine Grundkonstante bei Schipper, diesem Regisseur der spontanen, individuellen Annäherung. Bei ihm passieren Begegnungen einfach: Begegnungen zwischen Menschen verschiedener Herkunft, Hautfarbe oder Religion. Man findet zusammen, sei es über ein Fussballtrikot, das einer trägt, sei es über die Familiengeschichte. Ungezwungen, ungekünstelt.« 
Tobias Sedlmaier, Neue Zürcher Zeitung

»Auf ihrem Weg gelingen Sebastian Schipper nicht nur immer wieder Momente atemberaubender Schönheit, wenn die zwei einmal quer durch Europa reisen. Gerade in den Szenen, die das menschliche Zusammenleben unweigerlich stören – ein Zusammentreffen mit einer Gruppe rassistischer französischer Rowdies oder die Szene mit Moritz Bleibtreu – liegen Ideale und Realität so dicht beieinander, dass man die von den Jungen gelebte Naivität nur zu gern in sich aufsaugt. Umso härter wirkt das Ende, denn hier liegt den Machern nichts ferner, als die Augen vor der Realität zu verschließen. Wie bittersüß.« Philipp Rhensius, kunst+film, Kassel, Berlin

»Schipper beweist einmal mehr eine sichere Hand bei der Wahl seiner jungen Hauptdarsteller: Ihnen glaubt man die Überwindung des Fremdelns, ihre allmählich entstehende Freundschaft und die Lust am Nervenkitzel, als es zuerst mit dem Wohnmobil, später mit dem Motorrad vom sonnigen Süden in den kühlen, zunehmend feindseligen Norden des Kontinents geht. Man kommt diesen Figuren sehr nah, ihre gegenseitige Empathie wirkt echt und wärmend. Ihre Reise führt allerdings in die Kälte.«
Andreas Borcholte, Der Spiegel, Hamburg

»Dass die Situation in Calais, wo alles endet, geschönt wäre, lässt sich nicht sagen. Dass sie – außer einer Familienzusammenführung – keine drastischen Folgen hat, schon. Sebastian Schipper ist halt kein Aufklärer. Er ist ein feiner Mensch. Und ein Optimist. Filme ohne Hoffnung, hat er mal gesagt, könne er nicht und wolle er auch gar nicht. Die große Tabula rasa, die große Kollision zwischen Märchen und Gegenwart findet bei ihm nicht statt, wird es vermutlich nie geben. Wenn die ›Roads‹ abgefahren sind, ist man zwar in Calais, was einer Hölle am Rand Europas ziemlich nahekommt. Aber selbst hier, in der größten Gefahr für die Humanität, wächst das Rettende auch.« Elmar Krekeler, Die Welt, Berlin

»Auch der Soundtrack ist grandios. Egal ob in den Montagesequenzen, die melodisch unterlegt sind, oder in den Momenten der dramaturgischen Ruhe, die von fast sphärischen Klängen begleitet werden. Es entsteht ein Klangbild, das dem Film eine einzigartige Stimmung gibt. Die Bilder sind größtenteils recht dunkel: im Wagen, in den vielen Nächten des Fahrens, Sich Versteckens, Feierns. Großartig, wenn Gyllen und William sich voreinander selbst inszenieren – als Fußballspieler, Kindersoldat, Jesus. Das hat eine unglaubliche Kraft und einen Sog, dem man sich nicht entziehen kann.« Verena Schmöller, kino-zeit.de, Mannheim

»Gyllen und William werden auch einmal Opfer von homophober Gewalt. Doch sind die beiden schwul? Nun, Sebastian Schipper belässt es bei Anspielungen und vagen Zärtlichkeiten zwischen den beiden, aber an sich haben sie nur eine gefühlvolle und enge Freundschaft. Dieser Freundschaft verleihen sie halt auch gebührend Ausdruck. Dass sie Feindseligkeiten ernten, ist also doppelt tragisch: ein Mann kann in diesem Klima keinen anderen Mann freundschaftlich lieben, seiner Verbundenheit Ausdruck und Platz geben, seine Verletzlichkeit offenlegen oder seiner naiv-ungehaltenen Freude am Anderen freien Lauf lassen. Es ist also nicht nur Homophobie, sondern auch toxische Männlichkeit, die hier hinderlich und repressiv ist. Das verleiht allen Filmen von Sebastian Schipper eine immense Kraft und Relevanz.« 
Carlos Hartmann, filmstelle.ch, Zürich



zuletzt aktualisiert am 29.10.2019

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