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Girl

Belgien 2018

 

 

»Wir setzen großes Vertrauen in dein Durchhaltevermögen«, bekundet mit ernster Miene die Lehrerin der Spitzen-Ballettschule. Gerade hat Lara beim Vortanzen den Stand ihres Könnens demonstriert. Nun gibt es acht Wochen Probezeit, in denen die 16-Jährige beweisen soll, ob sie zu den anderen, in ihrer Ausbildung bereits fortgeschrittenen Mädchen aufschließen kann. Gemeinsam mit dem Vater und dem kleinen Bruder ist Lara in die Metropole gezogen, um hier ihren großen Traum zu verwirklichen. Ist für jede künftige Spitzentänzerin das Maß an Willenskraft und Disziplin radikal, gilt das für Lara um so mehr. Schon die Vorstellung in ihrer neuen Klasse verdeutlicht den Ausnahmestatus: Der Lehrer bittet sie, die Augen zu schließen. Dann fragt er die anderen Mädchen, wer dagegen sei, wenn sich in ihrer Umkleide auch Lara umziehe. Niemand hebt den Arm. Scheinbar kein Problem für alle, dass Lara (noch) ein Junge ist, der sein Geschlecht wechseln und zur Frau werden möchte. Der Vater zeigt sich höchst verständnisvoll, unterstützt die Tochter in wirklich jeder Beziehung. Ärzte beschreiben ihr den Weg von der Hormonbehandlung bis zur Geschlechtsumwandlung, zeigen ihr die Risiken auf, mahnen vor allem zu Geduld. Doch genau die kann und will Lara nicht aufbringen. Nicht nur beim Training ist sie schonungslos gegen sich selbst, rebelliert gegen Kopf und Körper, am Ende bis zum Extrem. 

Hart und doch von größter Empfindungskraft: der Film geht unter die Haut!


Fotos: Universum Film, München


 

Themen

Akzeptanz, Außenseiter, Ballett, Empathie, Erwachsenwerden, Familie, Gender, Geschlechterrollen, Gruppendruck, Identität, Körperbilder, Lebenskonzepte, Leistungsdruck, Norm/Normalität, Pubertät, Selbstverwirklichung, Sexualität, Toleranz, Transgender, Vertrauen, Vorurteile, Werte

 

Fächer

Biologie, Deutsch, Französisch, Lebensgestaltung-Ethik-Religionskunde, Pädagogik, Psychologie, Sport

 

Kritikerstimmen

»›Girl‹ ist eine sehr besondere Geschichte des Erwach­sen­wer­dens, des im Kino oft beschrie­benen Coming-of-Age – ohne Pathos und Stereo­typen, aber voller starker Gefühle. Die Handlung geht auf eine wahre Bege­ben­heit zurück, und wenn man das etwas sehr plakative, harte Ende des Films gesehen hat, wird man vieles im Rückblick noch einmal anders beur­teilen.«
Rüdiger Suchsland, artechock.de, München

»›Girl‹ nimmt sich dieser Herausforderungen seiner Protagonistin – von der Unzufriedenheit mit dem eigenen Körper bis zu den verwirrenden ersten sexuellen Erfahrungen – mit großem Verständnis und Feingefühl an. Gerade ein junges Publikum führt der Film so an das Thema Transsexualität he­ran, ohne Laras Entscheidung für eine Hormontherapie und Geschlechtsumwandlung zu vereinfachen oder zu heroisieren. Der zunehmend düstere Verlauf der Handlung weist – trotz eines überzogenen Schockmoments am Ende – zu Recht auf die oft fatalen Folgen des gesellschaftlichen Drucks auf Transpersonen hin.«
Tim Lindemann, epd film, Frankfurt/Main

»Lara tanzt, die Kamera tanzt mit. Lara will als Tänzerin reüssieren und Ballerina werden. Obwohl ihr Körper kräftiger ist als die der anderen Mädchen, trainiert sie mit ihnen. Was nicht einfach ist. Sie fällt hin, steht wieder auf, kriegt es irgendwie hin, scheitert wieder. Tänzerin zu werden und einen anderen Körper zu haben – es ist derselbe Wunsch. Dhont zeigt die Brutalität, die diesem Prozess zugrunde liegt: blutende Füße, aufgeschürfte Wunden, Tränen. Lara zwingt ihren Körper zu Dingen, die ihm nicht bekommen. Wie die Geschlechtsangleichung stellt auch das Tanzen eine Angleichung dar: an starre, haarscharf festgelegte Posen und Bewegungen, die das klassische Ballett dominieren und den Körper in ein enges Korsett zwingen, ebenso wie die Begriffe ›Mann‹" und ›Frau‹.« 
Philipp Stadelmaier, Süddeutsche Zeitung, München

»Anders als in vielen Filmen, in denen die Transgender-Community zum Thema gemacht wird, steht hier nicht die Erkenntnis der Personen oder ihr Kampf mit Akzeptanz im Vordergrund, sondern das, was nach dem ›coming-out‹ kommt: der schwere, oft körperliche Kampf mit der Umwandlung. Es ist kein Drama voller Tragik und Klischees, sondern ein Film, in dem Empathie und Ehrlichkeit hervorgehoben werden. Und damit ist Lukas Dhont ein berührendes Meisterwerk gelungen.« Barbara Sorger, uncut.at, Graz

»Faszinierend an Dhonts Inszenierung ist just die Gratwanderung zwischen den dramaturgischen Zuspitzungen und der ausschnitthaften Perspektive, die die Erfahrung einzelner Momente priorisiert. Aus dieser Logik heraus erschließt sich die große Erzählung von der schwierigen Adoleszenz, dem Kampf gegen Widrigkeiten und für die eigene Identität als eine, zu der ein direkter Zugang von außen unmöglich ist. ›Girl‹ baut ganz sachte eine Brücke.« Frédéric Jaeger, Der Spiegel, Hamburg

»Ohne in Sentimentalität und simplifizierte Lösungsvorgaben auszuweichen, lotet der internalisierte Plot in schmerzlichen Szenen die emotionale Komplexität der Problematik aus und offenbart parallel die universelle Facette eines spezifischen Konflikts: die sublimierte Bestrafung eines Körpers, der nicht die ersehnte Gestalt oder Belastbarkeit besitzt. Die rohe Katharsis der aufgestauten Aggression mag aufgesetzt wirken; der Schmerz dahinter bleibt authentisch.« Lida Bach, pressplay.at, Wien

»Dhont malt die Strapazen dieser Ausbil­dung äußert lebendig aus und entmy­thi­siert diesen Beruf. Denn, um über eine Bühne leicht­füßig dahin schweben zu können, muss man sich vorher einem geradezu militä­ri­schen Drill unter­ziehen. Das hinter­lässt blutige Spuren nicht nur an den Zehen. Von ihrem stra­pa­ziösen, aber auch freud­losen Alltag, der sie zumeist von daheim in die Schule, zum Training und wieder nach Hause führt, vermit­telt Frank Van den Eedens Kamera ein sinn­li­ches Bild.« 
Heidi Strobel, artechock.de, München

»Die Umstände: die Ballettschule, die Pubertät, das Projekt, ein Mädchen sein. Lara (Victor Polster; umwerfend) will zweierlei, und sie will es absolut. Eine Ballerina werden und ein Mädchen werden. Dass sie längst eines ist, wird ihr im Verlauf von ›Girl‹ mehr als einmal gesagt werden, aber was die anderen glauben, glaubt Lara noch lange nicht. Nicht, solange sie nicht den Körper eines Mädchens hat. Und nicht, solange der Körper Widerstand leistet: gegen das Training, gegen die Dresscodes, gegen das Begehren; gegen die Norm, die Brüste vorsieht, aber keinen Schwanz; gegen Laras Blick, der ihren Körper nach Zeichen der Veränderung absucht und keine findet, immer noch nicht, auch wenn sie die Hormondosen heimlich erhöht.« Stefanie Diekmann, der Freitag, Berlin

»›Girl‹ ist auch nicht darauf erpicht, mit Spannung eine körperliche Verwandlung zu inszenieren, Kapital zu schlagen aus einem Vorher/Nachher-Effekt. Ganz im Gegenteil zeichnet sich der Film durch eine konsequente Verweigerung aus, irgendetwas an Laras Körper zu ändern. Zwar beginnt Lara eine Hormonbehandlung, die die weibliche Pubertät einleiten soll. Doch sichtbare Effekte werden während der Spielzeit noch nicht einsetzen. Und so ist ›Girl‹ auch ein Film über das Warten, das sehnsüchtige, alles beherrschende, unerträgliche Warten: auf die Wirkung der Hormone, auf die geschlechtsbestätigende OP, auf die Anerkennung als Ballerina. Das titelgebende Girl ist auch ein Hinweis auf ihr Teenagerdasein, auf die Ungeduld ihrer jungen Jahre: Nichts geht schnell genug.«
Manon Cacagna, critic.de
, Berlin

»›Girl‹ ist ein ziemlich toller Film und auch, wenn meine kleinen Vorbehalte nie den Drehbuchlevel verlassen, so hätte der Film noch eine Winzigkeit besser sein können, wenn man nicht einfach bestimmte Nebenfiguren zu generischen obstacles erklärt hätte, sondern diese Probleme aus dem Miteinander der Figuren entwickelt hätte […] Wie ›Girl‹ diese überspitzten Konfliktsituationen dennoch in das Gesamtkonzept des Films einbringt, zeugt von der Qualität des Films, der größtenteils auch einer ganz genauen Betrachtung standhalten kann – solange man nicht auf die wirre Idee kommt, dass jede noch so kleine Figur auch für sich selbst genommen bestehen muss. Thomas Vorwerk, satt.org, Berlin

»Warum hat man Lara nicht von einer jungen Frau mit Transgender-Hintergrund spielen lassen? Können zwei Männer wie Dhont und Angelo Tijssens, die gemeinsam das Drehbuch verfasst haben und selbst nicht Transgender sind, eine Geschichte wie die von Lara wirklich glaubhaft erzählen? Und tatsächlich bedient sich ›Girl‹ zahlreicher voyeuristischer Perspektiven: Laras Obsession für ihr Genital scheint auch der Kamera zu eigen, die sich immerzu auf die Suche nach der verräterischen Beule macht. Oder ist es die eigene Schaulust, die da über Wahrnehmbares richtet?« 

Carolin Weidner, taz, Berlin

»Auch in den USA [wird ihm nunmehr ] größere Aufmerksamkeit zuteil. Dort fallen die Reaktionen weit weniger positiv aus. Kritik kommt in erster Linie von LGBT-Gruppen und Transrezensenten, die ›Girl‹ eine übertriebene Körperfixiertheit vorwerfen. Manche stufen Dhonts Fokus auf die innere Zerrissenheit seiner Protagonistin gar als ›gefährlich‹ ein […] Auch der Umstand, dass weder Urheber noch Hauptdarsteller Transmenschen sind, wird moniert … Regisseur Dhont steht zu seinem Werk – und bekommt Rückendeckung von der belgischen Tänzerin Nora Monsecour, deren Lebensweg als Inspiration für ›Girl‹ diente.« Andy Arnold, Die Presse, Wien



zuletzt aktualisiert am 23.07.2019

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