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Pelo Malo
Pelo malo

Venezuela/Argentinien/Peru/Deutschland 2013

 

 

Der neunjährige Junior lebt mit seiner Mutter und einem Baby-Bruder in Caracas, der Hauptstadt Venzuelas. Der Vater ist ums Leben gekommen, die Witwe sichert den familiären Unterhalt mehr schlecht als recht mit einem Wachschutz-Job. Von der Security-Firma gefeuert, setzt sie all ihre weiblichen Reize ein, um sich dem Chef für eine Wiederbeschäftigung anzudienen. Ihr Verhältnis zum Sohn ist problematisch, von Zuneigung oder Zärtlichkeit keine Spur. Dabei sehnt sich Junior nach Wärme und Nähe, die er eher bei der Großmutter findet. Sie fördert auch die musischen Neigungen des Enkels, tanzt und singt mit ihm. Das entspricht Juniors Traum, sein Glück als Sänger zu machen – anerkannt, bewundert, berühmt zu werden. Was diesem Wunsch entgegenwächst, zeigen ihm die traurigen Blicke in den Spiegel: Junior hat schlechtes Haar, »pelo malo«, wie die Lateinamerikaner sagen. Popsänger haben eine schöne glatte Frisur, aber keinen Wuschelkopf. So klatscht sich Junior Speiseöl, Mayonnaise, Avocadocreme in die Locken – und nährt damit nur den Verdacht der Mutter, mit ihrem Jungen stimme was nicht. »Normale« Jungs spielen Fußball oder Krieg, laufen breitbeinig und kurzgeschoren durchs Leben, auch pinkeln sie nicht im Sitzen. Damit Junior lernt, wie Männer sind und was sie tun, erteilt sie ihm schonungslos Anschauungsunterricht. Das Dilemma der Gefühle, die Suche nach seiner Identität verlangt Junior am Ende wichtige Entscheidungen ab. 

Genau beobachtend, nie moralisierend oder verurteilend: ein rauer, schöner, zu Herzen gehender Film mit Bildern, die lange im Gedächtnis bleiben.

Fotos: imFilm Agentur + Verleih



 

Themen

Andersartigkeit, Außenseiter, Familie, Familien- und Generationsbeziehungen, Freiheit, Freundschaft, Gefühle, Geschlechterrollen, Gewalt, Homosexualität, Identität, Kindheit, Latein- und Südamerika, Machismo, Musik, Rollenbilder, Sexualität, Träume, Venezuela, Vorurteile, Werte, Wünsche

 

Fächer

Deutsch, Lebensgestaltung-Ethik-Religionskunde, Musik, Politische Bildung, Spanisch

 

Kritikerstimmen

»Ein intensiver Film aus einem Land der großen Schlagzeilen und gefühlsträchtigen Telenovelas. In dem subtilen, sensibel inszenierten Familiendrama geht es um Geschlechterrollen, um die Suche nach sexueller Identität, unterschwelligen Rassismus und soziale Marginalisierung. Der Regisseurin gelingt es eindringlich, das psychologisches Mutter-Sohn-Drama vor dem Hintergrund der großen Probleme des Landes zu entfalten: die Arbeitslosigkeit, die Gewalt in den Straßen, die ständig steigende Kriminalität. Die Kamera ist unauffällig und trotzdem immer ganz nah am Geschehen. Die Spannungen in der Familie und der desaströse Zustand des Landes sind ineinander verwoben, Venezuela erscheint als Gesellschaft, deren Fundamente schon so dekadent wirken wie die Plattenbauen, in denen die Familie lebt.« 
Wolfgang Hamdorf, film-dienst, Bonn 

»In diesem Film geht es nicht nur um den Wunsch eines Jungen, eine glatte Föhnfrisur zu tragen. Doch indem sie sich auf dieses kleine Beispiel konzentriert, gelingt es der Regisseurin Rondón, etwas Größeres zu erzählen: von der venezolanischen Gesellschaft, in der es für den einzelnen keinen Platz gibt, um sich zu entwickeln. Die Menschen sind gefangen in ihren kaputten Hochhäusern und in ihren kaputten Leben. Es gibt nur die Armut, die alles stillstehen lässt, und die Gewalt, der kaum jemand entgehen kann […] Die Gewalt in der Hauptstadt Venezuelas ist real. Ihr ist auch der junge Laien-Darsteller Julio Mendez zum Opfer gefallen, der in ›Pelo Malo‹ einen Kioskverkäufer spielte. Im April 2015 wurde er in Caracas auf der Straße getötet.«
Ana Maria Michel, Die Zeit, Hamburg

»So ist dies auch ein Film über Männermacht und den alltäglichen Machismo. Stilistisch ist ›Pelo Malo‹ ein Film, der sich über weite Strecken auf Beobachtungen verlässt. Stil, ruhig, mit reduzierten Dialogen, einer bewegten Kamera, die ihren Protagonisten dicht auf den Fersen bleibt. So gelingt der Film als naturalistisch-authentisches, oft fast dokumentarisches Portrait einer Megacity und ihrer Menschen, sowie eines Landes im Umbruch. Viele Fragen bleiben offen. Nichts wird beschönigt. Hier ist ›Pelo Malo‹ am stärksten.«
Rüdiger Suchsland, artechock.de, München

»Der Film besticht durch treffende prägnante Dialoge. Vieles spielt sich aber nonverbal ab in Blicken, Gesten, Körperhaltungen, der Art zu Gehen und im Gesichtsausdruck. Das Zusammenspiel der Schauspieler/innen ist sehr überzeugend und wirkt wie direkt aus dem Leben gegriffen.«
Karin Latour & Peer Kling, filmlandschaft.net, Urbach

»Es ist Rondón hoch anzurechnen, dass der Film keine moralische Position einnimmt, auch wenn die Sympathien des Zuschauers auf Seiten Juniors liegen. Weder verurteilt sie die beiden erwachsenen Protagonistinnen, noch versucht sie, ihr Verhalten gänzlich zu erklären. So wird ›Pelo Malo‹ zu einem berührenden und ehrlichen Zustandsbericht einer lateinamerikanischen Gesellschaft, die noch immer von einem dumpfen Machismo geprägt ist.«
Moritz Piehler, Der Spiegel, Hamburg

»Es wird beobachtet, bis ins kleinste Detail wird nichts ausgespart, alles wird gezeigt und durch Bild, Ton oder Dialog ausgesprochen. Zugleich aber enthält sich der Film jeder Wertung und Be- oder Verurteilung. Weder Mutter, noch Sohn, noch die anderen Figuren werden einer moralischen Deutung unterzogen. Es ist, was es ist: Die Realität in aller ihrer Hässlichkeit und all ihrer Ehrlichkeit. Die Szenen sind größtenteils improvisiert, die Kamera eher dokumentarisch, die Geschichte dadurch umso rauer und kantiger – aber eben auch echter und wirkmächtiger.«
Beatrice Behn, kino-zeit.de

»›Bad Hair‹ is an uncomfortably accurate depiction of a poignant mother-son power struggle in a fatherless family in which each knows how to get under the other’s skin. The instinctive and volatile characters in this hard little gem of a film have no awareness of the boundary issues so dear to the hearts of contemporary therapists. They have neither the time nor the money for the luxury of intervention. They need all their resources merely to survive.« 
Stephen Holden, The New York Times

»Pelo malo es, sin alardes, de una extraordinaria universalidad.«
Pamela Biénzobas, Mabuse




zuletzt aktualisiert am 31.08.2016

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