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Mustang

Frankreich/Türkei/Deutschland/Katar 2015

 

 

Letzter Schultag, endlich Sommerferien. Der Weg nach Hause führt fünf Schwestern im Alter zwischen 12 und 18 am Strand vorbei, sie rennen ins Meer. Übermütig albern sie herum, auf den Schultern von Mitschülern sitzend, haben sie Spaß an einer Wasserschlacht. Bester Stimmung ziehen sie heimwärts – und »von einem Tag auf den anderen änderte sich alles«, wie die jüngste der fünf berichtet. Kein Wunder, leben sie doch in einem kleinen anatolischen Dorf im Nordosten der Türkei. Hier wachsen die Mädchen seit dem Tod ihrer Eltern bei Oma und Onkel auf. Eine Nachbarin hatte die Geschwister bei den Wasserspielen beobachtet und ihre »Schamlosigkeit« sofort der Großmutter hinterbracht. Die Mädchen haben moralische Tabus gebrochen und den Ruf der Familie ramponiert. Zur Strafe gibt’s Hausarrest. Türen und Fenster werden verriegelt, Computer, Handys, Schminke beschlagnahmt. Bodenlange Sackkleider sollen die Reize ihrer Körper verhüllen, Ärzte müssen die heilige Jungfräulichkeit attestieren. 
Nach den Ferien wartet nicht die Freiheit, sondern die Zukunft: Die Mädchen sollen lernen, wie frau kocht, näht, putzt und alle eheliche Voraussetzungen erfüllt. Heiratswillige Kandidaten stehen schon zur Brautschau parat, eine nach der anderen wird angepriesen und ausgepreist. Aber mögen die Einschränkungen und Repressionen auch noch so anachronistisch, widersinnig und bedrückend sein: Die fünf Mädchen sind eins in ihrer Gemeinschaft. Gegenseitig machen sie sich Mut, bewahren sie ihre jugendliche Kraft und Lebenslust, ihre Hoffnung auf Ausbruch und Selbstbestimmung. Am Ende fliehen zwei der Mädchen auf einem Gemüsetransporter Richtung Istanbul, ein Bild der Hoffnung.

Im Vertrauen auf Selbstbestimmung und Emanzipation: Ein berührendes Gruppenporträt von großer emotionaler Kraft.

Fotos: Weltkino Filmverleih, Feldafing


 

Themen

Autorität, Ehre, Emanzipation, Erwachsenwerden, Familie, Familien- und Generationsbeziehungen, Frauen, Frauenbild, Gender, Geschlechterrollen, Geschwisterbeziehung, Gleichberechtigung, Heimat, Identität, Individualität, Islam, Konventionen, Liebe, patriarchalische Gesellschaft, Rebellion, Religion, Sexualität, Toleranz, Tradition, Türkei, Werte, Zwangsehe

 

Fächer

Deutsch, Lebensgestaltung-Ethik-Religionskunde, Philosophie, Politische Bildung, Sozialkunde

 

Kritikerstimmen

»Ich erlebe diese Oscar-Nominierung als eine große Ehre, aber sie gibt mir auch eine Menge Kraft. Der Film wirkt ja zunächst leicht inszeniert, fast wie ein Märchen. Aber das Thema liegt mir sehr am Herzen. Und in der Türkei gibt es derzeit sehr heftige Debatten, nicht nur um die Rolle von Frauen und Männern. Und diese Diskussion wird auch über meinen Film geführt, mit viel Aggressivität. Da ist diese Oscar-Nominierung auch ein Schutzschild. Der Film bekommt eine größere Resonanz. Das gibt mir Kraft.« Deniz Gamze Ergüven, Regisseurin 

»›Mustang‹, das Debüt von Deniz Gamze Ergüven, ist ein wunderbarer Film voller Hoffnung, Wut, Tragik, Poesie und Kraft. Er ist ein Glücksfall für das Kino, der vor allem durch das anrührende Spiel der fünf Mädchen, die herausragenden Bilder und die packende Regie überzeugt. In der Türkei ist der Film schon lange in den Kinos, aber er passt vielen nicht ins traditionell-konservative Weltbild erzählt die Filmemacherin.«
Jörg Taszman, Deutschlandradio Kultur, Berlin

»Ein realistisches Werk habe sie nicht drehen wollen, eher ein Märchen, erklärt die Regisseurin. Insofern ist es konsequent, dass die fünf Schwestern beinahe überirdisch schön sind und als elfengleiche Fabelwesen durchs Haus schweben. Dass die unglaublich langen Haare sie dramatisch umflattern und in der Sonne leuchten, die von draußen hereinbricht. Und zum Märchen wohl gehört auch, dass Lale und ihre Schwestern bei aller Disziplinierung innerlich lange völlig ungebrochen scheinen. Als seien sie, unberührt von der autoritären Umgebung, vollkommen freie Wesen.«
Julia Dettke, Der Tagesspiegel, Berlin

»Immer wieder fängt die Kamera die gebräunten Arme und Beine der Schwestern und ihre geröteten Wangen ein - aber auch ihre gierigen Blicke und ihre eindeutigen Aufforderungen. So durchzieht den Film eine Sinnlichkeit, die immer auf Seiten der Mädchen ist. Damit behauptet sich ›Mustang‹ trotz seiner beklemmenden Geschichte letztlich als Sehvergnügen, ähnlich wie sich die Mädchen mit ihrer Lebenslust behaupten - eine grandiose Erneuerung des Sozialdramas und ein furioser Einstand im europäischen Kino zugleich.«
Hannah Pilarczyk, Der Spiegel, Hamburg

»Ein großes Verdienst von ›Mustang‹ ist es, dass er seine Geschichte nicht mit erhobenem Zeigefinger erzählt, sondern vielmehr auf die innere Dynamik der Konfrontation von ungestümen Freiheitsdrang und sozialer Unterdrückung setzt. In der Figur der von Ängsten geplagten Großmutter offenbart sich die verquere Logik des Systems: Die Enkelinnen sollen vor den Versuchungen ihrer erwachenden Sexualität geschützt werden, ebenso vor der gefürchteten moralischen Verurteilung durch die Dorfgemeinschaft. Deshalb müssen sie eingesperrt und ihrer Freiheit beraubt werden.«
Dominik Rose, film-kritik.net

»Doch der unbezähmbare Geist der Freiheit, den Deniz Gamze Ergüven auf so betörende Weise einfängt, ist ihr zufolge typisch für die heutige Generation junger Frauen. Es ist die Ankündigung und das Versprechen eines Umbruchs, den Präsident Erdogan auf lange Sicht nicht wird deckeln können.«
Anke Sterneborg, epd film, Frankfurt/Main

»Deniz Gamze Ergüven macht vielmehr deutlich, dass auch Männer, als die im Patriarchat Privilegierten, ihren Teil zur Emanzipation beitragen müssen, um über Generationen etablierte Machtstrukturen aufzubrechen. Gleichberechtigung kann keine reine Frauenarbeit sein! Während ›Mustang‹ uns also zeigt, wie Frauen an anderen Ort der Welt auch heute noch unterdrückt und körperlich enteignet werden, erzählt uns der Film auch etwas über uns selbst und unsere Möglichkeiten. Der Ausbruch ist möglich. Er erfordert Mut und ist manchmal gefährlich, aber es lohnt sich immer dafür zu kämpfen!«
Sophie Charlotte Rieger, Filmlöwin. Das feministische Filmmagazin (filmloewin.de), Berlin

»For all of the outrage that ›Mustang‹ inspires by its depiction of sexist oppression, it’s still enormously pleasurable to watch, in part because of its enchanting setting (it was filmed in the northern Turkish town of Inebolu) and Warren Ellis’s thoughtful score, but mostly because of Sensoy and her four equally beguiling co-stars. Among Erguven’s finest achievements with ›Mustang‹ is casting such mesmerizing actresses to play characters who would be just as at home in a Chekhov production or an Instagram-worthy fashion shoot […] That turns out to be yet another perfect choice for a movie that never puts a foot wrong.«
Anny Hornaday, The Washington Post

»Ms. Ergüven, who was born in Turkey, brings deft timing and an unapologetic appreciation of beauty to the story, qualities missing from other, schematic portrayals of clashes with traditional mores, Turkish or otherwise.«
Nicolas Rapoldov, The New York Times



zuletzt aktualisiert am 23.10.2018

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