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Wir sind jung. Wir sind stark.

Deutschland 2015

 

 

»Was ist los, Philipp? Machst du schlapp?« Schlappmachen ist nicht erlaubt, wer schlappmacht, ist draußen. Rostock, August 1992: Im trostlosen Wohngebiet von Lichtenhagen hängen die Jugendlichen in ihren Cliquen ab. Der Gruppendruck hält sie zusammen, Freundschaft und Loyalität sind nur Beiwerk einer aufgesetzten Ideologie. Allein- und im Stich gelassen von den Eltern und allen Autoritäten, sind sie Teil einer ›unberatenen Generation‹. Philipp wird aus dem 8. Stock eines Plattenbaus in den Tod springen. Ohne Job und ohne Aussicht auf ein sinnerfülltes Leben, ohne Träume und ohne Halt sind sie anfällig für rechtsradikale Parolen. Unter dem Beifall von Mitläufern, Gaffern, ›normalen‹ Bürgern werfen sie auf dem Höhepunkt eines Pogroms gegen Migranten und Asylsuchende nicht nur den ersten Stein, sondern im sich steigernden Rausch tödliche Brandbeschleuniger in das Wohnheim vietnamesischer Gastarbeiter. Die Geschichte eines tragischen Tags aus dem Blickwinkel unterschiedlicher Menschen, Deutscher und Vietnamesen. Ein packender Spielfilm, der zeigt, wie Gewalt entsteht und wohin sie führen kann.

»Wir sind jung. Wir sind stark.« erzählt die Geschichte eines Tages, des 24. Augusts 1992, aus dem Blickwinkel unterschiedlicher Menschen, Deutscher und Vietnamesen. Sie alle eint die Sehnsucht nach Heimat, Liebe und Anerkennung. »Wir sind jung. Wir sind stark.« ist Zeitgeschichte und Rückblick, aber mindestens ebenso Gegenwart und aktuelle Vergewisserung eigener Meinungen, Haltungen, Positionen.


Fotos: Zorro Filmverleih, München


 

Themen

(deutsche) Geschichte, DDR- und Nachwendezeit, Familie, Familien- und Cliquenbeziehungen, Erwachsenwerden, Identität, Heimat, Menschenrechte, multikulturelle Gesellschaft, Rassismus, Gewalt, Vorurteile, Werte, Zivilcourage, Asyl, Flüchtlinge, Gruppendruck, Demokratie, Toleranz, Generationskonflikt, Zeitgeschichte

 

Fächer

Deutsch, Lebensgestaltung-Ethik-Religionskunde, Politische Bildung, Psychologie, Sozialkunde

 

Kritikerstimmen

»›Wir sind jung. Wir sind stark‹ ist ein drastischer, außergewöhnlicher und sehr guter Film. Größtenteils in Schwarz-Weiß gedreht, erzählt er in immer wieder überraschenden Kameraperspektiven vom 24. August 1992, der als Tag des ersten Pogroms in Deutschland seit Kriegsende in die Geschichte eingehen wird. Regisseur Burhan Qurbani war damals noch fast ein Kind. Er wurde 1980 als Sohn afghanischer Eltern in Erkelenz geboren. Das Drehbuch hat er zusammen mit Martin Behnke geschrieben, der gebürtiger Ostberliner ist […] Die Leistung Qurbanis und Behnkes besteht darin, dass sie alles, was wichtig für das Verständnis der Ereignisse ist, wie nebenbei in ihren Film einfließen ließen, ohne ihre Figuren auch nur einen Moment aus den Augen zu lassen. Manchmal lassen sie die jungen Schauspieler Sätze sagen, die damalige Jugendliche so oder ähnlich tatsächlich formuliert haben.« Ulrich Gutmair, taz, Berlin

»Hier wird keineswegs an ein abgeschlossenes Kapitel aus dem wiedervereinten Deutschland erinnert. ›Wir sind jung. Wir sind stark.‹ ist angesichts fremdenfeindlicher Demonstrationen wie auch der NSU-Mordserie geradezu beklemmend aktuell […] ist ein Thriller, dessen gesellschaftspolitischer Sprengstoff Zeitdokument und Fingerzeig zugleich ist. Der beste deutsche Film seit langem.«
Jörg Albrecht, Deutschlandfunk, Köln

»So sehr Qurbanis Film von einem politischen Ethos getragen und dem Kampf gegen Rechtsextremismus und Fremdenfeindlichkeit gewidmet ist, so wenig gibt er sich mit einfachen sozio-ökonomi-schen Erklärungen und politischen Ansagen zufrieden. Früher hätte man gesagt, ihn interessiere das Allgemein-menschliche. So ist es in der Tat. Und es hat gar nichts Tröstliches. […] Durchweg glänzende Schauspieler machen ›Wir sind jung. Wir sind stark.‹ zu einem wirklich großen Film, der vor dem Hintergrund sich neuerlich verschärfender Konflikte um Zuwanderung und kulturelle Toleranz genau zur richtigen Zeit kommt.« Eckhard Fuhr, Die Welt, Berlin

»›Wir sind jung. Wir sind stark.‹ ist kein Film über Rechtsradikalismus, sondern über die Fremdenfeindlichkeit, die in der viel beschworenen ›Mitte der Gesellschaft‹ entsteht. Er zeigt, wie Frauen, Männer, Kinder und Jugendliche sich zum Mob formieren und eine Gewaltorgie gegen Schutzlose zum Volksfest wird, bei dem man sich an eilig bereitgestellten Imbissbuden mit Bier versorgt. Es sind diese Bilder, die die Rezeption von ›Wir sind jung. Wir sind stark.‹ prägen werden. Angesichts der beschämenden Pegida-Demonstrationen eröffnet der Film erschreckende Parallelen.« 
Oliver Kaever, Spiegel-online Kultur, Hamburg

»Die nun in vielen Filmkritiken gezogenen Parallelen zwischen Lichtenhagen und Pegida sind dennoch nicht stimmig. Das Leben der aktuell gegen ein Phantom demonstrierenden Dresdner ist keineswegs von ähnlicher Unsicherheit geprägt, wie das der Rostocker 1992. Eher könnte man die totale Perspektivlosigkeit jener ostdeutschen Wendejugendlichen mit der aktuellen Situation migrantischer Vorstadtkids in den europäischen Metropolen vergleichen - eine Situation, die etwa der französische Premier dieser Tage als ›Apartheid‹ bezeichnete. Um der Katastrophe von 1992 auf den Grund zu gehen, bietet Qurbani ein kompliziertes Personaltableau auf, ein verwirrendes Gesellschaftspuzzle. Das wird erst nach und nach durchschaubar, je näher die finale und schreckliche Nacht der gemeinschaftlichen Menschenjagd rückt […] Beim Sehen dieses komplexen Films schwingt permanent Unsicherheit mit. Ist dies die Unsicherheit des Zuschauers, dem das eigene, durch den Film erzeugte Verständnis für die Rechten zu weit geht? Macht uns der Film zu Naziverstehern? Der Weg, den Qurbani gewählt hat, ist mutig, weil er angreifbar ist. Das Wagnis hat sich gelohnt.« Tobias Riegel, Neues Deutschland, Berlin

»Qurbani besteht auf der subjektiven Annäherung seines Films an das schwierige Thema, auf der offenen Erzählweise, die andere Fragen stelle als journalistische Kommentare und zeithistorische Analysen. Er und sein Ko-Autor Martin Behnke haben ihre Prota-gonisten in all ihrer Verlorenheit und Zerstörungslust lieben ge-lernt. Genau hier sieht Qurbani die Grenze zwischen seiner Haltung als Filmregisseur und seinem Blick als Zeitgenosse, der in der islamfeindlichen ›Pegida‹-Bewegung dieselben fatalen, immer wieder verdrängten Unterströme gewaltsamer Abgrenzung wirken sieht wie 1992. Dass Neonazis und Rassisten ›Wir sind jung. Wir sind stark.‹ für sich vereinnahmen könnten, befürchtet er aber nicht.«
Claudia Lenssen, Der Tagesspiegel, Berlin

»Ein großartiger emotionaler Effekt ist das, den Regisseur Burhan Qurbani mit großer kinematographischer Souveränität erzeugt: Selten sieht man so etwas im Kino, schon gar nicht in einem deutschen Film. In perfekter Steigerung folgen wir diesem Tag von morgens bis abends, in vollkommenem dramatischem Aufbau präsentiert Qurbani die zunehmende Aggressivität, die sich am Abend in reinem Terror gegen die Rostocker Ausländer entlädt. Und das bezieht sich nicht nur auf die Entwicklung der Handlung oder auf die formalen Mittel, auch im Kleinen weiß Qurbani sehr genau, seine Akzente zu setzen: Etwa mit dem Leitmotiv dreier Kinder, die in einem geklauten Einkaufswagen Flaschen sammeln …«
Harald Mühlbeyer, kino-zeit.de, Mannheim

»Und doch, das macht die Stärke des Films auch, löst sich nicht alles in naheliegenden Erklärungsmustern auf. Psychologie und Psychopathologie erscheinen als entscheidende Faktoren, gewissermaßen als Brandbeschleuniger. Die fabelhaften Darsteller beglaubigen diese These. Jonas Nay als Stefan, der als erster einen Brandsatz wirft, ist zerrissen zwischen Empathie und Aggressivität, Ekstase und Gewissensbissen. In seiner Lust an der Zerstörung liegt auch etwas Selbstzerstörerisches. Manchmal scheint es, als wolle er sich selbst auslöschen.«
Dietmar Kanthak, epd film, Frankfurt/Main



zuletzt aktualisiert am 22.10.2019

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