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Captain Fantastic – Einmal Wildnis und zurück
Captain Fantastic

USA 2016

 

 

»Amerikaner haben zu viel Medikamente, aber zu wenig Bildung intus.« Erkenntnisse wie diese schreibt Ben Cash seinen sechs Sprösslingen im Alter zwischen 8 und 18 hinter die Ohren. Der Vater – eine Mixtur aus Wildhüter und Schamane, Hippie und Philosoph – ist Anführer und Erzieher einer Gemeinschaft gleichberechtigter Kinder oder vielleicht auch kleiner Erwachsener: körperlich und geistig auf höchstem Niveau. In engster Verbindung zur reinen Natur, in weitester Distanz zur unsauberen Gesellschaft leben sie im Wald. Ihre sozialen und kulturellen Defizite werden offenbar, als sie ihr Refugium verlassen und zur »Mission Mama befreien« aufbrechen. Die seit langem psychisch kranke Mutter hat sich umgebracht und soll nun bei ihren Eltern in New Mexico erdbestattet werden. Doch letzter Wille der bekennenden Buddhistin war es, eingeäschert und auf ganz spezielle Weise entsorgt zu werden.

Der Roadtrip wird zur Bildungsreise für alle Beteiligten, ob Aussteiger oder Konformisten.

Fotos: Universum Film GmbH, München


 

Themen

Andersartigkeit, Außenseiter, Bildungs- und Erziehungsziele, Eltern-Kind-Beziehung, Erwachsenwerden, Erziehungsmethoden, Familie, Familien-, Geschwister- und Generationsbeziehungen, Ideale, Identität, Individualität, Kommunikation, Konsumkritik, Lebenskonzepte, Literatur, Natur, Roadmovie, Toleranz, Utopien, Vorurteile, Werte

 

Fächer

Deutsch, Englisch, Kunst, Lebensgestaltung-Ethik-Religion, Psychologie

 

Kritikerstimmen

»Alles in allem gelingt dem Film eine überzeugende Balance zwischen dem Humor seiner Erzählung, der nie ganz verschwindet, und der Erörterung sehr ernsthafter Fragen […] Matt Ross, der seine Kindheit in Kommunen verbracht hat, mag kein endgültiges Urteil fällen. Aber er gibt eine sehr genaue Zustandsbeschreibung des Landes. Und er hält in der zentralen Aussage seines Films fest: Jene essenziellen amerikanischen Werte, individuelle Freiheit und Selbstbestimmung, die stets auch eine gewisse Staatsferne einschlossen, waren nie ein Privileg der Rechten. Daran zu erinnern, ist nicht nur Gold wert, sondern fast revolutionär.« 
Philipp Bühler, Berliner Zeitung

»Dass es nicht darum geht, die Guten gegen die Bösen auszuspielen, das ist, wenn er schon eine bräuchte, die Botschaft dieses Films. Aber eigentlich geht es darum, dass jede Vertreibung aus dem Paradies eine tief traurige und herzlich komische Angelegenheit ist, und dass man, wenn man Mensch sein oder werden will, gar nicht darum herumkommt. Bis in die letzte, ungeheuer kunstvoll eingerichtete Einstellung bleibt die Schwebe erhalten. Zwischen der Trauer um das verlorene Paradies und der Einsicht in die Notwendigkeiten der Gesellschaft, zum Beispiel. Dieser Ben Cash, der hatte ja beides in sich, die Weisheit eines leicht entrückten Philosophen und die Gefährlichkeit eines fundamentalistischen Sektierers, einen Noam Chomsky und einen Unabomber. Dass sich Ben schließlich so entscheidet, wie er es tut, ist eine Art Happy End. Auch wenn vom Paradies nicht mehr bleiben kann als ein trauernder Blick aus dem Fenster – oder die Frühstückslektüre eines Buches. Oder eben ein Film.«
Georg Seeßlen, Strandgut – Das Kulturmagazin, Frankfurt/Main

»Die gelungenste Passage des Films ist die anfängliche Konfrontation der Kinder mit dem ›richtigen‹ Amerika, mit der Fettsucht, der jugendlichen Verdummung, dem (verhuschten) Sex usw. Dann zerbröckelt langsam das zu Beginn so perfekte Bild einer ›besseren‹ Erziehung, weil immer deutlicher wird, dass keine Erziehung perfekt ist. Eltern müssen schon damit zufrieden sein, keine schwerwiegenden Fehler zu machen. Und auch Ben ist hier und da überfordert.« Thomas Vorwerk, satt.org, Berlin

»Allzu ernst nimmt der Film jedoch seine Konflikte nie – und genau das macht seinen besonderen Charme aus. Er spielt mit den ideologischen Versatzstücken, aber die Situationen, die er dafür schafft, verlassen nie wirklich das Reich des Feel-Good-Movie. Was in diesem Fall aber nicht unbedingt mit Seichtigkeit gleichzusetzen ist, denn mit dem ›Feel-Good‹-Gefühl transportiert Matt Ross in seinem Film eine durchaus subversive Botschaft. Die lautet ungefähr: Für das Wohl der Kinder kann auch die ›richtigste‹ Ideologie mal gebeugt werden […] Feel-Good-Movie – das bedeutet auch, dass ›Captain Fantastic‹ am Ende Widersprüche auflöst, von denen wir alle wissen, dass sie so leicht nicht aufzulösen sind, von wegen richtiges Leben im falschen usw. Aber das Schöne an Matt Ross’ Film ist, dass er mit Macht an ein wie vergessenes Stück linker Utopie erinnert: den Glauben an die prinzipielle Hochbegabung aller Kinder, egal welche Eltern sie haben.« Barbara Schweizerhof, taz, Berlin

»Denn Captain Fantastic zeichnet sich neben seinen über­ra­genden schau­spie­le­ri­schen Leis­tungen vor allem dadurch aus, dass er sich bis kurz vor Ende fast jeder fixen ideo­lo­gi­schen Zuordnung entzieht. Immer wieder über­rascht der Film mit Kehrt­wen­dungen und einer Ambi­guität, die ein wenig an Maren Ades ›Toni Erdmann‹ erinnert, und es wird nie ganz ausge­deutet, was Ben wirklich ist: ein großar­tiger Lehrer, der seinen Kindern das Geschenk von ewiger Neugier und Freiheit mitgibt oder ein über­grif­figer Vater, der auf Kosten seiner Frau und seinen Kindern den irren Traum einer verqueren Hippie-Moral lebt.« Axel Timo Purr, artechock.de, München

»Der ›Captain Fantastic‹ übertrifft ›Little Miss Sunshine‹ gleich einmal in einer wichtigen Hinsicht: Er steuert nämlich einen Schulbus. Das Fahrzeug könnte symbolischer nicht sein, und zum Einsteigen sind alle eingeladen, die von Büchern noch etwas erhoffen, die über die kleinteiligen Fraktionierungen der Linken im zwanzigsten Jahrhundert Bescheid wissen wollen und die die „Bill of Rights“ auswendig können. Draußen bleiben sollten App-Idioten und Konsumjunkies. Bert Rebhandl, Frankfurter Allgemeine Zeitung

»Es ist vor allem das wunderbare Ensemble, dass diese anrührende, erst zum Schluss eine Spur zu zuckrige Aussteigerballade zum Kinoerlebnis macht. Von den beiden Kleinsten im Grundschulalter bis hin zum fast erwachsenen Bo werden die Kids glaubwürdig porträtiert. Der überbordenden Natürlichkeit der jungen Darsteller setzt Viggo Mortensen eine in seiner physischen Präsenz gründende Ruhe und Genauigkeit entgegen, die nie gegen etwas anspielen muss. Sein Ben ist der Captain Fantastic (man hülle den Mantel des Vergessens über den dummen und irreführenden Verleih-Untertitel Einmal Wildnis und zurück), der idealistische Träumer von einer besseren, gerechteren Welt. ist ein kapitalismuskritisches Roadmovie.« Jörg Wunder, Der Tagesspiegel, Berlin



zuletzt aktualisiert am 06.12.2017

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