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Als Paul über das Meer kam – Tagebuch einer Begegnung

Deutschland 2017

 

 

»Ich hab's verdient. Ich habe gekämpft, hier anzukommen. Ich habe viele Grenzen überquert.« Wahrscheinlich wäre der junge Kameruner nie in Brandenburg gelandet, hätte er nicht einen deutschen Dokumentarfilmer kennengelernt. Der war nach Marokko gereist, dorthin, wo die spanische Exklave Melilla von einem hohen Zaun abgeschirmt ist. Das Metallmonstrum soll afrikanische Migranten daran hindern, nach Europa zu gelangen. In einem Lager im Wald trifft Jakob Preuss auf Paul Nkamani. Die Zufallsbegegnung wird zur Fügung – und Paul zum Protagonisten eines filmischen Tagebuchs. Die Einträge erzählen vom Schicksal eines Einzelnen und gehen doch weit darüber hinaus. Vor allem beziehen sie den Beobachter mit ein, fordern ihn heraus, verlangen ihm Haltungen und Handlungen ab. Aber muss ein Dokumentarist nicht Distanz wahren? Jakob Preuss entscheidet sich anders, legt dafür seine Gründe, die Bedenken und Zweifel dar. Pauls Asylantrag ist noch immer ohne Bescheid. 

Ein Dokumentarfilm, der über viele Grenzen und nahegeht.

Fotos: farbfilm Verleih, Berlin


 

Themen

Afrika, andere Kulturen, Asyl, Diskriminierung, Dokumentarfilm, Einwanderungs- und Flüchtlingspolitik, Empathie, Filmproduktion, Flucht/Vertreibung, Flüchtlinge, Heimat, Integration, Menschenrechte, Menschenwürde, Migration, multikulturelle Gesellschaft, Religion, Toleranz, Verantwortung, Vertrauen, Vorurteile, Werte, Willkommenskultur

 

Fächer

Deutsch, Lebensgestaltung-Ethik-Religion, Politische Bildung, Psychologie

 

Kritikerstimmen

»›Als Paul über das Meer‹ kam ist ein kantiger, manchmal beinahe roher Dokumentarfilm, der an die Tugenden journalistischer Reportagen der ganz Großen ihrer Zunft erinnert: Der Film beweist, dass Neugier und Haltung, Distanz und Empathie, Geduld und Spontanität, aber auch die Bereitschaft, die eigenen Unsicherheiten zuzulassen, nicht allein journalistische, sondern ganz allgemein (zwischen)menschliche Tugenden sind, derer wir uns immer wieder erinnern und versichern müssen. Und er zeigt ein menschliches Gesicht – eben jenes von Paul –, nach dessen Anblick viele das Gerede um die ›Flüchtlingskrise‹ mit anderen Augen sehen werden. Zumindest dann, wenn sie dazu bereit sind.« 
Joachim Kurz, kino-zeit.de, 
Mannheim

»Das Genre der Flüchtlingsdokumentation war in den letzten Jahren im Kino inflationär vertreten. In ›Als Paul über das Meer kam‹ steht nicht die Mittelmeer-Route im Mittelpunkt, vielmehr konzentriert sich Preuss auf Pauls Odyssee durch Europa. Ihr Verhältnis bleibt dabei ambivalent. Wo endet die neutrale Rolle des Dokumentarfilmers, wo beginnt die Komplizenschaft – wenn das menschliche Schicksal sich plötzlich mit dem eigenen Leben vermischt? Formal kommt Preuss sichtlich vom Fernsehen, für das er bereits preisgekrönte Dokumentarfilme gedreht hat. Immer wieder arbeitet er mit animierten Sequenzen. Aber die Fragen, die sein Film stellt, sind grundsätzlicher als ästhetische Vorbehalte. Wie kann es sein, dass sich Europa der Verantwortung für die Menschen aus dem Globalen Süden entzieht? Eine Antwort liefert er nicht. ›Als Paul über das Meer kam‹ ist das Dokument einer ungleichen Freundschaft. Kein Plädoyer.« Andreas Busche, Der Tagesspiegel, Berlin

»In dem Experiment werden beide zu Versuchskaninchen: auf der einen Seite der ›typische‹ Flüchtling, der sich im bürokratischen Dschungel kaum zurechtfindet, auf der anderen der ›typische‹ Deutsche, der zwar hin-, im entscheidenden Moment dann aber lieber wegschaut. Auffällig wird an dieser Stelle, dass der Film sämtlichen Klischee-Fallen entgeht, was ihm durch permanente Reflexion und Offenheit gelingt, durch Antagonisten wie Schleierfahnder, Frontex-Mitarbeiter und Grenzpolizisten, die als solche nicht taugen, aber auch durch eine kluge, sachliche Montage sowie eine Kameraführung, die nicht einmal auf die Idee kommt, emotionale Momente auszuschlachten. Das Ende des Films ist dann überraschend und umso emotionaler, für alle Beteiligten.«
Julia Teichmann, film-dienst, Bonn

»Vielmehr kann nur die Forderung nach sicheren Transitrouten Menschen retten, dass wird in dem Film noch einmal deutlich. Denn selbst ein so rational agierender Mensch wie Paul Nkamani kann noch nicht sagen, dass er es wirklich geschafft hat, in Deutschland zu bleiben. Seine Abschiebung ist noch immer möglich. Vielleicht kann ihn seine Popularität durch den Film davor bewahren. Der Film wiederum sollte nicht nur als Selbstbestätigung einer mittelständischen Helferszene dienen, sondern auch die Diskussion darüber eröffnen, dass es bei den Migranten nicht um hilfebedürftige Mündel, sondern um Subjekte handeln, die ein Ziel im Leben haben und es umzusetzen versuchen, auch ohne und gegen die Interessen der Helfer.«
Peter Nowak, telepolis.de, Hannover

»In der ungewöhnlichen Nähe des Regisseurs zu seinem Helden liegt der Reiz, zugleich aber auch die Gefahr des Films. Durch Preuss' Gegenwart, zumal mit der Kamera, erwachsen Paul Vorteile, die ein anderer Migrant nicht gehabt hätte. Dass der Film dieses Dilemma thematisiert, gehört zu seinen Stärken. Genauso wie der offenkundige Wille, auch anderen Beteiligten des alltäglichen Flüchtlingsdramas eine Stimme zu geben: Preuss spricht in Melilla mit der Guardia Civil, begleitet den Einsatz eines Frontex-Patrouillenbootes sowie zwei Bundespolizisten während ihrer Schleierfahndung an der deutschen Grenze. Für den Zuschauer ist das stets erhellend, mitunter desillusionierend.«
Kaspar Heinrich, Die Zeit, Hamburg

»Nkamani hatte gehofft, dass Preuss ihm bei der Frauensuche hilft. Preuss sagt aber, dass Nkamani sich selbst darum kümmern muss. Es ist nicht das einzige Thema, bei dem die beiden unterschiedlicher Meinung sind. Nkamani sagt, es müsse eine Obergrenze für Flüchtlinge geben. Preuss stellt die Frage, ob man nicht über offene Grenzen nachdenken sollte. Nkamani glaubt, dass vieles in seinem Leben in Gottes Hand liegt. Preuss glaubt das nicht. Nkamani hat konservative Ansichten, Preuss liberale. Obwohl die beiden seit ihrer ersten Begegnung in Marokko sehr viel Zeit miteinander verbracht haben, gehen sie distanziert miteinander um. Sie scheinen sich zu vertrauen und zu respektieren. Aber sind sie befreundet? Nach dieser Frage herrscht einige Sekunden Stille.«
David Wünschel, Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung



zuletzt aktualisiert am 09.11.2017

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