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Die Schauspielerin

DDR 1988

 

 

Deutschland 1933. Die Nazis haben die Macht übernommen, es ist der Anfang vom Ende jüdischen Lebens hierzulande. Mark Löwenthal ist an einem Magdeburger Theater engagiert, und dass er Jude ist, war für ihn bislang ohne Bedeutung. Nun wird er, wie die meisten jüdischen Künstler in staatlichen Kulturbetrieben, entlassen. Er nutzt die Möglichkeit, die ihm eine von den Nazis vorerst noch geduldete Jüdische Bühne in Berlin bietet. Mark muss aber nicht nur die Stadt und das Theater wechseln, vor allem schmerzt ihn die Trennung von seiner Geliebten, die in Magdeburg auch seine Kollegin war. Maria Rheine ist eine germanische Frau wie aus dem Bilderbuch. Mit ihrem Aussehen und ihrem Talent stehen ihr die großen Bühnen des Landes offen. Sie geht nach München, und das Paar lebt sich auseinander – in zwei verschiedenen Welten. Mit Schillers »Jungfrau von Orleans« feiert Maria einen grandiosen Triumph. Am Premierenabend findet sie in ihrer Garderobe Marks Blumenstrauß. Sie persönlich zu treffen, kann und will er nicht riskieren. Maria aber beginnt zu begreifen, die Erfahrung von Verführbarkeit auf der Bühne macht sie mutig für das Leben. Sie täuscht einen Selbstmord vor, reist mit schwarz gefärbtem Haar und gefälschtem Pass nach Berlin. Als Manja Löwenthal lässt sie sich am Jüdischen Theater engagieren. Was sie nun spielen muss, ist die Rolle ihres Lebens. 

»Ich will wagen und wagen bis in den Tod«: Theater zum Überleben. Rollen, Masken, Identitäten für die Rettung von Liebe und Würde. Eine (film-)historisch anspielungsreiche Verwandlung, die schicksalhafte Verbindung von künstlerischem Pathos und menschlicher Größe. Eine grandiose Hauptdarstellerin in einem politisch-persönlichen Film.

Fotos: © DEFA-Stiftung, Foto: Norbert Kuhröber


 

Themen

(deutsche) Geschichte, Antisemitismus, DEFA-Klassiker, Drittes Reich, Identität, Identitätswechsel, Kunst und Ideologie, Liebe, Literaturverfilmung, Moral, Nationalsozialismus, NS-Rassenideologie, Rollen, Schauspieler, Theater, Totalitarismus, Werte, Zivilcourage

 

Fächer

Darstellendes Spiel, Deutsch, Geschichte, Kunsterziehung, Lebensgestaltung-Ethik-Religionskunde, Politische Bildung

 

Kritikerstimmen

»Knapp, aber intensiv wird in nur wenigen Szenen der Zeithintergrund gezeichnet: der Boykott jüdischer Geschäfte 1933, zu Fanatismus verhetzte uniformierte Kinder, Rummel und Pomp der Berliner Olympiade 1936, der pflasterstampfende Stiefelstechschritt eines Tambourmajors vor seiner Militärkapelle. Das muß genügen, der novellistische Zuschnitt des Films vertrüge mehr nicht; Kunst kann nicht historischer Nachholunterricht sein.«
Helmut Ullrich, Neue Zeit, Berlin (1988)

»Kühn läßt sich in diesem Film auch auf einen Schritt ein, der für einen Spielfilm ganz und gar ungewöhnlich ist. Er verweist durch ein Inserat, das einen Teil der nazistischen Rassengesetze widergibt, auf die Grenzen jedes Spiels. Maria, die das jüdische Theater verlassen hat, setzt sich auf eine Bank, die nur für Arier bestimmt ist. Mark folgt ihr im Clownskostüm. Die unwirkliche Szene, in Nebel getaucht, versucht den Zuschauer auf diesen Schock – und es ist ein Schock, dies zu lesen – einzustimmen. Unter diesem Aspekt sieht man die letzten Szenen des Films. Menschen, die sich aneinanderklammern, eine Liebe, die bedroht ist. Ein Theater, das bald nicht mehr Zuflucht sein wird.«
Margit Voß, Berliner Zeitung (1988)

»Wie diese Frau das spielerische Leben einer Schauspielerin hinter sich läßt, was sie dabei zu durchleben hat, ihr untauglicher Versuch, neue Identität durch ein neues Rollenspiel zu gewinnen, der befreiende, aber zugleich tödliche Schritt aus dem Schatten — das hat menschliche und darstellerische Größe. In der Vorstellung dieses bemerkenswerten Films am frühen Dienstagnachmittag im Berliner ›International‹ hätte man, wäre sie zu Boden gefallen, die vielzitierte Stecknadel hören können.«
Horst Knietzsch, Neues Deutschland, Berlin (1988)

»Überzeugend vor allem auch deshalb, weil der an sich pathosgeladene Vorgang der Selbstverwandlung einer ›arischen› Schauspielerin in eine Jüdin ohne jede Sentimentalität dargestellt wird.«
Erika Richter, CineGraph, Lexikon zum deutschsprachigen Film, Hamburg

»Corinna Harfouch führt die Figur von der naiven Unbeschwertheit zur tief empfindenden Frau, sparsam Zeichen setzend, karg nur Kunde gebend von ihrer Innenwelt.«
Henryk Goldberg, Filmspiegel, Berlin (1988)

»Die Einsamkeit, die Sturheit, die stumme Zielstrebigkeit, die diese Rolle von ihr verlangt, bringt sie um den Partner im Spiel. André Hennicke hat es nicht leicht neben ihr. Sie läßt ihn so einsam, wie sie selbst ist. Es gibt nur die Umarmung der Verzweiflung.«
Regine Kühn in: Vor der Kamera. 50 Schauspieler in Babelsberg, Berlin 1995

»Der Film nutzt die Bühnenwelt – Proben, Aufführungen, Kostümwechsel in den Garderoben – für ein Spiel mit vielen Realitäten, politischen, kulturellen, psychologischen, geschlechtsspezifischen. Es gibt ungewöhnlich viele Spiegelszenen, die vor allem von Corinna Harfouch für die Zwiesprache mit sich selbst und mit den von ihr verkörperten Rollen genutzt werden. Sie erweist sich wieder als herausragende Darstellerin, die eine größere Wirkung entfaltet als ihre männlichen Partner.«
Hans Helmut Prinzler, aus der Besprechung der DVD-Edition (2015) – www.hhprinzler.de

»Ein beeindruckender Film. Ein Film, in dem die große antifaschistische Tradition der DEFA eine neue Variante gefunden hat. Das jüdische Schicksal ist auch ein deutsches Schicksal; die Heldin dieser Geschichte von einer verbotenen Liebe ist auch ein Opfer jenes schändlichen ›Gesetzes zum Schütze des deutschen Blutes und der deutschen Ehre‹, das unter schweren Strafandrohungen bestimmte: ›Eheschließungen zwischen Juden und Staatsangehörigen deutschen oder artverwandten Blutes sind verboten (...) Außerehelicher Verkehr zwischen Juden und Staatsangehörigen deutschen oder artverwandten Blutes ist verboten.‹ Welch eine Enthüllung faschistischer Ahumanität. Welche Menschenverachtung! Welch eine verabscheuenswürdige Anmaßung eines Unrechtsstaates, Liebe durch Paragraphen zu gängeln! Man darf es nicht vergessen.«
Helmut Ullrich, Neue Zeit, Berlin (1988)



zuletzt aktualisiert am 10.03.2016

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